Manches ist so fürchterlich, dass es sich sträubt, Literatur zu werden, es widersetzt sich dem geformten Fluss des Erzählens. Beeindruckend und bedrückend ist der Kampf, den Maja Haderlap, die eben den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat , in ihrem Roman Engel des Vergessens mit den Schreckensbildern ihrer Kindheit führt. Dass sie ihn gewonnen habe, wird man nicht sagen können. Es ist offenkundig, dass die Niederschrift ein Akt der Befreiung war, und als Leser daran teilzunehmen ist ein ambivalentes Erlebnis. Wir werden Zeuge der Untaten, die den Kärntner Slowenen von den Nazis zugefügt wurden, wir hören von Folter und Mord, von Verschleppung in die Vernichtungslager, vom Kampf der Partisanen, vom Hass der »Reichsdeutschen« auf die anderssprachige Minderheit und von den bis heute fortwährenden Ressentiments.

Das kleine Mädchen, das hier zumeist erzählt, erfährt all dies von der Großmutter, die dem KZ Ravensbrück entkam; allmählich auch vom traumatisierten Vater, der schon als Junge bei den Partisanen war und von den Besatzern gefoltert wurde. Die meisten dieser Berichte werden in der indirekten Rede zitiert. Das gibt ihnen die Objektivität einer Zeugenaussage, aber es macht die Lektüre mühsam. Dies umso mehr, als das gesamte Buch chronologisch von einem »Ich« erzählt wird, von dem des Kindes bis zu dem der erwachsenen Frau, und dieses »Ich« bewegt sich ausschließlich im Präsens.

Das Präsens taugt für die poetische Skizze, für das prägnante Stimmungsbild, und Maja Haderlap gelingen plastische Szenen einer archaischen Landschaft und des bäuerlichen Lebens in ihr. Man spürt, dass sie Lyrikerin ist: »Am Abend bleibt das Kind hinter dem Haus auf der Wiese stehen, am geöffneten Tor zur Nacht, die als Königspalast aufgeht über der Landschaft, mit klingendem Sternengefunkel, mit dem Atem des Waldes und dem Plätschern des Baches am Grabengrund.« Das Präsens aber ist unbrauchbar für die Inszenierung eines historischen Raums, um den es hier hauptsächlich geht. Wo alles Gegenwart ist, entsteht kein Bogen, der die Tiefe der Zeit überspannen könnte. Die Sprache bewegt sich zwischen extrem unterschiedlichen Intonationen. Meist rekapituliert sie die Ereignisse überaus sachlich; dann wieder schwingt sie sich hinein in eine kühne, nicht selten bizarre Metaphorik; und leider allzu oft fällt sie zurück in eine merkwürdige Unbeholfenheit: »Ich beginne in öffentlichen Zusammenhängen zu denken. Bin mir sicher, dass es die Haltung zur Vergangenheit in diesem Lande mit sich bringt, dass unsere Familiengeschichten so befremdlich erscheinen und sich in solcher Verlassenheit und Isolation vollziehen.«

Maja Haderlap erwähnt einmal die verschiedenen Sprachen, in denen sie gewissermaßen gewohnt hat: im kräftig-konkreten Slowenisch der Großmutter; im später erlernten Deutsch, das zunächst die Sprache des Lagers war, dann die Sprache des Studiums; schließlich im Hochslowenischen, das die Sprache ihrer Gedichte wurde. In diesem Buch hat sie ihre Sprache noch nicht gefunden. Es ist ja, selbst wenn man den Begriff sehr weit fasst, kein Roman, es schwankt zwischen einer Autobiografie und einem historischen Sachbuch. Vielleicht hätte sie dieses Buch über einen tragischen Aspekt der slowenischen Geschichte in der Tat schreiben sollen.

Engel des Vergessens hat manche Ähnlichkeiten mit dem Roman Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji , die 2010 den Deutschen Buchpreis erhielt . Auch diese Autorin durchwanderte viele Sprachen (Ungarisch, Alemannisch, Hochdeutsch), auch sie erlebte die Zerrissenheiten und Verwirrungen des Balkans am eigenen Leib. Aber sie hat eine bezwingende Melodie gefunden, im Unterschied zu Maja Haderlap. Und doch: Ihr den Klagenfurter Bachmann-Preis zuzuerkennen, war eine noble Geste, denn Haderlaps Anstrengung richtet sich auf ein einziges Thema: Gerechtigkeit für die Slowenen. Die versteht sich in Kärnten noch immer nicht von selbst.