Der Fußabstreifer scheint zu leben. Je genauer man sich die kleinformatige, überaus wohlkomponierte Fotografie anschaut, die André Kertész im Haus des Künstlers Piet Mondrian machte, desto mehr sticht einem die wuselige Munterkeit dieser Fußmatte ins Auge. Dabei liegt sie ganz klein unten am Rand, in einem Treppenhaus mit geschwungenem Geländer, vor der geöffneten Wohnungstür Mondrians, durch die das Licht sanft hereinfällt in den Raum und auf den Tisch und die Vase mit der Blume aus Holz. Alles ist glatt und gerade und wunderbar geometrisch bei diesem Künstler daheim, nur dieser Fußabstreifer ist borstig lebendig. Auf dem leicht bräunlichen Postkartenpapier kann man an einem Alltagsgegenstand nachvollziehen, was Gernot Böhme einmal die "Ekstase des Dings" nannte.

In Berlin gibt es derzeit gleich zwei Möglichkeiten, einen Originalabzug dieser wunderschönen Fotografie mit der ekstatischen Fußmatte anzusehen. Im Martin-Gropius-Bau ist bis zum 11. September eine umfangreiche Werkschau des 1894 in Budapest geborenen, 1985 in New York verstorbenen Fotografen Kertész zu sehen (der umfangreiche Katalog zur Ausstellung ist bei Hatje Cantz erschienen).

Parallel dazu kann man bis zum 3. September knapp drei Dutzend von Kertész’ Bildern in der Galerie Kicken in der Linienstraße betrachten – und auch kaufen. Viele Monate lang hat Rudolf Kicken mit seinen Mitarbeitern diese Ausstellung vorbereitet und knapp 30 Kostbarkeiten von Kertész zusammengetragen. Die seltenen Abzüge stammen teilweise aus dem Nachlass des Künstlers, teilweise von Sammlern und anderen Händlern.

Rudolf Kicken kannte André Kertész persönlich, das erste Mal traf er ihn Mitte der siebziger Jahre in New York. Schon wenige Jahre später, als der junge Kicken seine erste Galerie in Aachen eröffnete, zeigte er dort Fotos von Kertész. Einige der Abzüge, die er damals verkaufte, sind jetzt in die Ausstellung zurückgekehrt, und so kann Kicken zum 35. Bestehen seiner international anerkannten Galerie an seinen nicht ganz weiß, sondern latent grau-grün gestrichenen Wänden auch einen alten Originalabzug von Chez Mondrian zeigen. Knapp eine Million Dollar soll dieser Abzug kosten. Noch teurer ist in der exquisiten Ausstellung ein ebenfalls winziger Abzug, Satiric Dancer von 1926. Das Foto zeigt die Tänzerin Magda Förster, wie sie sich im Pariser Atelier des Bildhauers István Beöthy auf einem Sofa rekelt, ihre nackten Beine und Arme so weiß wie die Skulptur neben ihr, und dabei großen Spaß zu haben scheint.

Der Abzug hing einst im Schlafzimmer von Rudolf Kicken, bis er ihn in den siebziger Jahren für 16.000 Dollar an einen amerikanischen Sammler verkaufte. Jetzt möchte er die Tänzerin bei Kicken für zwei Millionen Dollar weiterverkaufen. Die Summen zeigen, wie prächtig es dem Markt für die sogenannten Vintage-Prints geht. Rechnete man die Preise für diese Abzüge auf den Quadratzentimeter um, so zählte Kertész zu den teuersten Künstlern der Welt. Mit gutem Grund, denn auf Reproduktionen in Katalogen und Zeitungen dämmert etwa die Fußmatte reglos vor sich hin. Ihre Ekstase kann man nur auf Originalabzügen erleben. Dafür scheint kaum ein Preis zu hoch.