Am 20. März begann die Nato, Ziele in Libyen zu bombardieren, um aufständische libysche Zivilisten vor der Rache des Diktators Muammar al-Gadhafi zu schützen. Dieses Ziel ist bereits wenige Tage nach Beginn der Intervention erreicht worden. Die Menschen in Bengasi sind seither sicher. Gadhafi kann ihnen nicht mehr gefährlich werden. Sollte er trotz allem versuchen, nach Bengasi zu marschieren, wird die Nato ihn davon abhalten. Das ist Sinn und Zweck der Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrates, die den Einsatz der Nato völkerrechtlich legitimiert.

Die Nato könnte also zufrieden sein. Sie könnte jetzt ohne Gesichtsverlust eine politische Lösung einleiten, indem sie sich auf den Kern ihres Auftrages beschränkt und militärische Zurückhaltung übt . Sie sollte sich auf einen Waffenstillstand einlassen . Gleichzeitig müsste die Nato auf die Rebellen einwirken, das Angebot aus Tripolis anzunehmen: Verhandlungen ohne Vorbedingungen. Äußerungen des französischen Außenministers lassen vermuten, dass er diese Option für möglich hält. Und auch in den Reihen der Rebellen mehren sich die Stimmen, die den Krieg beenden wollen, bevor er sich in die Hauptstadt frisst.

Es geht nicht darum, Gadhafi zu retten, es geht darum, ein verfahrenes Abenteuer zu beenden. Gadhafi hat keine Zukunft in Libyen. Er ist ein mit Haftbefehl international gesuchter Kriegsverbrecher. Es wird sich ein Weg finden, ihn loszuwerden, früher oder später. Einiges spricht dafür, dass viele seiner Anhänger in Tripolis einen politischen Ausweg suchen. Wenn man aber einen Rücktritt Gadhafis zur Vorbedingung jeglicher Verhandlungen macht, versperrt man ihnen jeden Weg. Und man verlängert den Krieg. Durch diesen Krieg sind inzwischen wohl mehr Menschen ums Leben gekommen, als Gadhafi im Falle eines Sieges umgebracht hätte – deshalb wird die humanitäre Begründung der Intervention mit jedem Tag fragwürdiger.

Der Libyenkrieg ist längst zu einem klassischen Interventionskrieg geworden, der sich nicht um Recht und Gesetz schert. Kalte Machtpolitik, nicht humanitäre Motive sind heute sein Kompass. Man kann dafür gute Gründe anführen. Der Westen hat zum Beispiel durchaus ein großes Interesse daran, sich an die Seite der Rebellen zu stellen. Sie sind Teil des Arabischen Frühlings, der alle arabischen Staaten erfasst hat. Doch das Schauspiel, das der Westen – namentlich die Nato – bietet, ist erbärmlich. Es ist geradezu falsch, von einer Nato-Intervention zu sprechen, denn es gibt nur wenige Staaten, die militärisch tatsächlich handeln, hauptsächlich sind es Frankreich und Großbritannien. Die meisten anderen sind nicht oder nicht mehr dabei (Deutschland, Norwegen), manche halten sich zurück (Italien, die Türkei, die USA). Nicht die Nato handelt, sondern eine Koalition der Willigen – wie im Irakkrieg. Als Bündnis verliert die Nato dadurch Glaubwürdigkeit und Drohpotenzial – beides Grundvoraussetzungen für den Erfolg eines militärischen Bündnisses, das in erster Linie dazu da ist, Krieg durch Abschreckung zu verhindern. Der Libyenkrieg legt alle Schwächen der Nato offen, die politischen wie die militärischen. Wen soll die Nato angesichts des Spektakels in Libyen noch beeindrucken? Nein, dieser Krieg ist auch im Lichte kalter Machtpolitik ein Schlamassel.

Wer einfach für ein "Weiter so" plädiert, sollte Antworten auf ein paar Fragen finden: Was will die Nato erreichen , wenn Gadhafi einmal gestürzt ist? Mit wem will sie es erreichen? Welche Aufgaben wird die Nato übernehmen wollen und können? Es kann durchaus sein, dass nach einem Sturz Gadhafis Libyen massive Hilfe für den Wiederaufbau braucht. Sind die intervenierenden Mächte zum Nation-Building bereit? Eher nicht. In Afghanistan wird der Versuch, einen Staat zu befrieden und aufzubauen, gerade beendet – auch weil die Mittel dazu fehlen. Niemand wird diese Aufgabe, so sie denn kommt, in Libyen schultern wollen oder können. Die Rebellen in Libyen klagen schon seit geraumer Zeit über Geldmangel, weil die internationale Gemeinschaft zwar viel Geld versprochen hat, aber keines überweist. Woher soll es auch kommen? Die Kassen der Amerikaner und Europäer sind leer, da mögen sich die Interventionisten noch so kriegerisch gebärden.

Geld für einen Krieg ließe sich heute wohl nur flüssig machen, wenn es um etwas Existenzielles ginge. Doch Libyen ist nicht von existenziellem Interesse – für Amerika nicht, auch nicht für Europa. Der Libyenkrieg ist ein kopfloses Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Jetzt ist eine Gelegenheit gekommen, sein Ende einzuleiten – im Interesse Libyens und im Interesse der Nato.