Die Abonnenten der Schweizerzeit bekamen unlängst Post von Ulrich Schlüer. Der Herausgeber und SVP-Nationalrat macht sich Sorgen um die Schüler, weshalb er eine Petition "gegen die Sexualisierung der Volksschule" verbreitet. Illustriert wird das Ganze mit zwei Kinderzeichnungen. Auf der einen malt der Kindergärtler einen Regenbogen, darunter ein fröhliches Mädchen mit Regenschirm und Hund. Das andere Bild zeigt hagere Strichmännchen in dunklem Ton, wobei ein Knabe mit erigiertem Strichpenis einem großbusigen Mädchen gegenübersteht.

So zeichne ein Kindergärtler nach der Einführung des Lehrplans 21, wissen die Initianten. Woher sie das wissen, ist unklar, denn der Lehrplan 21 wird frühestens im Jahr 2014 eingeführt.

Der neue Lehrplan sehe Sexualkundeunterricht für den Kindergarten vor, behauptete in den letzten Wochen ein überparteiliches Komitee. Falsch, entgegneten die Verfasser des Grundlagenpapiers Sexualpädagogik und Schule sowie die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz. "Geplant ist nichts anderes, als was jetzt schon seit zehn Jahren in den Lehrplänen der meisten Kantone steht", sagte Titus Bürgisser, Mitautor des inkriminierten Papiers, im Schweizer Fernsehen. Womit er die Debatte ungewollt auf den Punkt brachte: Die 51 Seiten "Grundlagenkonzept" schaden nichts, haben viel gekostet und werden niemandem etwas nützen, außer der Symbolpolitik der SVP.

Die eidgenössische Bildungsbürokratie läuft ihren konservativen Gegnern regelmäßig ins Messer. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Prüderie in der Schweiz subtiler ist als etwa in den USA. Hierzulande schreibt der Jung-SVPler Anian Liebrand in einem "Hintergrund-Dokument" zur "Frühsexualisierung" gegen das "Gedankengut der freien Sexualität" an. Da überlegt man sich im ersten Moment durchaus, ob es nicht besser wäre, Sexualität hinter verschlossenen Türen auszuleben. Und wenn der 22-Jährige befürchtet, die "Heterosexualität als gesellschaftliche Norm" solle überwunden werden, dann ist ihm das Gefühl eines homosexuellen Schülers, der von den "Normalen" gehänselt wird, egal.

Andererseits sind die Pädagogen auch selbst schuld, wenn sie "Bildungsbürokraten" genannt werden. Die Pädagogischen Hochschulen werden immer akademischer und praxisferner. Von Finnland, wo sich junge Lehrer in spe ein halbes Jahr in einem Praktikum beweisen müssen, bevor sie sich zum Studium anmelden dürfen, ist die Schweiz weit entfernt. So schreibt Remo H. Largo, Kinderarzt und Kenner der Pädagogischen Hochschulen, in seinem Longseller Schülerjahre: "Die Dozenten sind häufig weniger der Lehre als vielmehr der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet." Sie hätten oft kaum oder nie Schule gegeben.

Hier rechte Ideologen, da praxisferne Papiere – und dazwischen die Lehrer

Die gutmeinenden Leute vom Fach unterschätzen die Kraft einer Stimmungslage, die alles rückgängig machen will, was mit 1968 begann. Aber nicht nur seitens der Kompetenzzentren wird etwas zu selbstbewusst pädagogisiert. Als die Missbrauchsfälle an der deutschen Odenwaldschule bekannt wurden, verteidigte der Schriftsteller Adolf Muschg die Angeschuldigten in einem Essay, und zwar mit Rückgriff auf den "pädagogischen Eros" der Antike. Ob Sokrates’ Schüler den Intimverkehr mit dem Meister wirklich genossen, muss offen bleiben.

Unterdessen brodelt es an der Basis. Die Lehrer sind die Leidtragenden solcher Auseinandersetzungen zwischen einer Bildungsbürokratie, die praxisferne Papiere erarbeiten lässt, und konservativen Politikern, die sexuelle Befreiung rundheraus abtun und vielgestaltige Probleme mit Schlagwörtern wie "Kuschelpädagogik" angehen. Wer Lehrer fragt, bekommt vernünftige Antworten. Zum Beispiel, dass man viele Websites nicht ernst nehmen könne, die einem die Experten empfehlen. Das Kompetenzzentrum der Pädagogischen Hochschule Luzern verlinkt etwa auf das Beratungs- und Präventionsprojekt lilli.ch, wo unter "Petting" steht: "Der Mund ist in deinem Gesicht das, was die Scheide in deiner Geschlechtsregion ist: eine Höhle, in die du den Penis oder etwas anderes als ›Besucher‹ aufnehmen und damit spielen kannst."

Solche kauzigen Links machen die Bildungspolitik für konservative Kreise zum Kampfterrain mit idealen Bedingungen. Eine classe pédagogique verkopfter Bildungstheoretiker installiere die Ideen des Gender-Mainstreaming von oben herab, behandle gleichgeschlechtliche Liebe als gleichwertig. Staatlich finanziert, würde so an vielen Elternhäusern vorbeierzogen. Da würden Sex-Koffer bereits den Kleinsten in die Spielecke gestellt, damit sie ihre Körperöffnungen spielerisch erfahren dürften.

Den meisten Lehrern erscheinen solche Ängste absurd – doch ebenso absurd erscheint es ihnen, die eigene Führung für Konzepte zu kritisieren, an denen sich in der Praxis ohnehin niemand orientiert. Vergessen geht nämlich: Lehrer sind allzumenschlich. Was im Lehrplan steht, hat noch keinen Lehrer verpflichtet.

Doch die Doppelbödigkeit der Bildungsinstitutionen birgt Risiken. In den vergangenen vier Jahren brachten die Abstimmungsschlachten um das Projekt "Harmos" – welches eine gewisse Vereinheitlichung der Bildungssysteme anstrebt – ans Licht, wie gut sich anhand der Schulen gesellschaftliche Kernfragen und weltanschauliche Positionen debattieren lassen. Denn "Harmos" wurde auch zum Palaver zwischen einer Linken, der Chancengleichheit wichtiger ist, und einer Rechten, der die Familie über fast alles geht. "Kindheit verstaatlichen?", so lautete die Frage, mit der die konservativen "Harmos"-Gegner ihre Plakate schmückten.

Nebenbei zeigte die Debatte, dass Erziehungs- und Schulthemen viele Wähler mobilisieren. Die SVP, wer sonst, hat dies am raschesten erkannt. Im Oktober führte sie einen Sonderparteitag durch, auf dem sie der Reformpolitik an den Volksschulen den Kampf ansagte und den Erziehungsbereich zu einem Schwerpunktfeld des Wahlkampfs erklärte. Es ist also abzusehen: Falls die Pädagogen noch mehr Angriffsfläche bieten, werden bald schärfere Petitionen lanciert. Nach dem Minarettverbot eine Schule mit Aufklärungsmoratorium – warum eigentlich nicht?