Er sitzt immer am selben Tisch, morgens um neun. Neben der Tür zur Terrasse, oben auf der Ritterburg. Gidon Kremer blickt nicht auf die Waldhänge des Burgenlandes und die Störche, die darüber kreisen, sondern auf einen Zettel neben den Frühstücksresten. Darauf entwirft er mit Freunden allmorgendlich das Konzertprogramm für den nächsten Tag, während im Hof schon zwei Meter lang die Liste für heute vom Ständer wallt, in großer Schönschrift auf Papier. Wer ahnungslos die alte Festung erklimmt, könnte annehmen, hier werde der bunte Abend einer Jugendfreizeit angekündigt, dürfte aber stutzen bei Programmpunkten wie Arnold Schönbergs komplexer Kammersymphonie und einem unbekannten Stück von Ferruccio Busoni. Und wie kommt es, dass da oben hinterm aufgeklappten Fenster offenbar ein Weltklassepianist übt?

So etwas wundert in Lockenhaus schon lange keinen mehr, seit dreißig Jahren. Damals war Gidon Kremer 34 Jahre alt, weltberühmt, aber ausgesperrt aus der Sowjetunion und nicht sehr glücklich mit dem Musikbetrieb. Er suchte eine Oase und fand sie hier, wohin ein musikbegeisterter Pfarrer ihn schon ein paarmal zu Konzerten gelockt hatte. In einem 1000-Seelen-Örtchen nahe der ungarischen Grenze, überragt von einer schaurig-schönen Burg, die noch renoviert wurde, gründete Kremer ein Fest ohne Frack und ohne Honorar. Seine Freunde kamen aus aller Welt – Pianist András Schiff , Oboist Heinz Holliger , Bratschistin Kim Kashkashian , Dutzende weiterer Musiker. Offenbar brauchten nicht nur sie eine Oase jenseits der Routine. Lockenhaus wurde schnell berühmt, auch durch Mitschnitte, aus denen ECM jetzt fünf CDs zusammengestellt hat.

Als es begann, gab es schon Treffen für Kammermusik, im amerikanischen Marlboro, im finnischen Kuhmo, aber keines, bei dem es so spontan, familiär, hochkarätig und riskant zuging. Das ist so geblieben. Wer sich Karten für das Zehntagefest kauft, weiß nie, was er hören wird und von wem. Sicher ist nur, dass Gidon Kremer die Fäden knüpft und zur Geige greift. Und damit hört er nun auf. "Nicht aus Frust", sagt er. "Ich will einen Schlussstrich ziehen, solange das Konzept noch funktioniert." Allerdings hat Kremer schon vor zwanzig Jahren mal seinen Abschied erwogen und sogar ein Fest ausfallen lassen. Und immer wieder gab es Krisen und neue Konzepte. Mal war es den Fans zu viel Avantgarde, mal zu wenig Prominenz, es gab Flauten. Derzeit wächst der Andrang wieder, zur Eröffnung wird es eng auf den 600 Plätzen im Rittersaal.

Heiß ist es hier oben, 185 klobige Stufen überm Burgsockel. Während draußen die Grillen sägen, lässt Kremer selbst eine flüstern, ein Souvenir aus der Kindheit, eine der Miniaturen in George Enescus Impressions d’enfance, die so klingen, wie Proust schreibt. Der Geiger hat sie bekannt gemacht durch seine Aufnahme mit Oleg Maisenberg, nun begleitet ihn dessen Schülerin Khatia Buniatishvili am Flügel. Da kommt vieles zusammen. Den Bösendorfer hat Kremer in den Anfangsjahren ausgesucht und in den Saal schaffen lassen, Hunderte haben an dem Instrument gespielt. Durch die weitere Burgsanierung wurde dem Bösendorfer der Weg zurück versperrt. Eigentlich müsste er längst in Rente gehen, so aber sitzt an diesem immer noch wunderbar klingenden Monument eine 23-Jährige, zu deren frühem Ruhm das Fest beigetragen hat – die aber gerade deswegen einen Widerspruch zu Lockenhaus verkörpert.

Weil sich Kremer nicht um Vermarktbarkeit schert, hat er hier Entdeckungen gemacht, Komponisten und Interpreten, die der Markt mitunter gierig aufgriff. Den Komponisten Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina verhalf das zu Anerkennung. Auch Astor Piazzolla wurde hier entdeckt, aber mittlerweile ist seine Authentizität unter einer Flut kommerzieller Neuaufgüsse kaum noch zu erkennen. "Die Wirkungen sind manchmal erschreckend", sagt Kremer, der sich um die Pianistin Buniatishvili Sorgen macht. Jetzt reißen sich die Agenturen um sie, beeindruckt von einer Virtuosität, wie sie nur flammende Begabungen haben. Wer hört, wie die Georgierin in Strawinskys Pétrouchka katzenhaft mühelos den Irrwitz der Schnitte, Überlagerungen, Sprünge durchtanzt, ist zuerst hin und weg – und wünscht sich dann doch mehr Widerstand, Nachdenken, die Farben eines imaginären Orchesters.