Chapeau, Monsieur Père: Das war ein Husarenstück. Jahrelang lag das Filmfestival Locarno im prinzessinnenhaften Tiefschlaf; gebetsmühlenartig betonten die Promotoren, die Veranstaltung brauche keine schillernde Prominenz; und stets hieß es, das kleinste der großen Filmfestivals von Europa habe seinen eigenen Charakter und seine eigene Anziehungskraft – doch plötzlich tut sich Neues. Der seit Wochen weltweit beworbene Hollywood-Blockbuster Cowboys and Aliens feiert seine Europapremiere am 6. August ausgerechnet in Locarno. Und die drei Hauptdarsteller werden persönlich auf der großen Bühne erscheinen: Daniel Craig, Harrison Ford und Olivia Wilde auf der Piazza Grande – so wollen wir Locarno!

Nämlich mit Prominenten zum Anfassen. Also Prominenten aus dem Fernsehen oder von der Leinwand, denen man normalerweise nie über den Weg läuft, auf die man aber dann in den Bars oder Gassen von Locarno treffen kann. Es sind diese kleinen Momente neben den großen Schaus auf der Piazza Grande, die jeweils an den zehn sommerlichen Tagen das Filmfestival Locarno ausmachen. Wo sonst trinkt James Bond himself seinen morgendlichen Espresso nebendran? Das gibt es nicht in Cannes, das gibt es auch nicht in Venedig. Das gibt es noch weniger in Berlin.

Das Filmfestival Locarno hat drei Gesichter: Es zeigt sich als Autorenkino, als Volkskino und auch als Begegnungsanlass. Olivier Père, der seit letztem Jahr amtierende künstlerische Direktor, will alle drei Vorgaben erreichen, und das Festival selbst muss demnächst zeigen, ob alles stimmt. "Die US-Blockbuster sind zurück auf der Piazza", sagte Père, als er letzte Woche das Programm für die 64. Ausgabe seines Festivals vorstellte. Zugleich wehrt sich das Team in Locarno gegen den naheliegendsten Verdacht – nämlich dass man sich jetzt doch langsam gegen das Filmfestival Zürich zu wappnen beginnt, das mit Glamour-Kult und viel Sponsorengeld innert sechs Jahren bekannt geworden ist – und zwar wegen der Verhaftung von Roman Polanski auch in Hollywood. "Wir wollen das Filmfestival Locarno im Bereich Autorenkino genauso wie im Bereich Publikumskino stärken", sagt Père.

Jedenfalls zeigt Locarno seinen Charme nie so schön, wie wenn es in die Rolle eines überdimensionalen Kinos schlüpft, mit Europas größter Leinwand und dem sternschnuppenbefeuerten Augustnachthimmel als Kinodach. Das, aber nicht nur das, nützte Olivier Père aus. Er verfügt über ein immenses Kontaktnetz im künstlerischen Bereich, und sein Präsident Marco Solari hat ein immenses Kontaktnetz im Sponsoringbereich. Zudem vereinigt beide ein Feeling für das Besondere des Film-Events am Lago Maggiore: Locarno ist nicht Venedig und muss sich mit diesem auch nie messen. Es hat seine eigene Anziehungskraft.

Schon der Initiator und langjährige Presidentissimo des Filmfestivals, der mittlerweile verstorbene Raimondo Rezzonico, investierte trotz seiner legendären Sparsamkeit alles, um Filmgrößen nach Locarno zu holen und es ihnen dort schön zu machen. Danach begnügte man sich in vielen Jahren mit Vertretern der zweiten Star-Garde, welche die Festivalleitungen eher zähneknirschend als stolz einflogen – eine Konzession ans Publikum und die Medien. Ob der alte Präsident inzwischen der neuen Festivalleitung im Traum erschienen ist? Jedenfalls steht das momentane Team in Locarno voll in Rezzonicos Geist. Auch weil es geschafft hat, dass CC, Claudia Cardinale, ebenso wie Bruno Ganz und einige andere lebende Legenden an den Lago Maggiore reisen werden – alles Figuren, die sich in ihren Filmen dem entgegenstemmen, was unausweichlich wirkt. Und die gerade deshalb völlig neue Perspektiven eröffnen.