Nicht nur die bürgerliche Öffentlichkeit, sondern große Teile des Feminismus, den man nicht anders als Pamela-Feminismus bezeichnen kann, halten an der – durch irgendwelche Darwinismen neu aufgepeppten – Vorstellung triebgesteuerter Lüstlinge fest, die ihre Macht dazu missbrauchen, Frauen, die sonst nichts von ihnen wissen wollten, an die Wäsche zu gehen. Und das erklärte Hauptziel des Pamela-Feminismus besteht nun darin, Frauen vor solchen Übergriffen zu schützen.

In Amerika und in Deutschland – Länder, in denen das gründlich reformierte Bürgertum gesiegt hat – ist die Ehe zwar keine Institution mehr, dafür aber in der seriellen Monogamie der einzige legitime Ort für Sex geworden. Frauen kommen in öffentlichen Diskursen entweder als Opfer männlicher Übergriffe vor, als die Sitzengelassenen, wenn es nicht zur Ehe gekommen ist, als betrogene Ehefrauen oder aber als Huren. Der pseudoreligiöse Charakter der Ehe tritt in Amerika besonders deutlich zutage, wenn betrügende Ehemänner nach der Beichte öffentlich Besserung geloben.

Nach über zweihundert Jahren Feminismus muss man sich verzweifelt fragen: Was ist mit der weiblichen Lust? Wieso schreiben wir nur den Männern – und das neuerdings pseudowissenschaftlich untermauert – Lust zu? Weshalb hängen wir an der verfolgten Unschuld? Und weshalb sind ausgerechnet große Teile der Feministinnen zu den überzeugendsten Vertretern dieser letzten Endes patriarchalischen Institution, der bürgerlichen Ehe, geworden? Wieso ist der Raum des Eros bei Männern auf den Trieb, bei Frauen auf bloßes Vorteilsstreben – Sex für Geld, Sex für sozialen Aufstieg – reduziert worden?

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, sich die große Verliererin der bürgerlichen Reform, die französische Adelige, in ihrer diffamierten Weiblichkeit näher anzusehen. Vielleicht sollte man auch an den antiken Seher Tiresias erinnern, der in seinem Leben das seltene Schicksal hatte, sowohl Mann als auch Frau gewesen zu sein. Von Zeus befragt, wer bei der Lust mehr Lust habe, sprach Tiresias neun Zehntel den Frauen zu. Die Männer mussten sich mit einem lächerlichen Zehntel begnügen.

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