Wollte man die Verhältnisse in Europa bildlich darstellen, man müsste einen Kontinent zeigen, der von einem dichten Netz aus roten Linien durchzogen wird. Im Kampf um den Euro haben in den vergangenen Wochen alle Beteiligten Positionen abgesteckt und Grenzen markiert: der Bundestag, die Bundesregierung, die Europäische Zentralbank , die Franzosen, die Griechen. Die einen wollen keine Umschuldung, die anderen keine Transferunion, die einen wollen die Banken bluten lassen, die anderen wollen sie schonen.

Es gibt in Europa im Moment mehr rote Linien als Gemeinsamkeiten.

Das liegt vor allem daran, dass zwölf Jahre nach der Einführung des Euro als Buchgeld immer noch umstritten ist, worum es in der Währungsunion eigentlich geht. Für die Deutschen ist sie eine Art Gesellschaft mit beschränkter Haftung, in der jedes Land für seine eigenen Schulden verantwortlich ist. Für die Südeuropäer ist sie ein Mittel, um sich niedrige Zinsen zu sichern. Und für die Europäische Zentralbank (EZB) ist sie die Daseinsberechtigung, die mit aller Macht verteidigt werden muss.

In den guten Zeiten blieben diese Differenzen verborgen, jetzt treten sie offen zutage und erschweren die Suche nach einer gemeinsamen Antwort auf die Krise. Mehr als 30 unterschiedliche Modelle hat sich eine Runde hochrangiger Beamter aus allen Ländern der Währungsunion in den vergangenen Tagen angesehen, um den Krisengipfel an diesem Donnerstag vorzubereiten – und je länger sich die Fachleute mit einem Vorschlag beschäftigten, desto mehr Schwierigkeiten traten auf. Denn der währungspolitische Gehalt eines Rettungsansatzes offenbart sich zumeist erst in den Details.

Beispiel Eurobonds : Statt ihre eigenen Staatsanleihen auszugeben, würden sich die Länder der Währungsunion gemeinsam verschulden. Der Markt für die Anleihen wäre so groß, dass Spekulanten keine Chance mehr hätten, der Rettungsschirm könnte eingeklappt werden, fortan gälte ein Zins für alle. Vor allem die Südstaaten würden davon profitieren, denn der Einheitszins läge deutlich unter dem Niveau, das sie derzeit bezahlen müssen.

Das Problem: Statt ihre Haushalte sanieren zu müssen, könnten sich die Schuldenländer weiter billig Geld leihen – schlimmstenfalls auf Kosten der soliden Staaten, weshalb der Vorschlag dort wenig populär ist. Die logische Konsequenz wäre eine zentralisierte Finanzbehörde, die die Haushaltspolitik kontrolliert, doch zu einem solchen Souveränitätsverzicht ist weder der Süden noch der Norden bereit.

Beispiel Umschuldung : Die Banken müssten auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, und Griechenland könnte mit niedrigerem Schuldenstand von vorn beginnen.