War die Wortwahl des Sprechers Absicht? "Harmonisch" seien die Gespräche gewesen, die sein Chef letzte Woche in Peking geführt habe. Nun ist besagter Chef der Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer, getroffen hatte er in China seinen Amtskollegen Liang Guanglie – und "harmonisch" ist das Lieblingsadjektiv der KP-Ideologen. Es meint: Es gab keine unangenehmen Fragen.

Aber Fragen gäbe es viele.

Zum Beispiel weshalb die Schweiz die militärische Nähe zu einer autoritären Weltmacht sucht. Ist es Kalkül, weil die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit China in die entscheidende Phase gehen? Oder weshalb möchte die Schweizer Armee gerade in der Informatik mit der Volksbefreiungsarmee zusammenarbeiten? Steht nicht China im Verdacht, Hackerattacken auf westliche Firmen beordert zu haben?

Ueli Maurers Chinareise ist nur eine weitere seltsame Episode im unendlichen Gezerre um die Frage: Wohin treibt die Schweizer Armee? Aber sie fällt in eine Wendezeit. Die Militärpolitik orientiert sich wieder nach innen, sie geht zurück in die Vergangenheit – und es soll vor allem wieder mehr Geld fließen.

Noch im Herbst forderte der Bundesrat von seinem Verteidigungsminister, er müsse eine Milliarde Franken sparen, die Bestände von 200.000 auf 80.000 Mann reduzieren und die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge aufschieben. Mit seinem eigenen Armeekonzept war Maurer zuvor viermal im Regierungsgremium aufgelaufen. Er wollte mehr Mittel, doch seit dem Ende des Kalten Kriegs bestimmt Sparhans die Sicherheitspolitik. Es folgte Reform auf Sparübung auf Reform auf Sparübung. Das sollte sich auch 2010 nicht ändern, obschon der Bundesrat im eigenen Armeebericht schrieb: "Heute ist die Erfüllung der Armeeaufgaben zum Teil in Frage gestellt."

Diesen Frühling aber wendete sich das Blatt. Im Wahljahr entdeckten die Räte ihre Liebe zum Militär. Vom jahrelang diskutierten, schwer zu fassenden "Auftrag" der Armee, weshalb extra der Armeebericht erstellt wurde, war nun nicht mehr die Rede. Umso mehr ging es um Zahlen. Darüber lässt sich leichter streiten, schließlich gibt es ein Richtig und ein Falsch.

In der Frühjahrssession also forderte der Nationalrat vom Bundesrat: Die alten Tiger-Kampfjets sollten schneller als geplant ersetzt werden, und die Armee brauche prinzipiell mehr Geld. Im Juni zog der Ständerat nach. Bis Ende dieses Jahres müsse eine Botschaft zum Kauf neuer Kampfflugzeuge ausgearbeitet sein. Zudem seien 1,2 Milliarden Franken in bessere Ausrüstungen zu investieren und sei das Militärbudget auf jährlich fünf Milliarden zu erhöhen. Und statt 80.000 will die kleine Kammer 100.000 Mann in Uniform. Die Armeefreunde, auch außerhalb der Verwaltung, witterten Morgenluft. Vergangene Woche präsentierte die Schweizerische Offiziersgesellschaft ihre Armee-Vision: 120.000 Mann, bei einem Jahresbudget von 5,3 Milliarden beziehungsweise 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das wären heute acht Milliarden Franken jährlich.

Doch was soll dieser plötzliche Zahlenstreit? Angezettelt übrigens nicht vom Verteidigungsminister, sondern von seinen Kolleginnen und Kollegen im Außen-, Innen- und Finanzdepartement. Definieren Heeresgröße und Budget die Qualität einer Armee? Nein. Aber die Zahlen lenken ab von den eigentlichen Fragen. Welche Armee braucht die Schweiz? Wer soll in ihr dienen? Braucht das neutrale Land überhaupt Streitkräfte?