"In situ" heißt ja nichts anderes als "an Ort und Stelle", und genau dort begegnet der neue, interaktive Film des französischen Regisseurs Antoine Viviani dem Künstler: inmitten der Stadt, direkt auf der Straße. In einer Art Baggerballett tanzen Mann und Maschine miteinander, Marionetten, groß wie Kräne, stapfen durch die Straßen, und unter der Leitung des Musikers Llorenç Barber wird eine ganze Stadt, vom Glockenturm über den Laienchor bis zur Polizeisirene, zum Orchester. In diesem Film ist Kunst stets Intervention, sie verändert im Passanten auf der Straße die Wahrnehmung der Stadt und – Stichwort Interaktivität – engagiert den Zuschauer am Bildschirm gleich mit.

Ganz neu ist die Idee nicht, aber dieser interaktive Film, gerade unter insitu.arte.tv freigeschaltet, gehört zu der Spielart "multimedialissimo". Herzstück des Onlineprojekts ist eine Landkarte, in der die einzelnen Filmkapitel angeordnet sind. Klickt man nach Südspanien, kann man in Marbella, an Ort und Stelle eben, das Kapitel über die orchestrierte Stadt anschauen, weiter nördlich auf der Karte, in Antwerpen, ist der Filmabschnitt über die Riesenmarionetten eingebettet.


In den Filmkapiteln selbst kann sich der interaktive Zuschauer in die Kopfhörer und stellenweise bis in die Gedanken der Passanten hineinklicken. In die Filmkapitel integrierte Links führen mitten aus dem Filmgeschehen zu Bonus-Filmchen und Fotos bis in einen Urbanismus-Blog hinein. Gäbe es nicht die Menüleiste unten am Bildrand, könnte man sich in dieser Filmkarte, diesem Kartenfilm verirren wie in einer fremden Stadt.

Die Struktur einer interaktiven Landkarte ist in diesem Fall nicht nur multimediale Spielerei, sondern vielmehr Mittel der Wahl, um das, was für den Passanten auf der Straße gilt, auf den Zuschauer am Computerbildschirm zu übertragen: den veränderten Blick auf die Stadt durch das Erleben urbaner Kunst. Dies gilt noch einmal mehr, da der Inhalt der Karte nicht festgefügt ist, vielmehr können von jedem Nutzer Fotos und Videos hinzugefügt werden. Das Erleben urbaner Praktiken wird aus der Stadt in den virtuellen Raum getragen – und von dort wieder zurück auf die Straße, wenn man, unterwegs in der Stadt, nach Motiven für die Karte sucht.