Darf man diese Frage stellen? Man darf, aber man sollte nicht mit einer Antwort rechnen. In welchem Zimmer genau Benedikt XVI. nächtigen wird, bleibt Staatsgeheimnis. Nachfragen zwecklos, Zutritt verwehrt aus Sicherheitsgründen. Dabei wüsste man schon gern, wie es dort aussieht, wo der Papst nach anstrengendem Tagwerk all die irdischen Dinge tut, auf die auch ein Heiliger Vater nicht verzichten wird – Zähne putzen, sich frisch machen, in Tiefschlaf versinken.

Nur so viel steht fest: Wenn Papst Benedikt am 22. September in Berlin seine Deutschlandvisite beginnt , dann wird er nach engem Besuchsprogramm und abendlicher Eucharistiefeier im Olympiastadion nicht im Hotel Adlon einchecken. Stattdessen übernachtet der Papst – wie üblich – in kirchlichem Zuhause. In der deutschen Hauptstadt ist dieses Zuhause die Apostolische Nuntiatur, die Botschaft des Vatikans in Deutschland. Und die steht direkt an der Grenze zu Kreuzberg, in Neukölln.

Neukölln? Himmel hilf! Ausgerechnet im sozialen Brennpunkt der Republik? Dem Vorzeigebezirk für Hartz-IV-Misere und Integrationsprobleme? Schon der Besuch in Berlin wird für das katholische Kirchenoberhaupt eine Reise in die Diaspora. Aber Neukölln – das klingt nach Diaspora zum Quadrat. Nicht einmal jeder dritte Hauptstädter gehört überhaupt noch einer christlichen Kirche an. Unter den 3,3 Millionen Berlinern zählt die Statistik gerade 320.000 Mitglieder der römisch-katholischen Kirche. Das sind nur wenig mehr als Anhänger muslimischen Glaubens. Von denen ist ein Gutteil genau in dem Bezirk zu Hause, wo der Papst im September wohnen wird, zumindest für eine Nacht.

Kein Portier, keine Fahnen, keine fünf Sterne an der Tür. Nur ein schlichtes Edelstahlschild mit der Hausnummer "3A Apostolische Nuntiatur" weist den Weg ins "Hotel Papa" in der Lilienthalstraße, der Grenzlinie zwischen Neukölln und dem arrivierteren Teil des einst rebellischen Kreuzberg. Hier am Südstern, wo in diesem Jahr erstmals die "Revolutionäre 1. Mai Demo" endete, steht auf einem Grundstück, das in den Neuköllner Volkspark Hasenheide hineinragt, die Botschaft des Vatikans.

Ein kurzer Druck auf die Klingel, ein leises Summen, und das Eingangstor öffnet sich für eine Führung durch das "Hotel Papa". Wenn es nicht schon zu dunkel ist am Abend jenes 22. September, wird Benedikt XVI. hier hinter dem schmiedeeisernen Zaun, der Kastanien und Ahornbäume umrahmt, eine moderne Unterkunft vorfinden. Drei viergeschossige gerade Baukörper aus hellgrauem Granitstein hat der Münsteraner Architekt Dieter Baumewerd zu einem Ensemble verbunden, dessen Fassade fast nur aus bodentiefen schmalen Fenstern besteht, die himmelwärts bis zur Decke reichen.

Was hinter diesen Fenstern passiert? Sieht man von außen nicht. Meist sind die stahlgrauen Jalousien verschlossen. Vorn arbeiten der päpstliche Nuntius und seine Mitarbeiter – hinten im gemeinsamen Wohntrakt mit Küche und Speisesaal, dort, wo auch der Papst logieren wird, wohnen sie mit vier Ordensschwestern in Vita communis, was man auf gut Neuköllnisch wohl als WG übersetzen würde.

Hinter der Eingangstür ist schon jetzt ein roter Teppich ausgerollt, der den Papst in eine lichtdurchflutete Empfangshalle führen wird mit klarer, sachlicher Architektur, so wie alles hier. Dort wird der hohe Gast eine Büste seines Vorgängers erblicken – und eine mit seinem eigenen Antlitz.