Olympia naht, am 27. Juli nächsten Jahres werden die Londoner Spiele eröffnet. Dafür möchte man den Briten Erfolg wünschen. Davon gab es außer der Windsor-Hochzeit im Frühjahr zuletzt wenig; erst haben durchgedrehte Banker die britische Wirtschaft in die tiefste Krise seit Generationen gestürzt, dann bereicherten sich schamlose Parlamentarier auf Kosten der Steuerzahler, und nun stehen Politiker, Polizisten und die Boulevardpresse wegen abgehörter Telefone am Pranger . Da ist es ein Segen, dass die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in den Händen von Lord Coe liegen. Der war selbst mal Leichtathlet. Bevor er in die Politik ging, gewann Sebastian Coe zweimal Gold über 1.500 Meter, 1980 in Moskau und vier Jahre später in Los Angeles.

Wer Olympia organisiert, hat es mit der Quadratur der fünf Ringe zu tun. Die nationale Ehre steht auf dem Spiel, die Welt schaut zu, zugleich soll es ohne rote Zahlen gehen. Wirtschaftlich ruinöse Spiele gab es ja schon viele. Olympia werde so wenig eine Verlustveranstaltung, "wie Männer Babys kriegen können", sagte zum Beispiel der Bürgermeister von Montreal, Jean Drapeau. Dabei dauerte es bis 2006, bis die Stadt die Schulden für die Spiele von 1976 abgezahlt hatte – Monsieur Drapeau war da bereits sieben Jahre tot.

Sebastian Coe dagegen ist ein Geniestreich schon deshalb gelungen, weil er sein Budget einhält. Mehr als die ursprünglich kalkulierten zehn Milliarden Euro braucht er nicht. Auf einer ehemaligen Industriebrache in Stratford im Osten Londons stehen dafür schon heute die fertigen Sportarenen, bereit für die Generalprobe. Bis zur Eröffnung der Spiele werden 2.000 Bäume und 300.000 Sträucher gepflanzt. Der Themse-Zufluss Lea wird schön begrünt durch eine urbane Oase mäandern, in der einmal 8.000 Menschen ein neues Zuhause finden.

Schande also den Miesmachern, die lange geunkt hatten, das Projekt werde ein Reinfall! Wie Coe das hinbekommen hat? Ganz einfach, London 2012 wird die Preis-Leistungs-Olympiade . Sydney 2000 und Peking 2008 waren Spiele, die von einem Menschheitstraum erzählten und mit aufregender Architektur die Fantasie anregten. In Stratford waren Buchhalter am Werk. Das Olympiastadion zum Beispiel entstand aus einem Metallbaukasten, ohne Schnörkel oder Charme. Eben nicht für die Ewigkeit.

Nach Ende der Spiele wird es vom Fußballclub West Ham United übernommen und um ein Drittel verkleinert, sonst rechnet es sich nicht. Auch die Basketballhalle wird die Spiele nicht überdauern, sondern hinterher schlicht demontiert. Das Schwimmbad mit dem schwingenden Betondach dagegen wird erst nach Olympia zur Geltung kommen, wenn die zweckmäßig angeklebten Tribünen abgebaut sind, die das Gebäude jetzt verschandeln.

Der größte Coup aber gelang Coe und seinen Pfennigfuchsern, als sie das Sahnegrundstück am Eingang zum olympischen Dorf an australische Investoren verkauften, die dort für 1,7 Milliarden Euro das größte Einkaufszentrum Europas gebaut haben. Egal, woher man kommt: Die megalomanen und seelenlosen Glaskästen, die mehr als dreihundert Läden und dazu Kinos und Hotels beherbergen, sind die Schleuse in die neue Lebenswelt von Stratford.

Sebastian Coe macht es eben wie die Römer. Die versorgten ihr Volk mit Brot und Spielen. Heute sind es Shopping und Spiele. Wer braucht schon olympische Träume?