Manchmal schreibt die Wirklichkeit Geschichten, die sich der Boulevard nicht besser ausdenken könnte. Wie die Geschichte vom Dienstag dieser Woche. Die Schlagzeile: Murdoch attackiert! Das Thema: Ein alter Medienmogul stellt sich zum ersten Mal den Fragen von Parlamentariern.

Es ist 14.36 Uhr, als sich der Patriarch auf einen grün gepolsterten Stuhl an einem hufeisenförmigen Tisch setzt, um sich zum Abhörskandal seiner inzwischen eingestellten Zeitung News of the World befragen zu lassen. Seine Frau Wendi, in Rosa, schenkt ihm und seinem Sohn James neben ihm Wasser ein. Dann beginnt der Medienausschuss des britischen Unterhauses mit seiner Befragung, die drei Stunden dauern wird. Eine Minute davon wird es auf die internationalen Titelseiten schaffen: jene Minute, in der Rupert Murdoch mit Rasierschaum attackiert wird und Wendi Murdoch auf den Angreifer losgeht.

Mit solchen Geschichten macht man Auflage. Murdoch weiß das. Er würde selbst damit Schlagzeilen machen, wenn es nicht um ihn und seine dubiose Zeitung ginge.

Angeblich weiß er nichts von den 700.000 Pfund Entschädigung, die sein Sohn James an das Abhöropfer Gordon Taylor, einen Fußballfunktionär, überweisen ließ. Angeblich hört er an diesem Tag zum ersten Mal den Namen Neville Thurlbeck, ein ehemaliger News of the World -Reporter, der 2007 wegen Erpressung verurteilt wurde. Angeblich haben ihm Mitarbeiter Informationen zum wahren Ausmaß des Abhörskandals bei der News of the World vorenthalten.

Die Befragung der Murdochs vor dem Medienausschuss des Parlaments ist der Höhepunkt eines langen Tags von Befragungen. Ein Tag, dessen Zeitplan schon deutlich macht, welche Dimensionen der Skandal mittlerweile angenommen hat: Um zwölf Uhr mittags muss sich zuerst Paul Stephenson einem anderen parlamentarischen Ausschuss stellen. Stephenson war erst am Sonntag als Chef von Scotland Yard zurückgetreten . Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der News of the World , Neil Wallis, war von Scotland Yard als Berater bezahlt worden, Stephenson hatte sich 18 Mal mit ihm zum Essen getroffen und einen unbezahlten Urlaub in einem Spa gemacht, für das Wallis ebenfalls beratend tätig war. Um Viertel nach eins tritt John Yates, der erst am Montag von seinem Posten als stellvertretender Chef von Scotland Yard zurückgetreten war, vor den Ausschuss, er hatte vor zwei Jahren entschieden, die Ermittlungen gegen die News of the World wegen illegaler Abhörung von Mobiltelefonen nicht weiterzuführen. Am frühen Abend, nach der Anhörung der Murdochs, stellt sich Rebekah Brooks den Fragen der Abgeordneten des Medienkomitees. Auch sie ist zurückgetreten , von ihrem Posten als Geschäftsführerin von News International, der Dachorganisation von Murdochs britischen Publikationen. Zur Zeit der Abhörskandale war sie die Chefredakteurin von News of the World .

Ungefähr zur gleichen Zeit sagt vor einem anderen Ausschuss Mark Lewis aus, der Anwalt der Eltern von Millie Dowler, dem getöteten Mädchen, deren Telefon die News of the World abgehört hatte. Rund 4000 Menschen soll das Boulevardblatt abgehört haben, darunter Politiker, Sportler, Familien von gefallenen Soldaten. Eine Schmutzspur des Boulevards, die bis an die Schwelle von Downing Street 10 reicht: Andy Coulson, der Nachfolger von Rebekah Brooks als Chefredakteur von News of the World , beriet seit 2007 die Konservative Partei und seit 2010 Premier David Cameron direkt in Medienfragen. Er wurde am Wochenende wegen Verdachts auf Bestechung von Polizisten und Bespitzelung festgenommen und auf Kaution freigelassen.

Die schmutzige Spur führt auch nach Dover, in Paul McMullans Kneipe, die Castle heißt und zwischen zwei Parkplätzen liegt. Schon von weitem riecht es nach Bier. Drinnen, im Dunkeln, erkennt man zwei Spielautomaten, einen Hund und einen Zeitungsausschnitt mit einem Bericht über das Castle: "Pub will Table-Dancing einführen." Auf dem Boden ein verblichener roter Teppich, an der Decke Hochglanztapete mit Blumenmuster. An den Wänden hängen Fotos, die McMullan von Clint Eastwood, Brad Pitt und von Hugh Grant geschossen hat.

McMullan steigt die Treppe zur Pension im ersten Stock hoch und redet von diesem zufälligen Besuch Hugh Grants, dessen Auto in der Nähe liegen geblieben sei, im Dezember 2010. Er überschlägt die Einnahmen, die ihm der Verkauf von Fotos gebracht hat, die er von sich und dem Schauspieler machte. Und erst die Publicity für seinen Laden! 20000 Pfund insgesamt, schätzt er, knapp 23000 Euro. McMullan setzt sich auf den Bettrand in einem der kahlen Gästezimmer und sagt: "Hugh Grant meint, ich hasse ihn, aber das stimmt nicht. Ich liebe ihn, weil ich durch ihn so viel Geld gemacht habe."

Früher hat McMullan für die News of the World gearbeitet. Bei dem Treffen im Dezember gestand er Hugh Grant, dass er abgehört wurde. Grant besuchte den Mann einige Monate später in seinem Pub, befragte ihn ausführlich zu den Abhörpraktiken des Boulevardblatts. Heimlich zeichnete er alles auf und veröffentlichte die Geschichte. McMullan ist jetzt sowohl Abhörtäter als auch Abhöropfer. Aber das macht ihm nichts aus. Hauptsache, das Geld stimmt.

Nun ist er bekannt als Enthüllungsreporter der News of the World . Einer der ganz wenigen, die mit ihrem Namen und Gesicht zu ihrer Vergangenheit stehen und den politischen Einfluss Rupert Murdochs seit einer Weile kritisieren. Ein anderer Enthüllungsreporter, Sean Hoare, wurde am Montag tot aufgefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen spricht angeblich nichts für einen gewaltsamen Tod.

McMullan trägt einen Kapuzenpulli und eine Cargohose, er ist ein schmaler Typ mit graubraunen Haaren, der älter wirkt als seine 44 Jahre. Er greift nach der Zeitung, die auf dem Bett liegt und tippt auf die Fotos der Titelseite: "Sie habe ich gestürzt", er zeigt auf Rebekah Brooks. "Ihn habe ich gestürzt", er zeigt auf Andy Coulson. "Und auf ihn warte ich noch", David Cameron.

Es ist ein britisches Watergate, das die Nation erschüttert. In diesen Tagen beginnt jeder Morgen mit der Frage: Wer fällt als Nächstes? Und kann sich Premierminister Cameron halten, nun, da sich herausgestellt hat, dass er sich mit Kriminellen umgeben hat?