Nach der Niederlage von 1918 galt die parlamentarische Demokratie von Weimar einem großen Teil der meinungsbildenden Eliten als Staatsform der Sieger und darum als "undeutsch" – eine Deutung, der sich Hitler anschloss. Der Nationalsozialismus war die extremste Steigerung des antiwestlichen Ressentiments der Deutschen. Erst nach der zweiten Niederlage im Jahr 1945 setzte im Westteil Deutschlands jener langwierige und widerspruchsvolle Prozess ein, von dem Habermas in seinem Artikel in der ZEIT vom 11. Juli 1986 rückblickend schrieb: "Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte."

Von alledem ist bei Flaig mit keinem Wort die Rede. Sein erkenntnisleitendes Interesse ist ein anderes. Er postuliert den historischen Vergleich, aber nicht um den Ort nationalsozialistischer, faschistischer und kommunistischer Völkermorde und anderer Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einer europäischen Gedenkkultur bestimmen zu können, sondern um den deutschen Judenmord zu entdramatisieren, seine Singularität als "Banalität" zu entlarven und sei- ne "Sakralisierung" zu bekämpfen. Flaig schreibt weder, wofür es gute Gründe gäbe, gegen eine tagespolitische Instrumentalisierung von Auschwitz an, noch geht er der berechtigten Frage nach, ob beim "Historikerstreit" nicht von beiden Seiten "Geschichtspolitik" betrieben wurde (dieses Wort kam übrigens erst damals auf).

Stattdessen schickt seine Betrachtung zur 25. Wiederkehr der Kontroverse die Leserinnen und Leser der FAZ auf eine Zeitreise. Der Autor versetzt sie in die Geisteswelt der fünfziger Jahre, die in Ausläufern bis in die achtziger Jahre dauerte und den Hintergrund des "Historikerstreites" bildet. Es ist die Welt der deutschnationalen Geschichtsapologie, zu deren Versatzstücken es gehörte, dass Deutschland keine besondere Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug, dass Hitlers Machtübernahme eine Folge des "Diktats von Versailles" und außerdem ein "Betriebsunfall" war, dass die Wehrmacht bis zum bitteren Ende ebenso anständig geblieben war wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen und dass, soweit es auf deutscher Seite Verbrechen gab, diese ausschließlich auf das Konto von Hitler, Himmler und ihren Spießgesellen gingen.

Man muss nicht Geschichte studiert haben, um dieses Geschichtsbild, sagen wir es höflich, für überholt zu halten. Aber es ist in Deutschland offenbar noch heute möglich, Geschichte in dem Geist zu lehren, der dieses Geschichtsbild hervorgebracht hat. Das weiß man jetzt auch außerhalb von Rostock.