Haben wir uns schon mal gesehen? – Seite 1

Wer im Sommer des Jahres 2011 ein Multiplex-Kino betritt, hat nicht so sehr das Gefühl, sich in einem Lichtspielhaus zu befinden, sondern in ein System merkwürdiger Zeitschleifen geraten zu sein. Alles schon mal dagewesen, alles Fortsetzung und Serie, alles Bildwelten, die erneut und immer wieder über ein erwartungsfrohes Publikum hereinbrechen.

Publikum? Im Multiplex scheint es sich vielmehr um die Angehörigen verschiedener Geheimgesellschaften zu handeln, mehr oder weniger sektiererischer Erzählgemeinschaften, die in ihren jeweiligen Kult-Sälen verschwinden, um nach zwei Stunden mit beseligtem Lächeln oder enttäuschtem Raunen wieder in die wirkliche Welt zu strömen. Und wer die einschlägige, sehr bunte Presse verfolgt, der weiß: Es kommt noch schlimmer! Dies ist das Jahr der Sequels mit dem Rekord von 27 Blockbuster-Fortsetzungen aus der Traumfabrik. Bei Harry Potter hat man sogar eine Serien-Fortsetzung in zwei Filme geteilt.

Dazu kommen: "Prequels" (Filme, die eine Vorgeschichte zu erfolgreichen anderen Filmen erzählen), "Remakes" (Filme, die erfolgreiche Stoffe noch einmal erzählen), "Spin-Offs" (Filme, die eine Nebenfigur aus einem erfolgreichen Film oder einer erfolgreichen Film-Serie aufgreifen oder deren Nebenschauplätze zum Zentrum machen), "Reboots" (filmische Neustarts erfolgreicher Pop-Mythen in neuem Gewand), "Cross-over" (die Verknüpfung von Mythen untereinander und über Mediengrenzen hinweg, etwa vom Fernsehen zum Kino und umgekehrt) und alle anderen mehr oder weniger interessanten Formen des "Franchise", also der multimedialen Vermarktungskette einer erfolgreichen Geschichte.

Die Sprache, in der sich die Geheimgesellschaften in den Multiplex-Sälen verständigen, hat sich der Sprache des Business und des Marketings weitgehend angenähert. Willig lässt man sich auf das Grundrauschen von Erwartungen und Strategien ein: Der dritte Teil soll ja wieder "düsterer" werden. Im vierten Teil ist Orlando Bloom nicht mehr dabei. Cars 2 ist viel "actionlastiger" als der erste Teil... Man ist untereinander kenntlich, weist seine Zugehörigkeit durch Alter, Geschlecht und Benehmen, aber auch durch T-Shirts, Baseballkappen und die Klingeltöne des Smartphones aus. Sequels, so scheint es, wiederholen nicht bloß ein gelungenes "Event", sie sind auch "identitätsstiftend". Eine "gute" Folge von Kino-Sequels deckt für einen Fan einen Lebensabschnitt ab; man konnte, wird man einst erzählen, mit Harry Potter erwachsen werden, man lebte in der Daniel-Craig- und Quantum-Periode der ewigen James Bond-Saga, man konnte eine Shrek-Kindheit von einer Cars-Kindheit unterscheiden, man merkte am vierten Teil von Pirates of the Carribean, dass man zu alt für diesen Quatsch geworden war, und man erkannte im dritten Teil von Transformers die furchtbare Leere hinter dem Getöse, so wie man in Iron Man2allzu sehr eine reale, böse Welt hinter dem Spektakel erkannt zu haben glaubte.

Und so gibt es in den Multiplexen unserer Zeit offensichtlich nur noch fünf Arten von Filmen: Das Special-Effects-Bombardement mit Piraten, Zauberern, Vampiren, Superhelden und Robotern, den Animationsfilm für die ganze Familie, die "transgressive" Komödie, in der man über alles lachen soll, was irgendwie mit Körpern, Ausscheidungen und sozialen Peinlichkeiten zu tun hat, die romantische Komödie, in der alle Probleme der sexuellen Ökonomie rosarot angepinselt werden. Und, im Saal fünf oder sechs, der Folter- und Metzelfilm für die drastischeren Geschmäcker. Aber nicht genug mit solcher Standardisierung, bei der jeder ordentlich erzählte und Menschen-affine Film schon eine kleine Sensation ist: Die Mehrzahl all dieser Filme sind Fortsetzungen, die sich schon einmal auf den globalen Bildermärkten bewährt haben, denn dieses Kino wird für einen Markt gemacht und nicht für Menschen; und ob es überhaupt noch von Menschen gemacht wird oder doch schon von digitalen Maschinen, die direkt an Marktanalysen und Zuschauer-Ratings gekoppelt sind – fraglich. So kann man das sehen. Unter unserem Lieblingsmotto: "Früher war alles besser."

Man kann es aber auch, wie so vieles, ganz anders sehen. Zweifellos haben in den globalen Traumfabriken in den letzten Jahren Veränderungen stattgefunden, die nicht allein mit den Folgen von Digitalisierung, 3-D-Hype, Kostenexplosionen und neuen Konkurrenzen durch DVD, Internet oder Computerspiel zu erklären sind. Natürlich hat jede wirtschaftliche Entwicklung ihre direkten und indirekten Auswirkungen auf die Bilder und Erzählungen des Kinos. Auch der Film reflektiert seine Globalisierung: Selbst ein erfolgreicher amerikanischer Film kann seine Produktionskosten auf dem heimischen Markt allein nicht mehr einspielen; für Hollywood, zum Beispiel, ist der Weltmarkt längst kein Zusatzgeschäft mehr, sondern die Existenzgrundlage. Mehr als die Hälfte der Einnahmen muss aus dem Export kommen, und nicht anders verhält es sich mit anderen Traumfabriken. Umgekehrt decken lokal begrenzte Bildermärkte den Nah- und Fernhunger nach visueller Erfahrung: der Videomarkt von Nollywood aus Nairobi ebenso wie das schrecklich nette deutsche Fernsehen. Bilder, Erzählungen, Mythen und Marken sind keine unbegrenzte Ressource. Im Gegenteil: Es droht eine semiotische Katastrophe globalen Ausmaßes, viel mehr als nur der Zusammenbruch realistischer, traditioneller und geschlossener Erzählwelten in einem universalen Bilderbrei. Möglicherweise geht der Menschheit noch vor anderen Rohstoffen, Energie, Wasser, Böden, eine andere entscheidende Ressource aus: die Fantasie.

Gesetzt also den Fall, dass der Vorrat an Bildern, Zeichen, Erzählungen, Ideen und "Sprachen" keineswegs unbegrenzt, sondern im Gegenteil beklagenswert gering ist, und gesetzt weiter den Fall, dass die Globalisierung des Bildermarktes auch eine bemerkenswerte Form der Verdrängung oder gar Vernichtung semiotischen Materials bedeutet, dann gibt es für einen nachhaltigen Umgang mit Bildern nur wenige Optionen. Einer davon, natürlich, ist der Weg jener Kunst, die uns an die Kostbarkeit der Bilder erinnert und nach den Macht-Bedingungen ihrer Produktion fragt. Ein anderer jener, den wir aus dem Umgang mit anderen Rohstoffen kennen: das Recycling.

 Sequels sind auch eine Chance, die Globalisierung und ihre Folgen zu verhandeln

Dies nun macht die Ambivalenz der "Sequelitis" aus: Einerseits ist sie eine Art, mit dem knappen Gut der Bilderfantasie so umzugehen, dass möglichst wenig verloren geht. Bemerkenswerterweise wird durch diesen Umgang mit der Bilderfantasie auch eine neue Sensibilität, sogar ein neuer Reichtum geschaffen. Nirgends als bei Remakes, Sequels und Cross-overs kann man so genau erkennen, aus welchen Elementen und Beziehungen eine Bildererzählung zusammengesetzt ist. Weshalb die Geheimgesellschaften des Multiplex ja auch zu einem nicht unerheblichen Maß aus semiologischen Fachleuten bestehen, man nennt sie in dieser Welt liebevoll-spöttisch "Nerds", die ihre Zeichen- und Fantasiewelt so genau kennen, dass das, was man einmal "Filmkritik" genannt hat, vollkommen irrelevant wird.

Die Kehrseite der Verwandlung der Traumfabriken in gewaltige Bilder-Recycling-Anlagen freilich ist ein einigermaßen aggressives "Besetzen" von Segmenten der globalisierten Bilderkultur. So wie die Bindung der Fans und "Geheimgesellschaften" an die jeweiligen Sequel-Folgen im Multiplex zwangsläufig damit einhergeht, dass ein anderes Potenzial an Zuschauern vertrieben wird. Wir kennen sehr genau das Empfinden von Menschen, die sich zwischen Popcorngeruch, Computerkassen und Twilight 6, Superman-Reboot und Planet der Affen-Prequel vor allem fremd fühlen. Tatsächlich bindet das zentrale Bilder-Recyceln zwangsläufig so viel kreatives, technisches und natürlich vor allem ökonomisches Potenzial, dass für "alles andere" nur noch das Nischendasein bleibt. Ein Sequel enthält nämlich nicht nur Fortsetzung und Reflexion seiner selbst, sondern auch – laut genug ist die Werbung dazu – einen audiovisuellen Machtanspruch.

Wie könnte man sich all das als optimistisches Modell vorstellen? Harry Potter, Batman und die nächsten Toy Story-Runden ermöglichen, indem sie das Kino und die Filmindustrie am Leben erhalten, auch die Arbeiten eines Woody Allen, eines Clint Eastwood, der Coen-Brüder. Das pessimistische Modell hingegen: In der 3-D-Welt der Sequel-Multiplexe werden in absehbarer Zeit auch diese Erzählfilme für ein erwachsenes Publikum nicht mehr zu sehen sein, somit einen Druck auf die ohnehin prekären "Arthouse"-Programme ausüben und aus diesen nun wiederum die experimentelleren und eigensinnigeren Arbeiten vertreiben (die eiligst unter das Dach der bildenden Kunst flüchten und daher früher oder später nur noch in Museen zu sehen sein werden). Das Sequel als Ende der Filmgeschichte.

Wie dem auch sei: Das Sequel und all die anderen Formen des filmischen Recycelns vermögen beides zugleich, Bedeutung und Fantasie vernichten und Bedeutung und Fantasie generieren. Denn natürlich ist das Sequel, wenn es mehr ist als das bloße Aufsplitten eines Motivs, um zweimal damit Geld verdienen zu können, eine gleichsam automatisch "postmoderne" Form der Bildererzählung. Sogar so abgeschmackt alberne Spielzeug- und Kaputtmach-Orgien wie Transformers produzieren unentwegt Hypertexte, die spätestens in der nächsten Parodie (der letzten, nicht unbedingt schlechtesten Resteverwertung der Mythen-Recycling-Maschine) oder in der nächsten TV-Serie explizit wieder auftauchen.

Möglicherweise ist die "Sequelisierung" der Kinematografie eine Hollywood-Erfindung. In der Tat wird es nirgendwo so exzessiv, aber auch, neidlos anzuerkennen, nirgendwo so intelligent gehandhabt. Ein Privileg dieser immer noch maßgebenden Traumfabrik ist es indes nicht. Das europäische Kino ist voll davon. Wie viele Folgen von Taxi gibt es mittlerweile? Welches Land hat noch kein Willkommen bei den Sch’tis-Remake? Wie oft kehrt Til Schweiger noch zu seinen Stofftieren zurück? Das japanische, chinesische und koreanische Kino basiert in hohem Maße auf dem am Sequel und der Trilogie ausgerichteten Serienprinzip, und auch der deutsche Fernsehfilm hat die Fortsetzung von Quotenerfolgen als Produktionsweise entdeckt.

Das Blockbuster-Sequel ist als Kern einer multimedialen Mehrfachverwertung dazu bestimmt, nicht nur eine Gefolgschaft (als Nachfolge eines Publikums) zu bilden, sondern auch alle kulturellen, sozialen und sprachlichen Grenzen zu überspringen um kreuz und quer auf mehreren Märkten zu reüssieren. Daher gibt es natürlich Dinge, die es enthalten muss: etwa die Wiedererkennung, die Innovation, den größeren Spannungsbogen, die Selbstreflexion, das Errichten einer eigenen Bilder-Welt. Aber eben auch Dinge, die es nicht enthalten mag: die Abbildung konkreter Lebensumstände konkreter Menschen, die Verhandlung regionaler, historischer Konflikte, die präzise Beschreibung von Kulturen, Psychen et cetera. In einer globalisierten Bilderfantasie wie der Sequel-Ästhetik kommen nur die globalisierten (oder globalisierungsfähigen) Elemente unseres Lebens vor. Das ist natürlich eine Vereinfachung, eine Verarmung, und, gewiss doch, Infantilisierung kann man auch dazu sagen.

Aber es ist zugleich auch die Chance, ebendie Globalisierung und ihre Folgen zu verhandeln. Der Umgang mit Bilderschleifen gehört dazu, ebenso wie das Erlernen einer neuen Kritik. Batman, Cars, X-Men, Fast and Furious, all dieser Quatsch der Superhelden, belebten Maschinen, fantastischen Parallelwelten ist, wenn man genauer hinsieht, immer auch zugleich Schule des Sehens und Medium für eine Menge "Schmuggelware". Gerade weil das Große und Ganze ja bekannt ist, entfaltet sich (im "gelungenen" Fall, wohlgemerkt) die Aufmerksamkeit für Detail und Abweichung. Es gibt nicht nur Sequels von intelligenten beziehungsweise blödsinnigen Filmen, es gibt auch intelligente beziehungsweise blödsinnige Sequels von Filmen. Nur im Umgang mit solcher Serialität kann sich die Bilderintelligenz bilden, die es mit der Serialität des globalisierten Lebens aufnehmen kann.

Das Sequel im Kino ist also weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes. Es ist der adäquate Ausdruck jenes Teils unserer Wahrnehmung und unserer Empfindung, die bereits die Globalisierungsphase hinter sich haben, ob uns das nun bewusst ist oder nicht. Sequels gehören zu unserer Bilderkultur. Nur übertreiben, als wirklich, so übertreiben wie im Kinojahr 2011 sollte man es vielleicht doch nicht.