Jerusalem. Es war am Freitag, dem 13. Mai, der Vater war zum Fischen an der Küste, als in Ostjerusalem eine Kugel seinen Sohn Milad in den Bauch traf und am Rücken wieder austrat. Milad Said Ayyash, Palästinenser, Schüler, weiche Wangen, kämpfte um sein Leben.

Aus dem Arztbericht des Makassed-Krankenhauses auf dem Ölberg in Ostjerusalem: Um drei Uhr nachmittags wurde der Patient eingeliefert, 17 Jahre alt, männlich. Herzstillstand, Reanimation, Blutdruck nicht messbar, Notoperation. Dünndarm, Dickdarm, Arterien und die Hauptschlagader perforiert. 20 Konserven Blut, 16 Konserven Plasma, zehn Einheiten Thrombozytenkonzentrat. Acht Stunden nach der OP weiteten sich die Pupillen und blieben starr.

Da war der Vater längst bei seinem Sohn. Die Mutter kam nach, die Schwester auch. Der Bruder, Student in Kairo, buchte den Flug in die Heimat.

Gegen fünf Uhr, als der Morgen graute, starb Milad Ayyash. Wäre nicht der Arabische Frühling, vielleicht bliebe Milad einer jener Toten, die von den Palästinensern zu Märtyrern ernannt und dann vergessen werden. Doch diesmal war es anders.

Die Tunesier hatten den Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der sich aus Verzweiflung anzündete und Proteste entfesselte, bis die Machthaber gehen mussten. Die Ägypter hatten den Blogger Khaled Said, der von Polizisten totgeschlagen wurde. Eine Facebook-Seite mit seinem Namen wurde geschaffen, Wir sind alle Khaled Said , und der 28-Jährige wurde zur Symbolfigur der Revolution. Hatte nicht der Arabische Frühling eine Welt eröffnet, in der die Leiden des Einzelnen plötzlich Macht, nicht Hilflosigkeit bedeuteten?

"Ohne Milad", sagt Lina, eine palästinensische Social-Media-Aktivistin, "hätte es die Proteste Mitte Mai nicht gegeben." Zwei Tage nachdem Milad von der Kugel getroffen wurde, erlebte Israel, wie lebendig die Nakba ist, das, was die Araber Katastrophe nennen, die Vertreibung von 700.000 Palästinensern aus Israel vor 63 Jahren. "Sein Tod hat die Massen auf die Straße getrieben", sagt Lina. "Er ist der erste palästinensische Märtyrer des Social-Media-Protests ."

Lina ist 27, "eine Oma in der Welt der sozialen Medien", sie hält ihre Identität geheim, ihre Telefonnummer zu bekommen ist schwierig und ein Treffen sowieso: Am Ende, nach etlichen Verabredungsversuchen über Handynummern von Dritten und Vierten, sitzt sie in einem Lokal in Ramallah, nicht weit von ihrem Arbeitsplatz entfernt. Sie spricht breites Englisch mit amerikanischem Akzent, ihre Nägel sind knallrot, die dunklen Haare fallen ihr über die Schultern. An ihrem Bein schwillt ein Bluterguss ab, von einer Tränengaspatrone, sagt sie, die sie bei Demonstrationen im Westjordanland erwischt habe.

War Milad nicht die Symbolfigur, die die Protestbewegung brauchte? Gefallen im Kampf für Palästina?