Der moderne Schatzsucher trägt ein Polohemd mit hochgeklapptem Kragen und ein knopfbesetztes Lederarmband. Toni Neidel erinnert eher an einen Surfer als an einen Glücksritter aus dem amerikanischen Goldrausch. Doch wonach der 35-Jährige fahndet, ist fast so begehrt wie eine Mine im Wilden Westen. Der Oberpfälzer sucht nach Flächen für Windräder.

Berlin hat die Energiewende ausgerufen , und die Hauptrolle soll Wind spielen. Damit aus der Steckdose nur noch Ökostrom kommt, müsste von den Küsten bis zu den Alpen doppelt so viel Windleistung erzeugt werden wie heute, haben Gutachter für das Umweltministerium berechnet. Neidel findet heraus, wo man noch Windräder aufstellen kann.

Eine ehemalige Schnupftabakfabrik in der Altstadt von Regensburg, erster Stock. Hellgrau lackierte Dielen führen an Glasschiebetüren vorbei, hinter denen Frauen und Männer um die dreißig auf Flachbildschirme schauen. In Neidels Büro hängen Luftbilder von Feldern und Weiden neben Schwarz-Weiß-Skizzen von Grundstücksgrenzen.

Für Energiepolitik habe er sich schon während des Studiums interessiert, erzählt er. "Weltweit steigt der Energieverbrauch, und irgendwoher muss der Strom ja kommen." Seine Chefs waren sich schon in den achtziger Jahren sicher: nicht aus Atomkraft . Ulrich Lenz und Gisela Wendling-Lenz demonstrierten damals im nahen Wackersdorf gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für Brennstäbe. Nach deren Aus gründeten sie 1994 die Firma Ostwind, Planung und Projektierung von Windparks. Der Erste entstand in den neuen Ländern.

"Mit Wind kann man erneuerbare Energie zu den niedrigsten Kosten und mit dem geringsten Flächenverbrauch in der kürzesten Zeit erzeugen", referiert Neidel – ein Satz wie aus einem Firmenprospekt. Die CSU sah das jahrzehntelang anders. Auch die meisten Projektierer hatten kein allzu großes Interesse am windschwachen Süden Deutschlands. Sie stürzten sich auf die besten Grundstücke im windstarken Norden und Osten. Heute drehen sich in Bayern 420 Windräder, in Niedersachsen sind es weit über 5.000.

Von allen Bundesländern hat der Freistaat das größte noch ungenutzte Potenzial, heißt es beim Bundesverband Windenergie . Nach der Reaktorkatastrophe in Japan hat die Staatsregierung in München eingelenkt und verspricht nun 1.000 bis 1.500 neue Anlagen in den nächsten zehn Jahren. Und in Stuttgart bereitet der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Baden-Württemberger auf mehr Windparks im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb vor.

Die Hersteller haben schon lange erkannt, dass die Topstandorte in der Norddeutschen Tiefebene ausgehen. Sie entwickelten deshalb längere Masten und Rotoren – das bedeutet mehr Ertrag. Die Mastspitzen der neuen Modelle ragen statt 80 gigantische 140 Meter empor, einschließlich der Flügel messen die Anlagen 180 Meter. Damit sind die Metallspargel höher als der Kölner Dom. Im Freistaat werden sie besonders gut sichtbar sein, denn nur auf den Bergrücken von der Rhön bis zum Bayerischen Wald wehen ähnlich starke Brisen wie in Norddeutschland.