Wer den deutschen Professor von heute besser verstehen will, der muss einen Blick in die Geschichte dieses ehrwürdigen und für die Zukunft des Landes bedeutenden Berufs werfen. Was war doch ein ordentlicher Professor einmal für eine Ehrfurcht gebietende Figur! "Früher wurden wir wie die Bischöfe behandelt", sagt Wilfried Hinsch, Professor für Praktische Philosophie in Aachen. "Das hat sich inzwischen gegeben."

Früher, zu Beginn der sechziger Jahre, gab es 5000 beamtete Universitätsprofessoren, zu der Zeit noch "ordentliche Professoren" oder "Ordinarien" genannt; heute sind es etwa 25.000. Hinzu kommen 10.000 Fachhochschulprofessoren und dann noch Honorarprofessoren, außerplanmäßige Professoren, Juniorprofessoren, Stiftungsprofs, Gastprofessoren, Professoren als Leiter von Behörden und Museen und schließlich die Professoren ehrenhalber – Künstler und verdiente Bürger, denen der Titel von ihrem Ministerpräsidenten verliehen wurde. Insgesamt nennen sich knapp 40.000 Menschen Professor.

Die Professoreninflation blieb nicht ohne Folgen. In den Ministerien ist ein Professor längst keine Respekt gebietende Person mehr. Die meisten Politiker haben bestenfalls ein gebrochenes Verhältnis zu ihnen. "Ordentliche Profs sind nicht zu steuern", stellt Paul Kirchhof, der Heidelberger Steuerprofessor, hochgemut fest, sie singen nun einmal nicht im Chor. Auch große Wissenschaftler sind im Normalfall auf sich fixierte Egomanen und im Grenzfall soziale Katastrophen.

Politiker können die Gralshüter an den Unis nur schwer ertragen

Für reformwütige Politiker ist es schwer zu ertragen, dass sich das Gros der Professorenschaft immer noch als Gralshüter der Universität im Geiste des preußischen Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt sieht: autonom vom Staat, frei in der Forschung und der Lehre. Zudem sehen sich viele als Erbe ihrer "Mandarine", wie sie der Historiker Fritz K. Ringer nannte: des Mediziners Rudolf Virchow, der Historiker Theodor Mommsen und Friedrich Meinecke, des Physikers Hermann Helmholtz, des Soziologen Max Weber... Ach, die große Zeit der deutschen Universität und der Weltgeltung der deutschen Wissenschaft, so seufzen nicht nur die Alten, so schwärmen auch manche Junge – als redliche Reproduktionen des alten deutschen Professors. 

Eine Ahnung von diesen Glanzzeiten hinterließ uns Mark Twain , der 1892 Berlin besuchte und dabei Theodor Mommsen kennenlernte, den berühmten Altertumswissenschaftler. Wie alle Amerikaner zu jener Zeit bewunderte Twain das deutsche Universitätssystem und schilderte einen Festkommers, den tausend Corpsstudenten zu Ehren der Professoren Rudolf Virchow und Hermann Helmholtz aus Anlass ihres 70. Geburtstags veranstalteten.

Als der letzte eminente Gast seinen Platz eingenommen hatte, die Militärmärsche verklungen und die Bierseidel zum ersten Mal geleert waren, trat Stille ein, drei Hornstöße erklangen, und Mark Twain erblickte an dem weit entfernten Eingang eine Ehrengarde mit gezogenem Degen. Am Ehrentisch vermerkte er aufgeregtes Flüstern: "Mommsen!" Und das ganze Haus erhob sich. "Erhob sich, rief, trampelte, klatschte und schlug die Bierseidel auf den Tisch. Ganz einfach ein Gewitter! Dann schlängelte sich der kleine Mann mit den langen Haaren und dem emersonschen Gesicht seitlich an uns vorbei und nahm Platz. Ich hätte ihn mit der Hand berühren können – Mommsen – man stelle sich vor!"