Im Idealfall", sagt der Schulleiter Herbert Pföhler, "erkennen Sie die Hochbegabten gar nicht." Weil sie sich nicht gelangweilt auf dem Tisch fläzen, weil sie nicht in der Ecke hocken und ein Buch lesen, während die Mitschüler die zwanzigste Rechenaufgabe lösen. Weil sie keine Klasse übersprungen haben und damit deutlich jünger sind als die Banknachbarn. Im Idealfall sind die Hochbegabten also genauso gefordert wie der Rest der Klasse. Der Idealfall kommt an vielen Schulen selten vor.

An der Erich-Kästner-Grundschule in Graben-Neudorf nahe Karlsruhe versucht man ihm so nahe wie möglich kommen. Sie ist eine von bundesweit 15 Impulsschulen, die am Projekt "Inklusive Begabtenförderung in der Grundschule" teilgenommen haben, gefördert von der Karg-Stiftung und der Stiftung Mercator.

Als Herbert Pföhler vor 18 Jahren Rektor der Erich-Kästner-Schule wurde, guckte er zuerst auf die Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen. Informierte sich, lud Professoren und Psychologen ein, organisierte Fortbildungen. Vor neun Jahren saß er dann an seinem Schreibtisch und dachte: "Um die Schwächeren haste dich bemüht, aber für die Guten haben wir nix." Schließlich hat jedes Kind andere Bedürfnisse. Vielleicht ist Pföhler deshalb so sensibel dafür, weil er zwölf Geschwister hat und weiß, dass man nie alle Kinder über einen Kamm scheren kann.

Im Internet stieß der Rektor auf Bücher, teure Bücher, und er stieß auf die Karg-Stiftung . Und weil Pföhler es gewohnt war, für seine Referenten bei Sponsoren um Geld zu bitten, rief er einfach bei der Stiftung an. Zufällig genau in der Zeit, als sie dabei war, förderungswürdige Grundschulen für ihr Projekt auszusuchen. Und so fügte sich eins zum anderen – aus dem nicht gerade jungen Kollegium wurde ein Team ausgewählt, das drei Jahre lang an den Fortbildungen teilnahm und das Wissen an die Kollegen daheim weitergab. Die Lehrer lernten, über die eigene Schule nachzudenken, wie man begabte Kinder erkennt, sie im Unterricht fördert, wie man Eltern einbezieht, kurz: Sie lernten, im Unterricht jedem die richtigen Aufgaben zu geben.

In der Mathestunde bei Lehrer Thilo Kemm geht es an diesem Tag um die Zeit. Es gibt verschiedene Arbeitsblätter – in welcher Reihenfolge sie diese bearbeiten, entscheiden die Kinder. Jedes Blatt ist unterteilt in drei Aufgaben: leicht, mittelschwer, schwierig. Jedes Kind kann wählen, welche Aufgabe es macht. Zeitangaben sollen in Stunden, Minuten, Sekunden umgerechnet werden. Florian, dunkle Haare, gelbes T-Shirt, klappt sein Federmäppchen auf, stellt es als Sichtschutz um sein Blatt und sagt: "Diesmal schreibt ihr erst ab, wenn ich fertig bin!" Am Ende hat er das ganze Blatt ausgefüllt – nicht nur eine einzige Aufgabe. Trotzdem ist er als Erster fertig und holt sich schon das nächste Blatt.

Verschieden schwere Aufgaben stellen – das klingt simpel und ist für Lehrer an Gesamtschulen die Regel, für Grundschullehrer aber eine Ausnahme. Gängigstes Modell an den meisten Grundschulen: Fällt jemand als besonders schlau und unterfordert auf , wird ihm geraten, in die nächsthöhere Klasse zu gehen. Und die Eltern sollen bitte nachmittags zusätzliche Angebote machen. Ins Museum gehen, mit den Kindern experimentieren, sie ein Instrument lernen lassen. Programm am Nachmittag, Langeweile am Vormittag.

Warum es in Grundschulen bisher wenig offizielle Angebote für besonders begabte Schüler gibt, weiß niemand so genau. Elke Völmicke, Geschäftsführerin der Initiative Bildung und Begabung, sagt: "Neue Erkenntnisse brauchen Zeit, um in konkrete Förderinitiativen umgesetzt zu werden. Mit der Förderung von Hochbegabten haben wir uns in Deutschland insgesamt erst sehr spät, seit den 1970er Jahren, und anfangs auch nur zögerlich beschäftigt. Auch die Frühförderung steht erst seit relativ kurzer Zeit im Zentrum der bildungspolitischen Debatte."

Mit anderen Worten: Für begabte Kinder von der fünften Klasse an existieren an Gymnasien und außerhalb der Schule entsprechende Angebote – an Grundschulen sind sie immer noch die Ausnahme.