1. Profitiert vom Euro wirklich Deutschland am meisten?

Das Argument ist schnell gemacht, vor allem von Europapolitikern: Die Bundesrepublik hat die größte Wirtschaft auf dem Kontinent, und sie exportiert besonders gern. Niemand hat also mehr von einer Währung , die Wechselkursrisiken im Inneren ausschließt und nach außen hin stabilisiert.

So schnell das Argument gemacht ist, so schnell wird es durch das vergangene Jahrzehnt infrage gestellt. Nicht nur, dass der Anteil der deutschen Exporte in andere Euro-Länder seit der Zusammenlegung der Währungen deutlich gesunken ist. Auch sonst lief es alles andere als gut. Noch vor fünf, sechs Jahren galt Deutschland als der kranke Mann Europas. Die Wirtschaft wuchs kaum, die Arbeitslosigkeit stieg und stieg. In den vergangenen zwölf Jahren verzeichnete Deutschland trotz des aktuellen Aufschwungs die geringste durchschnittliche Wachstumsrate aller Währungspartner: 1,2 Prozent.

Vor allem lag das an den Einigungslasten und Reformversäumnissen in Deutschland . Erst durch rot-grüne Reformen und die flexibleren Tarifverträge konnte die deutsche Wirtschaft gesunden. Doch auf eine Weise machte der Euro die Sache noch schlimmer: Weil andere Volkswirtschaften kräftig wuchsen, allen voran heutige Krisenländer wie Irland, Griechenland und Spanien , waren die Zinsen im Währungsraum höher, als sie das stagnierende Deutschland vertragen konnte.

Heute indes profitiert Deutschland vom Euro. Für die boomende hiesige Wirtschaft sind die Zinsen nun besonders niedrig, und die Exporte sind für den Rest der Welt vergleichsweise billig – stünde doch die Deutsche Mark heute höher im Kurs als der Euro. Deshalb kann es man es vielleicht am besten so sagen: Solange die deutsche Wirtschaft im europäischen Vergleich relativ stark ist und solange der Zinsvorteil gegenüber weniger stabilen Euro-Ländern besonders ausgeprägt ist, profitiert die hiesige Ökonomie von den wirtschaftlichen Vorteilen des Euro besonders stark.

2. Bedrohen die Schulden unseren Wohlstand?

Natürlich! Zunächst einmal einfach dadurch, dass die Bundesrepublik bei den Hilfen für Griechenland , Irland und Portugal ins Obligo gegangen ist. Werden alle Mittel aus dem erweiterten Rettungsfonds der Europäer abgeschöpft, steht sie mit 211 Milliarden Euro an Garantien gerade. Allein ein radikaler Schuldenschnitt Griechenlands könnte die deutsche Staatskasse mit 30 bis 40 Milliarden Euro belasten. Und für den dauerhaften Finanzstabilisierungsfonds ESM werden von 2013 an auch 22 Milliarden Euro Barkapital aus deutscher Hand benötigt.

Allerdings könnte es sein, dass all dieses Geld und die Garantien gut angelegt sind – sofern sie helfen, eine Art finanzieller Kernschmelze zu vermeiden. Die würde von einer ungeordneten griechischen Pleite über Insolvenzen auf der Iberischen Halbinsel bis nach Italien reichen und den Bankensektor erst in Europa und dann weltweit ins Wanken bringen. Eine neue Krise wie 2008 und 2009 würde drohen, mit einem kräftigen Einbruch der Konjunktur. Daraus könnte im schlimmsten Fall eine Depression wie in den dreißiger Jahren werden.

Wahrscheinlicher ist, dass Europa weiter rettet und im Übrigen auch Amerika seine Schulden weiter bedient. Zumindest das überschuldete Griechenland dürfte die Deutschen auf Dauer aber zweistellige Milliardenbeträge kosten. Und weil viele Handelspartner in Europa wirtschaftlich darben und sich die USA gesundsparen müssen, könnte auch die deutsche Exportmaschine empfindliche Aussetzer erfahren.

Randeuropa in der Krise, Amerika im Schuldenturm, Japan bis unters Dach verschuldet – es wäre ein Wunder, wenn die Misere der Industrieländer ganz an Deutschland und seinem Wohlstand vorbeigehen würde. Es wäre selbst dann höchst unwahrscheinlich, wenn sich die Euro-Politiker in Berlin, Paris und anderswo endlich zu einer nachhaltigen Lösung des Schuldenproblems durchringen würden. Allerdings sieht es danach auch nicht aus.