In Europa macht das Gespenst die Runde, dass die Krise in der Währungsunion auch auf Italien überspringen könnte. Während die Rating-Agenturen jeden Versuch einer Umschuldung Griechenlands mit ihrem apodiktischen Urteil eines Zahlungsausfalls bestrafen – womit in kruder kapitalistischer Manier eine Schutzzone für private Gläubiger statt eines Schutzes von Land und Leuten vor weiterer Unbill errichtet wird – , tasten sich die Märkte an das nächste, weitaus größere Kettenglied der Währungsunion heran.

Die Gefahr einer erneuten Spiralbewegung nach unten und weiterer Infektionen mag geringer sein, als die ersten Aufregungen kundtaten. Italien ist eine leistungsstarke, diversifizierte Volkswirtschaft mit international erfolgreich operierenden Unternehmen. Seine Sparquote ist hoch, mit der Folge, dass es sich mehr als andere Länder intern refinanzieren kann und in geringerem Maße von Kapitalimporten abhängig ist. Die Laufzeit seiner Anleihen ist hoch, sodass es kurzfristig nicht unter Atembeschwerden leiden dürfte. Und es verfügt schließlich über einen der liquidesten Anleihemärkte der Welt.

Dennoch ist Obacht geboten. Abgesehen von Wachstums- und Reformdefiziten liegt das größte Risiko Italiens in seiner politischen Führung. Die mag in mancher Hinsicht so stark Hand anlegen, dass sich Richter damit beschäftigen müssen. Sie zeichnet sich aber nicht durch eine konzise ökonomische Linie und große Zielstrebigkeit darin aus, wirtschaftlich notwendige, aber unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. Es bleibt nicht das einzige Rätsel des italienischen Ministerpräsidenten, wie man Steuererleichterungen mit dauerhaften Einnahmeverlusten angesichts einer Schuldenstandsquote von 120 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), für ökonomische Weisheit halten kann. Die Auseinandersetzung mit seinem Finanzminister über ein Sparpaket von 40 Milliarden Euro, das allerdings in weiten Teilen vage ist und die meisten Maßnahmen auf die Zeit der nächsten Legislaturperiode hinausschiebt, gibt vielmehr zu erkennen, dass Silvio Berlusconi die Zeichen an der Wand nicht zu deuten weiß – und ein unkalkulierbarer Faktor im europäischen Krisenmanagement ist. Wer sagt ihm das, diplomatisch verpackt, gegebenenfalls auch am Telefon?

Wenn die US-Regierung mit den beiden Häusern des Kongresses nicht bis zum Erscheinungstag dieser Ausgabe der ZEIT einen Kompromiss zur Erhöhung (!) der Schuldenobergrenze von derzeit 14,3 Billionen US-Dollar auf fast 19 Billionen US-Dollar gefunden hat, dann ist in letzter Konsequenz ein Horrorfilm à la Hollywood durchaus nicht ausgeschlossen. Die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, spricht für diesen Fall, zurückhaltend, aber leicht zu dekodieren, von "hässlichen Konsequenzen nicht nur für die USA, sondern für die Weltwirtschaft".

Scheitern die Verhandlungen Präsident Obamas mit den Republikanern und Demokraten, sind die USA ab dem 2. August zahlungsunfähig, weil der Kongress der US-Regierung nicht erlaubt, über die 14,3 Billionen US-Dollar auch nur einen neuen Cent auf den Kapitalmärkten aufzunehmen. Dann werden nicht nur keine Gehälter mehr gezahlt, keine Renten überwiesen, keine Rechnungen mehr für Staatsaufträge beglichen. Die Gläubiger – ausländische Gläubiger wie insbesondere die Zentralbanken Chinas und Japans halten etwa 47Prozent der Schulden der USA – erhalten keine Zinsen mehr. Die USA würden in ihrer Bonität abgestuft. Der Dollar geriete in einen freien Fall. Die Erschütterung der weltweiten Finanzarchitektur in den Jahren 2008 und 2009 erschiene als eine überschaubare Krise im Vergleich zu einem solchen Szenario. Deshalb sollte man eigentlich annehmen, dass die Rationalität und Verantwortung aller Beteiligten darauf gerichtet ist, es auch nicht annäherungsweise so weit kommen zu lassen.

Tatsächlich sind aber die Fronten erschreckend verhärtet. Aus wahltaktischen und ideologischen Gründen lehnen die Republikaner jede Kürzung des Militärhaushaltes und jede Steuererhöhung ab. Sie verlangen, dass die Erhöhung der Verschuldungsgrenze durch eine gleich große Einsparung vornehmlich im Gesundheitswesen und bei der Sozialversicherung kompensiert werden muss. Für die Demokraten ist es aber unvorstellbar, dass gerade den Alten und Armen die Konsolidierung aufgebürdet wird, während obere Einkommens- und Vermögensschichten unangetastet bleiben.