Das Leben war einfach im Kalten Krieg; jedenfalls wussten wir, wo der Feind stand, nämlich draußen, jenseits der Elbe. Die Lage heute erinnert an den amerikanischen Kult-Cartoon Pogo. Das war ein Dachs, den die verängstigten Waldtiere eines Tages als Kundschafter ausschickten. Er kam zurück und meldete: "Ich habe den Feind gesehen, und der sind wir."

Der Feind steht heute mitten im eigenen Lager, im Westen. Europa und die USA bleiben die größte Wirtschaftsmacht auf Erden. "Atlantis" bringt fast sechsmal mehr Inlandsprodukt auf die Waage als China, 22-mal mehr als Indien. Und doch sieht der Gigant erbärmlich aus, als Opfer seiner eigenen Ohnmacht. Denn übler als alle Schulden ist das Herrschaftsdefizit von Washington bis Berlin. Schlimmer: Erstmals klafft das Unvermögen auf beiden Seiten des Atlantiks zugleich – siehe das Haushaltsduell am Abgrund , das sich Obama und Opposition liefern. Zum Glück ist es noch keine Demokratiekrise.

Wir wollen Obama, Merkel, Sarkozy und Cameron, die Großen Vier, nicht allzu heftig geißeln. Ihre Vorgänger hatten es leichter: Sie kannten den Feind, sie konnten seine Waffen zählen und nach der Kubakrise auch zähmen – mit Rüstungskontrolle und Entspannung. Heute können wir nur Schulden und Zinsen messen, aber ansonsten wissen allenfalls Schlauberger und Rückspiegelexperten, was zu tun wäre.

Gewiss doch, Europa hätte nie Athen mit dem Euro beglücken dürfen, in Wahrheit auch nicht Italien, das beim Beitritt drei der vier Stabilitätskriterien nicht erfüllen konnte. Gewiss, eine Währungs- ohne Fiskalunion kann nicht funktionieren; Euroland ist wie ein Zug mit 17 Lokomotiven, wo jeder Lok-Chef nach Gutdünken heizen kann – bis die Kohle ausgeht. Die Pleite Griechenlands – vornehmer: Umschuldung – ist nur eine Frage der Zeit, aber was dann? Der Angstgegner, der sich nicht fassen lässt, ist das "systemische Risiko" – ein Lehman-Krach in Potenz, der sich durch die Krisenländer und dann durch die gesamte Weltwirtschaft frisst.

Kein Wunder, dass die Politik ohne Kompass und Karte dasteht . Trotzdem darf man die Politiker nicht schonen. In Washington haben die Republikaner einen guten Deal weggefegt. Für einen Dollar mehr Steuern hätten sie drei Dollar an Einsparungen bekommen. Über zehn Jahre wäre das Defizit so um vier Billionen Dollar abgeschmolzen. Seit Wochen aber spielen beide Seiten Russisch Roulette mit der Nation – das mächtigste Land auf Erden, in dem Zwerge mit einem 1,5-Billionen-Defizit spielen.

Amerika, so Churchill, "wird immer das Richtige tun, aber erst nachdem es alle Alternativen ausgeschöpft hat". Kurz bevor die Regierung zumachen muss, weil sie die Gehälter nicht mehr bezahlen darf, wird es einen müden Deal geben – bis zum nächsten Haushaltskrieg. Giga-Defizit und Arbeitslosigkeit werden bleiben. Grundsätzlich aber lässt sich ein Zweikampf einfacher beenden als das Jeder-gegen-jeden der EU-27, plus EZB und Kommission. Siehe zuletzt die Verschiebung des Krisengipfels um eine Woche, derweil die Märkte in Sekunden reagieren.