Thank you and good bye, verkündete ihre Titelseite, ein Föhn lag ihr gratis bei: Am 10. Juli erschien die letzte Ausgabe der englischen Sonntagszeitung News of the World . World’s end, titelte die Sun, ihr Schwesterblatt, in fetten Lettern – und in einem Kasten daneben End of an era, das Ende einer Ära.

168 Jahre lang war die News of the World jeden Sonntag erschienen, die auflagenstärkste englischsprachige Zeitung der Welt. Dann war herausgekommen, dass Redakteure Opfer des Londoner U-Bahn-Anschlags von 2005 abgehört hatten, dass sie die Mailbox des entführten und später getöteten Mädchens Milly Dowler knackten, ebenso wie die Telefone Hunderter Prominenter und Politiker. Von 4000 möglichen Opfern krimineller Praktiken spricht Scotland Yard. Premierminister David Cameron brach seine Südafrika-Reise ab und sprach von "ekelerregenden Zuständen". Rupert Murdoch, der australische Eigentümer, entschuldigte sich in ganzseitigen Zeitungsanzeigen. Ein ganzes Land ist plötzlich in Aufruhr. Aber überrascht all das, worüber Großbritannien jetzt jammert, wirklich jemanden?

Die Ära des Journalismus mit allen Mitteln begann 1969, als Rupert Murdoch die Sun für 800.000 Pfund kaufte und sie zu dem Skandalblatt machte, das sie heute ist. Es war der Beginn einer Ära, die nicht nur die Zeitungslandschaft in England grundlegend veränderte und sie immer weiter in Richtung Boulevard trieb, sondern auch die Politik bestimmte.

Als Murdoch die Sun übernahm, war sie ein traditionell linkes Blatt, aus einer Gewerkschaftszeitung hervorgegangen. Aber am 4. Mai 1979 titelte sie: The first day of the rest of our lives. "Der erste Tag vom Rest unseres Lebens". Am Tag zuvor hatte Margaret Thatcher die Unterhauswahlen gewonnen – nachdem die Sun ihren Lesern empfohlen hatte, für die Konservativen zu stimmen. Seitdem hat kein Politiker ohne Murdochs Rückhalt je in Großbritannien eine Wahl gewonnen.

It’s the Sun wot won it, frei übersetzt: "Ohne uns hätte er keine Chance gehabt", brüstete sich die Sun nach John Majors unerwartetem Wahlsieg 1992. Tony Blair kam, nachdem er Murdoch seine Aufwartung gemacht hatte, mit der Zeile The Sun backs Blair ("Die Sun unterstützt Blair") ins Amt. David Cameron machte Henry Coulson, den jetzt verhafteten ehemaligen News of the World -Chef, gar zu seinem Regierungssprecher.

Jetzt holt die Verstrickung von Medien, Politik und Ordnungsmacht ihre Täter ein. Doch egal, wer noch alles über den Skandal zu Fall kommt – der von der Sun 1979 ausgerufene "Rest unseres Lebens" dauert an. Kein Politiker, kein Intellektueller, kein Unternehmer hat das moderne Großbritannien so geprägt wie der australische Medienmogul Rupert Murdoch.

Der von ihm eingeleitete Verfall von Sitten und Moral beginnt 1982. In der Redaktion der Sun herrscht Kriegsfieber. Die Royal Navy ist zu den Falklandinseln ausgelaufen. Die Sun nennt sich jetzt im Untertitel "Die Zeitung, die hinter unseren Jungs steht". An der Wand in der Redaktion hängt ein Porträt Winston Churchills. Der Nachrichtenredakteur Tom Petrie trägt die Mütze eines Marineoffiziers und lässt sich mit "Kapitän Petrie" anreden. Die Reporterin Muriel Burden, die einen Glückwunschdienst für Soldaten betreut, trägt redaktionsintern den Namen "Darling der Flotte".