Der Autor kennt auch die wahren Motive der "moralisierenden Fanatiker". Sie wollten, dass die Abnormalität der Deutschen bewahrt bleibe. Andernfalls ließe sich deren "mythische Einzigartigkeit" nicht länger behaupten. "Einzigartigkeit" aber sei etwas, was nicht an den Dingen selber hafte, sondern ihnen vom Betrachter zugeschrieben werde, um einem Ereignis eine spezifische "Bedeutung" zu verleihen. Das reflektierende Subjekt ist dabei völlig frei, kein semantischer Gerichtshof schreibt ihm irgendetwas vor. Flaig weiß seine Freiheit zu nutzen: "Und wenn ich behaupte, die athenische Demokratie sei ebenso einzigartig wie die Shoah, dann kann ich dafür einen guten Grund nennen: Sie ist nämlich für mich bedeutsamer als die Shoah."

Dieses Argument ist nun wirklich originell. Denn im Zusammenhang mit der Ermordung der europäischen Juden ist es, außer von Flaig, noch nicht vorgetragen worden. Es gibt zwar Historiker, welche die viel gerühmte Demokratie des Perikles für einen Mythos halten – beginnend mit Thukydides, der in seiner Würdigung des großen athenischen Staatsmannes schreibt, seine Regierungsweise sei "angeblich eine Demokratie gewesen, in Wirklichkeit aber zur Herrschaft durch den ersten Mann geworden". Doch darüber mag der in seinem Fachgebiet mehrfach durch Preise und Ehrungen ausgezeichnete Althistoriker Flaig anders denken – wie es auch sein gutes Recht wäre, die Art und Weise für vorbildlich zu halten, mit der ein Volksgericht der Athener das öffentliche Wirken des Sokrates dauerhaft unterband. Dass Flaig den Holocaust für ein minder bedeutsames Ereignis hält, würde, falls er diese Auffassung auch in seinen Vorlesungen verkünden sollte, unter die Freiheit der Lehre fallen. Er leugnet die Judenvernichtung ja nicht. Er findet nur, wie ganz ähnlich schon vor vielen Jahren der Althistoriker Franz Josef Strauß, dass man die Deutschen aufgrund sonstiger guter Leistungen nicht dauernd mit Auschwitz behelligen sollte.

Flaig weiß, was den Deutschen zur ersehnten Normalität verhelfen kann: Es ist die Besinnung auf jenes schon erwähnte deutsche und europäische Kulturerbe, das im klassischen Hellas wurzelt. "Denn von dort stammt der Großteil jener politischen Errungenschaften, aus denen sich die ›westliche Kultur‹ so lange gespeist hat. Wenn diese Errungenschaften für uns von Bedeutung sind, dann ist es grober Unfug, dass die Erinnerung an die Untaten des NS-Regimes den Kern unserer Memorialkultur darstellen soll. Denn das kulturelle Gedächtnis jedweder politischen Gemeinschaft muss notwendigerweise nicht nur die mala, sondern auch die bona exempla einschließen."

Nun wissen wir also, was Egon Flaig im Innersten von Habermas, Diner und einigen irregeleiteten deutschen Historikern trennt. Im gegnerischen Lager erzeugt man nach Flaigs Meinung Mythen, "indem man das historisch Besondere isoliert, es aus dem Kontext herauslöst und den Kontext mit wuchtigen Schlägen zertrümmert und pulverisiert. Das radikal dekontextualisierte Besondere lässt sich dann bequem auf ein Podest stellen. Und dann braucht man bloß noch den Weihrauch schwenken. Der Tanz ums goldene Kalb ›Unerklärbarkeit‹ kann beginnen."

Falls Flaig weiß, wie der Holocaust zu erklären ist, hat er die Leserinnen und Leser der FAZ an diesem Wissen leider nicht teilhaben lassen. Erklären lässt sich aber durchaus, was die Ermordung der europäischen Juden bis heute so vielen, vielleicht den meisten, die sich damit befassen, als "einzigartig" erscheinen lässt: Es ist die systematische, industrielle Menschenvernichtung durch ein Land, von dem man dies auch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch nicht erwartet hätte. Deutschland gehörte kulturell zum Westen, es hatte die großen europäischen Emanzipationsprozesse seit dem Mittelalter mit vollzogen, ja im Fall der Reformation in Gang gesetzt. Es hatte teilgehabt an der europäischen Aufklärung und im 19.Jahrhundert einen Rechtsstaat hervorgebracht, der westlichen Maßstäben entsprach. Es war als Sozialstaat ein Vorbild für andere geworden; es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein hoch entwickeltes Industrieland und eine der führenden Wissenschaftsnationen der Welt.

Der Rostocker Historiker beruft sich auf den europäischen und westlichen Kontext, um dem Holocaust eine mindere Bedeutung zuzuweisen. In Wirklichkeit war es ebendieser westliche Kontext Deutschlands, der die westlichen Demokratien so auf die Ermordung der europäischen Juden reagieren ließ, wie sie es taten. "Es besteht kein Zweifel", schrieb der britische Kriegspremier Winston Churchill – ein für Flaig allerdings wohl höchst verdächtiger Zeuge – am 11. Juli 1944 im Zusammenhang mit der Deportation der ungarischen Juden an Außenminister Anthony Eden, "dass es sich hier um das wahrscheinlich größte und schrecklichste Verbrechen der ganzen Weltgeschichte handelt, das von angeblich zivilisierten Menschen im Namen eines großen Staates und eines führenden Volkes Europas mit wissenschaftlichen Mitteln verübt wird."

Der Holocaust war ein Menschheitsverbrechen, begangen von einem Land des alten Okzidents, dessen traditionelle Eliten sich gleichwohl von den Nationen des transatlantischen Westens in einem wesentlichen Punkt unterschieden: Deutschland hatte sich das normative Projekt des Westens, die Ideen der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, bis 1918 allenfalls teilweise zu eigen gemacht. Die unveräußerlichen Menschenrechte, die Prinzipien der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie bildeten keinen Teil der politischen Kultur des Kaiserreiches. Gehorsam gegenüber einem Staat, der als Rechtsstaat per definitionem nichts Unrechtes anordnen konnte, stand beim Bürgertum des Bismarckreiches höher im Kurs als der Gedanke politischer Verantwortung für das Gemeinwesen. Im Ersten Weltkrieg stellten die deutschen Kriegsideologen den "Ideen von 1789" die "Ideen von 1914" gegenüber und präsentierten damit den deutschen Kultur-, Macht- und Obrigkeitsstaat als überlegene Antwort auf die universellen Werte der westlichen Demokratien.