Der Gürtel legt zurzeit die steilste Karriere unter den Accessoires hin, dabei war er bislang eher unauffällig. Ihm haftete der Ruf an, kostengünstiges Placebo für Luxuskonsum zu sein: Bei H&M kauft man tütenweise Kleider, in der Prada-Boutique leistet man sich den Gürtel dazu. Gürtel waren modisch eher neutral, damit man sie beliebig kombinieren konnte – so wie einst Handtaschen. Die Handtasche hat sich längst zum zentralen Accessoire entwickelt, hat ihren Preis innerhalb eines Jahrzehnts vervielfacht, mittlerweile werden ganze Kollektionen um die Handtasche herum entworfen.

Nun ist also der Gürtel dran. Nie war so viel aufwendiger Hüftschmuck auf den Laufstegen unterwegs wie heute. Burberry zum Beispiel zeigte korsagenartige Gürtel aus Pythonleder, bei Gucci glänzten sie metallisch in Bronzetönen, und Karl Lagerfeld versah die jüngste Resort-Kollektion von Chanel mit breiten Stoffgürteln, an denen lange Quasten baumelten. Vor allem die Modelle von Louis Vuitton lassen das Vorbild all dieser extrabreiten Gürtel erkennen: den Obi-Gürtel aus Japan.

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Der Obi wird zum Kimono getragen. Der Obi besteht aus viel Stoff, kann mehrere Meter lang und etwa einen Meter breit sein – und oft ist er das wertvollste Kleidungsstück am Leib. Material und Machart des Gürtels gaben früher bei den Geishas detailliert Auskunft über den sozialen Status und den Ausbildungsstand seiner Trägerin. Dass der Obi nun auch in westlichen Gefilden so populär ist, hat sicherlich mit der Hinwendung zum traditionellen Asien zu tun – vor allem aber mit dem sich wandelnden Körperbild der Frau. Es werden weiblichere Formen gewagt – und mit nichts betont man Kurven besser als mit einem breiten Taillengürtel.

In jedem Fall lohnt es, sich mit den Eigenheiten des Obi vertraut zu machen. So ist es von entscheidender Bedeutung, wie man ihn knotet. Der kunstvollste Knoten ist traditionell der sogenannte Trommelknoten, mit dem eine kästchenähnliche Form entsteht. Er ist so aufwendig, dass seine Trägerin ihn nicht allein binden kann – was früher darauf hinwies, dass ihr Personal zur Verfügung stand. Hatte die Frau den Obi dagegen vor dem Bauch geknotet, wies sie dies als Prostituierte aus. Weil sie sich schnell aus- und wieder anziehen konnte.