Uns Schweizern ergeht es mit dem Franken wie dem Helden in Yann Martels berühmten Roman Schiffbruch mit Tiger: Der junge Mann landet in einem Rettungsboot mit allerlei Zootieren, die sich gegenseitig verspeisen. Bis nur noch ein Tiger übrig bleibt, den der Schiffbrüchige, um zu überleben, in letzter Not zähmen muss. Der Schweizer Franken ist eher mit einem Elefanten und einem Stier an Bord – um nur die wichtigsten Reisebegleiter zu nennen –, und dabei wird er tüchtig durchgeschaukelt.

Die gemeinsame Fahrt begann am 23. Januar 1973. An diesem Tag beschloss die Schweizerische Nationalbank, "vorübergehend" keine amerikanischen Dollars mehr zu kaufen. Die USA hatte die Welt mit ihrer Währung überschwemmt. Jetzt machten die Notenbanken – eine nach der anderen – ihre Schotten dicht. Damit kollabierte die bereits schwer angeschlagene Währungsordnung von Bretton Woods, dieses 1944 gezimmerte System fester Wechselkurse, das auf dem Gold und dem Dollar gegründet war.

Die Folge waren starke Wechselkursschwankungen. Denn die kleine Schweiz saß plötzlich im Boot mit großen Tieren. Wenn der Elefant namens Dollar nicht stillsitzen mochte, wurde auch der Franken durchgeschaukelt – und mit ihm die Wirtschaft. Das Floating war von Beginn weg ungemütlich. Weil jeder Wechselkurs einen Zähler und einen Nenner hat – etwa Dollars pro Franken –, bewegte jede größere Handlung einer wichtigen Notenbank die Kurse aller anderen Währungen.

Für die Schweizer Wirtschaft kann dies dramatische Folgen haben. Der Wechselkurs des Frankens ist für sie eine Schicksalsgröße. Schließlich bezieht sie ihre Güter und Dienstleistungen zur Hälfte aus dem Ausland, und sie führt mehr als die Hälfte ihrer Wirtschaftsleistung wieder aus. Zwar wäre die Nationalbank frei, die Menge der umlaufenden Franken selbstständig zu steuern. Doch machte der schwere Seegang der schwankenden Wechselkurse diese Freiheit immer wieder zunichte.

Wir könnten den Fehler von 1978 wiederholen – oder den Fehler von 1995

Vor fünf Jahren war der Franken schwach; der Euro, dieser starke Stier, galt als Währung der Zukunft. "Wie lange wird es den Franken noch geben?", wurde ich im Ausland oft mit mitleidigem Schmunzeln gefragt. Für die Schweizer Exporteure war der billige Franken eine Wohltat, und die Wirtschaft lief rund. Aber auf lange Sicht bringt eine unterbewertete Währung Inflation. China wiederholt heute freiwillig, was die Schweiz anfangs der Siebzigerjahre unter festen Wechselkursen nicht vermeiden konnte. Erinnert sich noch jemand an zweistellige Inflationsraten in der Schweiz? An die fast 12 Prozent, die im Dezember 1973 verzeichnet wurden?

Egal, meist war der Franken ja stark. Meinen ersten Dollar erhielt ich von einer Freundin der Urgroßmutter; er galt damals, gemäß Bretton-Woods-Parität, 4 Franken und 31 Rappen. Heute wäre er noch ein Fünftel davon wert, weil die Inflation in den USA seither stärker war als hier. Doch auch real – also bereinigt um die Teuerungsunterschiede zwischen den Ländern – wurde der Franken über die Jahre hinweg ein Stück härter.

Die Ökonomen rätseln über den Kausalzusammenhang. Liegt die chronische Frankenstärke an der steigenden Produktivität der Schweizer Wirtschaft? Oder ist es umgekehrt: Zwingt der harte Franken die Schweiz zur dauernden Produktivitätssteigerung? Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Doch wir wissen, dass der harte Franken für Teile der Schweizer Wirtschaft derzeit lebensgefährlich wird. Schon in der Großen Depression der Dreißigerjahre ließ sich die Schweiz vom Franken fast erwürgen, bis sie ihn 1936 endlich gegenüber dem Gold abwertete. Und in neuerer Zeit, seitdem die Nationalbank autonom über den Franken gebietet, musste die Wirtschaft drei Höhenflüge des Frankens überstehen: 1978, 1995 und erneut seit 2010.

Gegen die Überbewertung von 1978 zog die Nationalbank am Ende die Notbremse eines Wechselkursziels: Die D-Mark sollte deutlich über 80 Rappen notieren. Doch keine Notenbank kann den Wechselkurs fixieren und gleichzeitig die Geldmenge kontrollieren. Es ist wie bei den Briefmarken: Die seltenen sind teurer. Wenn man den Preis des Frankens drücken will, muss man daher Franken drucken. Drücken ohne drucken geht nicht. Die Franken-Geldmenge stieg Ende der Siebzigerjahre denn auch stark an und zog die Konsumentenpreise mit nach oben.

Dann, beim nächsten Höhenflug des Frankens im Jahr 1995, hielt sich die Nationalbank zurück – wobei sie noch unter dem Eindruck des 1978 ausgelösten Teuerungsschubs stand. Sie verzichtete auf Gegenmaßnahmen in Form einer Geldmengenausweitung. Die Quittung erfolgte diesmal in Form einer Rezession.