Michele Bachmanns Gegner möchten sie am liebsten zu einem kurzlebigen Medienphänomen erklären. Skurrile Anekdoten werden kolportiert. Etwa wie Bachmann sich neulich in einem Interview damit brüstete, wie der berühmte John Wayne in Waterloo, Iowa, geboren zu sein. Nur verwechselte sie leider die Ikone amerikanischer Cowboyfilme mit einem pädophilen Serienmörder desselben Namens. Etliche Republikaner warnen vor einer Wiederholung des Desasters von 1964. Auch damals kürte das Parteivolk einen Außenseiter und Liebling des Anti-Establishments zum Präsidentschaftskandidaten. Der ideologische Fanatiker Barry Goldwater aus Arizona scheiterte im Kampf ums Weiße Haus katastrophal. Es war eine der bislang schmerzlichsten Niederlagen der Republikaner.

Wie Goldwater hat auch Bachmann mit einer Traditionslinie amerikanischer Politik zu tun, die der Historiker Richard Hofstadter "paranoid" nannte. Sie reicht bis in die Gründertage der Republik zurück und ist ein konfuses Gemisch aus religiösem Eifer, ideologischer Verbohrtheit, Weltunerfahrenheit und Verschwörungstheorien. In der Regel konnte sich dieser Strang nicht durchsetzen. Doch die Gefahr besteht, dass diesmal bei den Republikanern, wie 1964, die Vernunfttradition außer Kraft gesetzt wird.

Michele Bachmann ist extrem und eine Kreuzzüglerin, vor allem aus der Perspektive liberaler, aufgeklärter Europäer und Großstadtamerikaner. Ihr Kampf gegen Schwulenehen gleicht einer Obsession. Ihr Mann Marcus betreibt zwei christliche Beratungszentren, in denen sich Homosexuelle "umerziehen" lassen können. Ihre fünf Kinder ließen die Bachmanns aus Angst vor unziemlichem Lehrstoff anfangs zu Hause unterrichten. Ihre Ehe, das Jurastudium an einer evangelikalen Universität, der Doktortitel im Steuerrecht, ihre politische Karriere – all das, sagt sie, sei göttliche Bestimmung gewesen und nicht die Folge autonomer Willensentscheidungen.

Fünf Kinder hat sie großgezogen – und 23 Pflegekinder

Doch in den Augen vieler gottesfürchtiger Menschen in den Weiten Amerikas ist Michele Bachmann keineswegs so merkwürdig, sondern eine von ihnen. Wie es im Wahlkampf 2008 schon Sarah Palin aus Alaska war. Bachmann ist es zudem gelungen, zwei Flügel der Republikaner unter dem Dach der Tea Party zu vereinen: die fiskalisch Konservativen, die den Staat schwach und die Steuern niedrig halten wollen. Und die sozial und religiös Konservativen, die Abtreibung und homosexuelle Ehen am liebsten von Staats wegen verbieten würden.

Bachmann läuft Sarah Palin inzwischen den Rang ab . Es wird für Palin immer schwerer, noch auf das Kandidatenkarussell aufzuspringen. Sollte Palin Amerika erspart bleiben, könnte Bachmann kommen. Im direkten Vergleich ist sie eine Sarah Palin plus IQ: mehr Verstand, aber eher radikaler. Lässt Palin gern die Zügel schleifen und regierte sie als Gouverneurin von Alaska durchaus pragmatisch, so gibt sich Bachmann äußerst kontrolliert und dogmatisch. Sie hat sich mehr im Griff als Palin, weiß politisch besser Bescheid, hat ausgezeichnete Berater versammelt und kann präzise debattieren. Ein weiteres Plus im Auge der Öffentlichkeit: Suchte Palins schillernde Familie bei Schritt und Tritt das Rampenlicht, so scheut Bachmanns Familie die Kameras und ist, soweit man bislang weiß, skandalfrei.

Natürlich wird jetzt jeder Stein umgedreht. Bachmann hat erst kürzlich ihre extreme Kirchengemeinde verlassen. Warum? Sie rühmt sich, neben ihren fünf Kindern auch 23 Pflegekinder aufgezogen zu haben. Doch sie wurde dafür gut bezahlt. Viele der Pflegekinder waren angeblich schwangere minderjährige Mädchen. Steckte hinter der Fürsorge vielleicht ein obskurer religiöser Auftrag? Und was geschieht tatsächlich in ihren christlichen Beratungszentren? Schließlich: Jahrelang trieb Bachmann als Juristin für die staatliche Steuereintreibungsbehörde IRS ausstehendes Geld ein. Wie verträgt sich das mit ihrem Kreuzzug gegen Staat und Steuern? Zeitweilige Wegbegleiter beschreiben sie als kalt und berechnend.

Laut Umfragen hat Michele Bachmann gute Chancen, im August in Iowa zu gewinnen, wenn die republikanischen Präsidentschaftskandidaten zum ersten Mal gegeneinander antreten. Ihre Berater wissen, dass der ideologische Eifer zum Stolperstein werden könnte. Sie tun darum alles, damit die Kandidatin in ihrer Radikalität nicht extremistisch, nicht unbarmherzig und unnahbar wirkt. Bei einer Veranstaltung in South Carolina offenbarte die entschiedene Abtreibungsgegnerin soeben, als junge Frau eine Fehlgeburt erlitten zu haben. Die Zuhörer waren gerührt.