Hellas statt Holocaust – Seite 1

Was mag im Kopf eines Zeitgenossen vorgehen, der zum ersten Mal im Leben am 13. Juli 2011 durch einen Beitrag des Rostocker Althistorikers Egon Flaig auf den Wissenschaftsseiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwas über den "Historikerstreit" des Jahres 1986 erfahren hat? Nur auf diesen Artikel angewiesen, wird er vermuten müssen, dass der berühmte Philosoph Jürgen Habermas – Flaig zufolge ein ziemlich ungebildeter Patron – am 11. Juli 1986 in der ZEIT über den Berliner Historiker Ernst Nolte und drei seiner Kollegen hergefallen ist, um sie mithilfe von Zitatverkrümmungen und "Tricks", wie sie im "Lumpenjournalismus" (Flaig) üblich sind, an den Pranger zu stellen. Dabei hätten, meint Flaig, die Beschuldigten nur eine "Mahnung" ausgesprochen, "nämlich, dass die Vergangenheit der Deutschen nicht zwölf Jahre beträgt, sondern ein gutes Jahrtausend und [...] dass die Vergangenheit der Deutschen als Teil der europäischen Kultur mindestens bis zur griechischen Klassik zurückreicht".

Dankenswerterweise nennt Flaig das Buch, in dem man die Debatte von 1986 nachlesen kann: den im Jahr darauf erschienenen Band "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Wer sich dort kundig macht, wird freilich feststellen, dass der Disput anders verlief, als Flaig es darstellt. Den "Historikerstreit" löste Ernst Nolte am 6. Juni 1986 mit seinem in der FAZ veröffentlichten Aufsatz Vergangenheit, die nicht vergehen will aus. Darin versuchte er, die Vernichtung der europäischen Juden aus Stalins Verbrechen abzuleiten und Hitlers Vorgehen als einen Akt der Putativnotwehr verstehbar zu machen. Nolte stellte Fragen, die sich von selbst zu beantworten schienen. "Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ›asiatische‹ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ›asiatischen‹ Tat betrachteten? War nicht der ›Archipel GULag‹ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ›Rassenmords‹ der Nationalsozialisten?" Das war der Text, der Habermas den Anstoß zu seiner scharfen (und, was Noltes angebliche Mitstreiter anging, nicht eben differenzierten) Replik gab – der Text, ohne den der "Historikerstreit" nicht stattgefunden hätte.

Flaig lockt seine Leser kaum absichtslos auf eine falsche Fährte. Würde er, wie es einem Historiker geziemt, Noltes Text als Quelle ernst nehmen und kritisch interpretieren, könnte er ihn nicht als unvoreingenommenen Versuch deuten, die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in die großen Zusammenhänge der deutschen und europäischen Geschichte einzuordnen. Er müsste vielmehr zu dem Schluss gelangen, dass es Nolte um eine Apologie jenes Deutschland ging, das sich 1933 oder schon vorher Hitler zugewandt hatte. Diese Absicht aufzudecken konnte aber nicht im Sinn des Autors Flaig sein. Denn ihn leitet dasselbe Motiv wie Nolte: Es ist der Wunsch nach einer Apologie des bürgerlichen Deutschland.

Egon Flaig glaubt oder gibt zu glauben vor, dass alle Hinweise auf die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung einem einzigen großen Zweck dienen: der moralischen Erpressung der Deutschen "durch die anderen Völker" und durch deutsche Autoren, die diesen nach dem Munde reden. Einem der Autoren, die auf der Einzigartigkeit der Shoah insistieren, dem in Leipzig und Tel Aviv lehrenden Historiker Dan Diner, wirft Flaig "Einschüchterung" durch "moralischen Terror" vor, und das deshalb, weil Diner es 1987 als eine "narzisstische Kränkung" bezeichnet hat, "einem Ereignis ausgesetzt zu sein, das sich menschlicher Vorstellungs- und Fassungskraft entzieht". Gemeint ist die Ermordung der europäischen Juden.

Der Vorstellungs- und Fassungskraft von Egon Flaig entzieht sich das Geschehen von Belzec, Sobibór, Treblinka, Majdanek und Auschwitz offenbar nicht. Er bekennt sich nicht das erste Mal zu dem, was Diner als Gefahr benennt: der vergleichenden "Banalisierung" der Shoah. Erkennen, schreibt Flaig, sei nur möglich, "wenn man so sehr als möglich kontextualisiert, relationiert, relativiert und revidiert". Da das für alle historischen Erscheinungen gelte, muss es nach Flaig auch für das Vernichtungswerk der SS gelten.

Auf welche Weise Flaig die Relativierung des Judenmordes und der anderen gar nicht eigens erwähnten Massenmorde der Nationalsozialisten zuwege bringen will, lässt er in dem von der FAZ publizierten Text offen. Hofft er, historische Entlastung durch den Vergleich mit den Verbrechen Lenins und Stalins, Maos und Pol Pots zu finden? Sonderlich originell wäre das nicht. Wie auch immer, am Ziel allen Kontextualisierens, Relationierens, Relativierens und Revidierens lässt er keinen Zweifel aufkommen – es geht ihm darum, den Deutschen das "Grundrecht jeder Generation auf Erden" zu sichern: die "Normalität". Dieses Grundrecht wird ihnen nämlich von "Habermas und seinesgleichen" (im Einklang mit den schon erwähnten "anderen Völkern") verweigert: "Abnormalität als Dauerzustand, verhängt von moralisierenden Fanatikern? Kann das gut gehen?" – "Natürlich nicht", pflegte Stalin solche selbst gestellten rhetorischen Fragen zu beantworten. Flaig variiert: "Gewiss nicht."

Flaig findet, dass man die Deutschen nicht dauernd mit Auschwitz behelligen sollte

Der Autor kennt auch die wahren Motive der "moralisierenden Fanatiker". Sie wollten, dass die Abnormalität der Deutschen bewahrt bleibe. Andernfalls ließe sich deren "mythische Einzigartigkeit" nicht länger behaupten. "Einzigartigkeit" aber sei etwas, was nicht an den Dingen selber hafte, sondern ihnen vom Betrachter zugeschrieben werde, um einem Ereignis eine spezifische "Bedeutung" zu verleihen. Das reflektierende Subjekt ist dabei völlig frei, kein semantischer Gerichtshof schreibt ihm irgendetwas vor. Flaig weiß seine Freiheit zu nutzen: "Und wenn ich behaupte, die athenische Demokratie sei ebenso einzigartig wie die Shoah, dann kann ich dafür einen guten Grund nennen: Sie ist nämlich für mich bedeutsamer als die Shoah."

Dieses Argument ist nun wirklich originell. Denn im Zusammenhang mit der Ermordung der europäischen Juden ist es, außer von Flaig, noch nicht vorgetragen worden. Es gibt zwar Historiker, welche die viel gerühmte Demokratie des Perikles für einen Mythos halten – beginnend mit Thukydides, der in seiner Würdigung des großen athenischen Staatsmannes schreibt, seine Regierungsweise sei "angeblich eine Demokratie gewesen, in Wirklichkeit aber zur Herrschaft durch den ersten Mann geworden". Doch darüber mag der in seinem Fachgebiet mehrfach durch Preise und Ehrungen ausgezeichnete Althistoriker Flaig anders denken – wie es auch sein gutes Recht wäre, die Art und Weise für vorbildlich zu halten, mit der ein Volksgericht der Athener das öffentliche Wirken des Sokrates dauerhaft unterband. Dass Flaig den Holocaust für ein minder bedeutsames Ereignis hält, würde, falls er diese Auffassung auch in seinen Vorlesungen verkünden sollte, unter die Freiheit der Lehre fallen. Er leugnet die Judenvernichtung ja nicht. Er findet nur, wie ganz ähnlich schon vor vielen Jahren der Althistoriker Franz Josef Strauß, dass man die Deutschen aufgrund sonstiger guter Leistungen nicht dauernd mit Auschwitz behelligen sollte.

Flaig weiß, was den Deutschen zur ersehnten Normalität verhelfen kann: Es ist die Besinnung auf jenes schon erwähnte deutsche und europäische Kulturerbe, das im klassischen Hellas wurzelt. "Denn von dort stammt der Großteil jener politischen Errungenschaften, aus denen sich die ›westliche Kultur‹ so lange gespeist hat. Wenn diese Errungenschaften für uns von Bedeutung sind, dann ist es grober Unfug, dass die Erinnerung an die Untaten des NS-Regimes den Kern unserer Memorialkultur darstellen soll. Denn das kulturelle Gedächtnis jedweder politischen Gemeinschaft muss notwendigerweise nicht nur die mala, sondern auch die bona exempla einschließen."

Nun wissen wir also, was Egon Flaig im Innersten von Habermas, Diner und einigen irregeleiteten deutschen Historikern trennt. Im gegnerischen Lager erzeugt man nach Flaigs Meinung Mythen, "indem man das historisch Besondere isoliert, es aus dem Kontext herauslöst und den Kontext mit wuchtigen Schlägen zertrümmert und pulverisiert. Das radikal dekontextualisierte Besondere lässt sich dann bequem auf ein Podest stellen. Und dann braucht man bloß noch den Weihrauch schwenken. Der Tanz ums goldene Kalb ›Unerklärbarkeit‹ kann beginnen."

Falls Flaig weiß, wie der Holocaust zu erklären ist, hat er die Leserinnen und Leser der FAZ an diesem Wissen leider nicht teilhaben lassen. Erklären lässt sich aber durchaus, was die Ermordung der europäischen Juden bis heute so vielen, vielleicht den meisten, die sich damit befassen, als "einzigartig" erscheinen lässt: Es ist die systematische, industrielle Menschenvernichtung durch ein Land, von dem man dies auch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch nicht erwartet hätte. Deutschland gehörte kulturell zum Westen, es hatte die großen europäischen Emanzipationsprozesse seit dem Mittelalter mit vollzogen, ja im Fall der Reformation in Gang gesetzt. Es hatte teilgehabt an der europäischen Aufklärung und im 19.Jahrhundert einen Rechtsstaat hervorgebracht, der westlichen Maßstäben entsprach. Es war als Sozialstaat ein Vorbild für andere geworden; es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein hoch entwickeltes Industrieland und eine der führenden Wissenschaftsnationen der Welt.

Der Rostocker Historiker beruft sich auf den europäischen und westlichen Kontext, um dem Holocaust eine mindere Bedeutung zuzuweisen. In Wirklichkeit war es ebendieser westliche Kontext Deutschlands, der die westlichen Demokratien so auf die Ermordung der europäischen Juden reagieren ließ, wie sie es taten. "Es besteht kein Zweifel", schrieb der britische Kriegspremier Winston Churchill – ein für Flaig allerdings wohl höchst verdächtiger Zeuge – am 11. Juli 1944 im Zusammenhang mit der Deportation der ungarischen Juden an Außenminister Anthony Eden, "dass es sich hier um das wahrscheinlich größte und schrecklichste Verbrechen der ganzen Weltgeschichte handelt, das von angeblich zivilisierten Menschen im Namen eines großen Staates und eines führenden Volkes Europas mit wissenschaftlichen Mitteln verübt wird."

Der Holocaust war ein Menschheitsverbrechen, begangen von einem Land des alten Okzidents, dessen traditionelle Eliten sich gleichwohl von den Nationen des transatlantischen Westens in einem wesentlichen Punkt unterschieden: Deutschland hatte sich das normative Projekt des Westens, die Ideen der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, bis 1918 allenfalls teilweise zu eigen gemacht. Die unveräußerlichen Menschenrechte, die Prinzipien der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie bildeten keinen Teil der politischen Kultur des Kaiserreiches. Gehorsam gegenüber einem Staat, der als Rechtsstaat per definitionem nichts Unrechtes anordnen konnte, stand beim Bürgertum des Bismarckreiches höher im Kurs als der Gedanke politischer Verantwortung für das Gemeinwesen. Im Ersten Weltkrieg stellten die deutschen Kriegsideologen den "Ideen von 1789" die "Ideen von 1914" gegenüber und präsentierten damit den deutschen Kultur-, Macht- und Obrigkeitsstaat als überlegene Antwort auf die universellen Werte der westlichen Demokratien.

Flaig versucht den Judenmord zu entdramatisieren

Nach der Niederlage von 1918 galt die parlamentarische Demokratie von Weimar einem großen Teil der meinungsbildenden Eliten als Staatsform der Sieger und darum als "undeutsch" – eine Deutung, der sich Hitler anschloss. Der Nationalsozialismus war die extremste Steigerung des antiwestlichen Ressentiments der Deutschen. Erst nach der zweiten Niederlage im Jahr 1945 setzte im Westteil Deutschlands jener langwierige und widerspruchsvolle Prozess ein, von dem Habermas in seinem Artikel in der ZEIT vom 11. Juli 1986 rückblickend schrieb: "Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte."

Von alledem ist bei Flaig mit keinem Wort die Rede. Sein erkenntnisleitendes Interesse ist ein anderes. Er postuliert den historischen Vergleich, aber nicht um den Ort nationalsozialistischer, faschistischer und kommunistischer Völkermorde und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einer europäischen Gedenkkultur bestimmen zu können, sondern um den deutschen Judenmord zu entdramatisieren, seine Singularität als "Banalität" zu entlarven und sei- ne "Sakralisierung" zu bekämpfen. Flaig schreibt weder, wofür es gute Gründe gäbe, gegen eine tagespolitische Instrumentalisierung von Auschwitz an, noch geht er der berechtigten Frage nach, ob beim "Historikerstreit" nicht von beiden Seiten "Geschichtspolitik" betrieben wurde (dieses Wort kam übrigens erst damals auf).

Stattdessen schickt seine Betrachtung zur 25. Wiederkehr der Kontroverse die Leserinnen und Leser der FAZ auf eine Zeitreise. Der Autor versetzt sie in die Geisteswelt der fünfziger Jahre, die in Ausläufern bis in die achtziger Jahre dauerte und den Hintergrund des "Historikerstreites" bildet. Es ist die Welt der deutschnationalen Geschichtsapologie, zu deren Versatzstücken es gehörte, dass Deutschland keine besondere Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug, dass Hitlers Machtübernahme eine Folge des "Diktats von Versailles" und außerdem ein "Betriebsunfall" war, dass die Wehrmacht bis zum bitteren Ende ebenso anständig geblieben war wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen und dass, soweit es auf deutscher Seite Verbrechen gab, diese ausschließlich auf das Konto von Hitler, Himmler und ihren Spießgesellen gingen.

Man muss nicht Geschichte studiert haben, um dieses Geschichtsbild, sagen wir es höflich, für überholt zu halten. Aber es ist in Deutschland offenbar noch heute möglich, Geschichte in dem Geist zu lehren, der dieses Geschichtsbild hervorgebracht hat. Das weiß man jetzt auch außerhalb von Rostock.