Er sei kein Historiker, beteuert der Pensionist, der früher als Handlungsreisender für Maschinenfirmen in Osteuropa unterwegs war. Schon bevor 1998 die Gedenkstätte, finanziert von Gemeinde, Landesregierung, ÖVP-Bauernbund und einem "Kunstförderungsbeitrag" (200.000 Schilling) des Unterrichtsministeriums, vom omnipräsenten Landeshauptmann Erwin Pröll eröffnet wurde, hatte ihn der Gemeinderat für den ehrenamtlichen Gedenkdienst gekürt. Stolz bezeichnen ihn die lokalen Zeitungen heute als "Dollfußologen". Er wolle niemanden überzeugen, beteuert er, bei seinen Führungen erzähle er nur, was er sich "zusammengelesen" habe.

Neben Wandergruppen, Seniorenvereinen, katholischen Studentenverbindungen oder Pfarrgemeinderäten verirrten sich in letzter Zeit leider nur mehr wenige Schulklassen zu den abgelegenen Gedenkräumen, sagt Franc. Nicht ganz nachvollziehen kann der Museumsleiter, wenn manchen betagten Besucher während der Führung die Rührung zu Tränen übermannt oder im "Gedenkraum" eine Dollfuß-Hymne angestimmt wird: "Ihr Jungen, schließt die Reihen gut! Ein Toter führt uns an..."

Wie gewaltig die Gefühle sind, die bei Besuchern aufgewühlt werden, ist im Gästebuch nachzulesen. Da bekunden Dollfuß-Verehrer ihre Treue zu dem "großen Märtyrer" und bedanken sich für das "große Denkmal", das der "aufrechte Österreicher" wahrlich verdient habe. Als ein Besucher im Sommer 2001 zu empfehlen wagt, man solle "aus der Geschichte lernen", ergänzt der nächste: "UND gegen die Rotfront kämpfen!" Am 2. Juli 2006 hinterlässt ein Pfarrer die Fürbitte: "Mit Dollfuß in die Neue Zeit, Nieder mit dem Roten Pack!"

Für Stärkung nach dem historischen Ausflug empfiehlt sich das Gasthaus Schritti’s Schmankerln in der Nachbargemeinde Mank, am Dr. Dollfuß-Platz 1, dem letzten Platz dieses Namens, den es in Österreich noch gibt.

Auch in St. Jakob im Osttiroler Defereggental gibt es keinen Dollfuß-Platz mehr. Dennoch findet sich in dem entlegenen Gebirgsdorf ein Dollfuß-Memorial spezieller Art. Die klassizistische Pfarrkirche St. Jakobus der Ältere ziert ein Kuppelfresko, das den letzten Habsburger-Kaiser Karl I., Rüdiger Starhemberg, den Führer der faschistischen Heimwehr-Milizen der Ersten Republik, die entscheidenden Anteil am Bürgerkrieg hatten, dessen Waffenbruder und Intimfeind Emil Fey und Diktator Engelbert Dollfuß unter dem Kruzifix vereint. Angefertigt hatte das politische Votivbild der Priestermaler Johann Baptist Oberkofler in den bewegten Jahren 1934 und 1935. Es überdauerte sogar das NS-Regime, in dem es als "Denkmal des politischen Katholizismus" bewahrt wurde. Auch in der Zweiten Republik wurde die Darstellung nie infrage gestellt. Im Gegenteil: 1997 wurde das Fresko mithilfe des Bundesdenkmalamtes restauriert.

Im Keller der Dollfuß-Kirche lag die Reliquie des heiligen Engelbert

In ganz Österreich finden sich noch immer zahlreiche Dollfuß-Kapellen, Dollfuß-Marterln und Dollfuß-Gedenkkreuze. Eine der bekanntesten Pilgerstätten ist die "St. Engelbert Kirche. Dr. Dollfuß-Gedenkstätte an der Hohen Wand", die in den dreißiger Jahren 70 Kilometer südlich von Wien errichtet wurde. Hier findet jedes Jahr am 25. Juli eine Dollfuß-Zeremonie statt, die ein "Patronatskomitee" unter der Leitung des einflussreichen niederösterreichischen Bauernbunddirektors und Präsidenten des Landtags in St. Pölten, Johann Penz, organisiert.

Junge, bunt kostümierte Cartell-Studenten salutieren mit ihren Degen und senken die Flagge zum Gebet, während die versammelte Gemeinde, hauptsächlich Prominenz aus ÖVP und insbesondere aus dem Bauernbund, andächtig im Trachtenanzug den Worten des Pfarrers lauscht. Auf die Messe folgt gelegentlich ein wissenschaftlicher Kurzvortrag, wie beispielsweise 2009 von dem Linzer Agrar- und Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber.

Den Abschluss der Zeremonie bildet eine Kranzniederlegung in der Krypta der Kirche, in der auf einem Sockel eine der zahlreichen im Land verstreuten Totenmasken von Engelbert Dollfuß vor einer expressionistisch inspirierten Pietà Aufstellung gefunden hat. Im Marmor eingraviert, findet sich in dem Andachtskeller die ewige Losung: "Sein Leben war Arbeit, seine Sendung war ein Kampf, sein Wille war Friede, so starb er für Österreich".

Geweiht ist die langsam rissig werdende Gedenkstätte dem heiligen Engelbert. Dieser Erzbischof von Köln war im 13. Jahrhundert im Streit um einige Vogteien von seinem gräflichen Neffen in einen Hinterhalt gelockt und erschlagen worden. Sterbend soll er die versöhnlichen letzten Worte gesprochen haben: "Herr, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

Genau diese Wortfolge legten Ohrenzeugen auch dem sterbenden Engelbert Dollfuß in den Mund, bevor er durch die Kugeln eines "deutschen Bruders" sein Leben lassen musste. In den Augen der Hagiografen des sogenannten christlichen Ständestaates hatte sich kraft dieser biblischen Formel ein mythischer Kreis um zwei Märtyrergestalten geschlossen. Der heilige Engelbert diente dem Staatskult um den Ermordeteten als Patron und heiligte gewissermaßen die Verehrung des "Heldenkanzlers".

In den Figurengruppen der Dollfuß-Denkmale aus jener Zeit nahm die Gestalt des Heiligen aus Köln einst einen privilegierten Platz ein. 1934 wurde sogar ein Teil der Reliquie des Bischofs aus dem Kölner Dom nach Wien importiert. Die Knochensplitter trafen allerdings zu spät ein, um wie geplant in den Altar der neu umgestalteten Dollfuß-Gedächtniskirche in Wien-Währing feierlich eingemauert zu werden. Irgendwann verschwand die Reliquie mit den anderen ungenutzten Objekten im Pfarrkeller. Dort blieb sie verwahrt, bis sie eines Tages Vater Eibl, der Hirte der heutigen Pfarrkirche St. Gertrud, wieder hervorholte. Es birgt sie kein Schrein, sondern ein versiegeltes Eisenkästchen mit Sichtfenster, das in einem Plastiksackerl steckt. "Tja, das wäre es also. Nichts Beeindruckendes, oder?", meint der Pfarrer. So heilig sie auch sein mögen, im Endeffekt bleiben es zwei alte Knochenstückchen mit ein bisschen roter Seide drum herum. Diese Reliquie und die Anrufung des heiligen Engelbert gehören zu jenen Aspekten des ursprünglichen Dollfuß-Kultes, die heute im Keller der Geschichte verschwunden sind.

Ganz ist die Sakralisierung des Ständestaatsführers aber auch im 21. Jahrhundert nicht verblasst. Noch im Jänner 2007 sorgte ein Andachtsbild mit Engelbert Dollfuß hinter dem Altar der Prandtauerkirche in St. Pölten für Aufregung. Es war erst 2006 auf Initiative des Pfarrers und seiner Gemeinde aus Spendengeldern angefertigt worden. "Er hat versucht, die Seelen zu sanieren", begründete eine der Gläubigen in einem Fernsehinterview ihr Engagement.

Als treuer Dollfuß-Anhänger war der Pfarrer damals bereit, für die Verherrlichung des Kampfes gegen "Gesinnungslosigkeit und Liberalität" jede Kritik in Kauf zu nehmen. "Wenn das Bild wieder runter ist, müssen wir Gläubige vor einer weißen Wand beten", appellierte die Gemeinde vergeblich an ihren Oberhirten. Bischof Klaus Küng zeigte kein Verständnis. Die St. Pöltner Dollfuß-Verehrer müssen nun also wohl oder übel zur nächsten Dollfuß-Kapelle in das 30 Kilometer entfernte Rekawinkel oder nach Wien zur sogenannten Kanzlerkirche pilgern.

"Dieses Haus Gottes ist dem Gedächtnisse der beiden Kanzler, den Erneuerern des österreichischen Vaterlandes Dr. Ignaz Seipel und Dr. Engelbert Dollfuß aus Liebesgaben des dankbaren Volkes erstanden", lautet die Inschrift auf dem Denkmal vor dem Gotteshaus der Pfarre Neufünfhaus im 15. Bezirk. Erst nach einem langen Expertendisput wurde hier im Herbst 2010 eine Zusatztafel aus Messing angebracht, auf der sich die Kirche von den autoritären Aspekten des Regimes distanziert. Sie befand sich kaum sechs Monate dort, in einer lauen Aprilnacht verschwand sie spurlos. "Bedenke, o Dieb, dass auf jedem Diebstahl ein Fluch liegt", heißt es jetzt auf einem Blatt Papier, das als Übergangslösung dient, bis sicherer Ersatz gefunden ist.

Erklärungstafeln beruhigen das Gewissen der einen, die bestehenden Dollfuß-Denkmäler bestätigen den Glauben der anderen: ein bedenklicher Kompromiss im Umgang mit der österreichischen Diktatur. Währenddessen wartet das Ehrengrab von Engelbert Dollfuß am Hietzinger Friedhof auf seine jährlichen Besucher. Wieder werden sich einige Anhänger zusammenfinden und still des "patriotischen Diktators" gedenken. Die Kontroverse vom April um den Ehrenstatus des Grabes ist wie ein Strohfeuer abgebrannt. Wie lange noch die Gemeinde Wien die Miete dafür zahlt, bleibt offen. Wie wäre es mit einer Erklärungstafel als Kompromiss? Früher oder später kommt ohnehin ein Gedenkkranz drüber.