New Orleans. Sie kommen aus Deutschland?" Michele Bachmann, 55, einen Meter sechsundfünfzig groß, weißes Kostüm, Perlenkette, lächelt und eilt aus der Halle, wo Hunderte von Südstaaten-Republikanern sie gerade stürmisch gefeiert haben. Links wartet der Fernsehsender CNN, rechts Fox News, dahinter die anderen wichtigen TV-Sender. Ihre Assistentinnen hängen ständig am Handy, um weitere Interviewwünsche abzuwimmeln. Michele Bachmann ist wichtig geworden, seit sie erklärt hat, erst republikanische Präsidentschaftskandidatin und dann Präsidentin werden zu wollen. Und besonders wichtig, seit Umfragen sie im Auswahlwettbewerb ihrer Partei ganz vorn sehen und es nicht auszuschließen ist, dass sie im Herbst 2012 gegen Barack Obama antreten wird.

"Ja, Deutschland...", sagt sie, bevor ihre Assistentinnen sie energisch in die Arme der Fernsehleute schieben. Ein paar Schweißperlen werden von der Stirn getupft, jemand steckt ihr eine Hörmuschel ins Ohr. Blitzschnell dreht sie sich noch einmal um und sagt: "Ein tolles Land, meine Tochter hatte gerade eine Austauschschülerin aus Deutschland. Die Regierung dort hat den Staatshaushalt weit besser im Griff als Obama!" Dann lächelt sie in die Kameras.

Vor einem halben Jahr kannte noch fast niemand in Amerika diese Frau

Fünf Minuten zuvor hatte Michele Bachmann noch vor den Dämonen des europäischen Wohlfahrtssystems gewarnt. Und sie rief in Erinnerung, dass Admiral Mullen den gewaltigen Schuldenberg als die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit bezeichnet. "Sollten wir nicht auf unseren Generalstabschef hören?" – "Jaaa", brüllten Hunderte von Republikanern. – "Dürfen wir diesen Berg weiter wachsen lassen?" – "Neiiiin", schallte es zurück. – "Ich werde darum der geplanten Schuldenanhebung nicht zustimmen", versprach Bachmann unter donnerndem Applaus. "Ich habe schon Nein gesagt zu den staatlichen Geldspritzen für die Banken, für die Autokonzerne, für die Ankurbelung der Konjunktur." Das Nein zu weiteren Schulden müsse der Lackmustest für jeden republikanischen Präsidentschaftsbewerber sein. "Yeeahh", riefen die Zuhörer im Saal und skandierten: "Sieg, Michele, sieg!"

Vor einem halben Jahr kannte noch so gut wie niemand in Amerika die republikanische Abgeordnete Michele Bachmann aus Stillwater, Minnesota. Man wusste allenfalls, dass sie sehr rechts, und sehr religiös sei, eine eiserne Sparkommissarin und darum besonders in den Kreisen der Tea Party beliebt, der rechten konservativen Sammlungsbewegung. In ihrem Heimatstaat Minnesota stritt sie unerbittlich, aber erfolglos für einen Verfassungszusatz, der gleichgeschlechtliche Ehen verbieten sollte. Zu den empörten Gegendemonstranten vorm Parlament gehörte ihre lesbische Stiefschwester. Als die Obama-Regierung energiesparende Beleuchtungen verordnete, kämpfte Bachmann, ebenso erfolglos, gegen "sozialistische Bevormundung" und für die "freie Wahl von Glühlampen".

In der Welt der Tea Party gilt das alles als Ausweis wertegesteuerter Geradlinigkeit. Hier zählt nicht, was die Abgeordnete tatsächlich bewirkt hat. Auch nicht, dass ihr aktuelles Nein zur Anhebung der Schuldenobergrenze im Staatshaushalt fatale nationale wie internationale Folgen haben könnte. Ihre Anhänger bewundern ihre Kompromisslosigkeit und die unverbogene, um nicht zu sagen, halsstarrige Gesinnung.

Die Parteiführung beobachtet voller Misstrauen jeden ihrer Schritte. Die republikanischen Konkurrenten schielen geradezu ängstlich darauf, was sie sagt und tut. Alle hoffen, dass sie über ihre eigenen Unzulänglichkeiten und ihre oft extremen, irrationalen Meinungen stürzt, aber niemand wagt es, sich offen mit ihr anzulegen. Denn wer sich gegen Bachmann stellt, stellt sich gegen den neuen Rechtsruck – und gegen die Tea Party.

Im Konzert aller bisherigen republikanischen Präsidentschaftsbewerber ist sie das Gegenmodell zu den Kandidaten des Parteiestablishments. Vor allem zu Mitt Romney, der in den Umfragen gleichauf liegt mit ihr . Der Ex-Gouverneur von Massachusetts verkörpert, was dem rechten Flügel seiner Partei zuwider ist: Wetterwendigkeit und bis zur Unkenntlichkeit biegsame Ansichten. Seine Regierungserfahrung, sein Pragmatismus und die Wirtschaftskenntnisse mögen in der direkten Auseinandersetzung mit Barack Obama von Nutzen sein. Doch jetzt, im republikanischen Auswahlwettkampf, geht es weniger um die besten Siegeschancen eines Kandidaten gegen Obama als um die ideologische Lupenreinheit.