Auf dem Times Square in New York kam es heute Morgen erneut zu schweren Zusammenstößen zwischen Nationalgarde und Demonstranten. Sämtliche Banken und Geschäfte in Manhattan sind geschlossen. Seit die US-Regierung im vergangenen Jahr die Sozialversicherungszahlungen ausgesetzt hat, besetzen Bürger jede Woche in einem Konsumboykott Shopping Malls und zentrale Plätze in den Großstädten.

Für den bevorstehenden Besuch des chinesischen Premierministers werden Massendemonstrationen in Washington erwartet. Chinesische Rating-Agenturen haben amerikanische Staatsanleihen inzwischen auf Schrott-Status herabgestuft. Der amerikanischen Bitte um ein weiteres Rettungspaket will Peking nur nachkommen, wenn Washington seine bereits gekürzten Militärausgaben um ein weiteres Drittel zusammenstreicht."

So könnte Amerikas Zukunft aussehen. So ähnlich jedenfalls hat sie der amerikanische Bestsellerautor Gary Shteyngart in seinem jüngsten Roman Super Sad True Love Story beschrieben. Ursprünglich wollte er in seiner literarischen Untergangsvision das Bankensystem kollabieren lassen, doch beim Schreiben holte ihn die Pleite von Lehman Brothers ein. Auch jetzt ist ihm die Gegenwart auf den Fersen. Vergangene Woche drohte eine chinesische Rating-Agentur den USA, ihre Kreditwürdigkeit herabzustufen . Wenn schon die Fantasie der Schriftsteller zu langsam wird für die Realität, wie steht es dann um die Kreativität der Krisenmanager?

Europa ringt um Griechenland – und um sich selbst. In Washington liefert sich der Präsident mit der Opposition eine ideologische Schlacht um Schuldendeckel und Steuern, und zwar haarscharf am Rande der Zahlungsunfähigkeit des immer noch führenden Landes der Erde.

Schlagzeilen über das "Ende des Euro" und "Amerikas Staatspleite" beherrschen die Nachrichten. Gleichzeitig macht der Internationale Währungsfonds (IWF) von sich reden, der einst überschuldeten Ländern wie Argentinien, Thailand oder Ghana eiserne Sparprogramme vorschrieb. Heute dirigiert der IWF Länder aus unserer Mitte und ermahnt die USA.

Die paradoxe Folge dieser medialen Endlosschleife: Sie stumpft die Bürger ab. In einem diffusen "Alles wird immer schlimmer"-Gefühl verpufft der womöglich heilsame Schock über das Ausmaß der Krise: Die größte Gefahr für unseren Wohlstand sind wir selbst, Europäer und Amerikaner. Die Schuldenkrise ist eine Krise unserer Staaten, unserer Politik, unserer Lebensart. Und sie beschleunigt auf dramatische Weise das, was viele Experten für einen langwierigen Prozess gehalten haben: die Machtverschiebung in der Geopolitik. Sie verändert die Balance zwischen den USA und China, Europas politische Zukunft und seine Stellung in der Welt. Chinas hat innerhalb kürzester Zeit sein politisches Machtpotenzial als größter Gläubiger der USA massiv ausgebaut. Europa droht gerade, sich politisch obsolet zu machen, und die Schwellenländer fragen sich inzwischen, ob und in welcher Verfassung die beiden immer noch wichtigsten Mächte auf die globale Bühne zurückkehren.

Die Finanzkrise sei vorbei, hieß es 2010. Falsch. Die Staaten hatten zwar die Banken gerettet, aber sich selbst verausgabt. Was kurze Zeit noch als Wiederkehr des Primats der Politik über die Ökonomie gefeiert wurde, war vor allem eine gigantische Privatisierung von Staatsvermögen. Aus anderen großen Krisen war bekannt: Nach dem Bankenkrach und dem Konjunktureinbruch geraten die Retter selbst in Gefahr – vor allem, wenn sie schon vor der Krise über ihre Verhältnisse lebten. In den meisten Industrieländern wachsen vor allem die Schulden, der Wohlstand schrumpft für große Teile der Bevölkerung. Sie stecken in der gefährlichsten Klemme seit 1929, seit der Großen Depression. Und sie gefährden auch Deutschland, dem es relativ gut geht. Warum so gut? Weil es seine Dauerkrise bereits im vergangenen Jahrzehnt hinter sich gebracht hat, also Wachstum, Löhne und Immobilienpreise just in einem Zeitraum stagnierten, da andernorts die Wirtschaftsblasen wuchsen, die 2008 am lautesten in Griechenland und Großbritannien, in Spanien und Irland platzten. Schaffen Amerika und Europa es nicht, den Schuldentrend zu wenden, dann droht immer noch die Große Depression 2.0 – erst im Westen und dann per Ansteckung auch im Osten der Welt. Dieses Jahrzehnt könnte ein verlorenes werden. Muss es aber nicht. Darf es nicht.