In nie realisierten Entwürfen für Universalbibliotheken wird die Drift einer wachsenden Wissensproduktion erkennbar: im gigantischen Gewölbe der von Étienne-Louis Boullée 1785 erdachten "Bibliothèque du roi", die alle Bücher der Welt enthalten sollte. In Le Corbusiers Entwurf für eine Weltstadt, der aus dem Projekt hervorging, die gesamte Bücherproduktion aller Zeiten und Länder bibliografisch zu erfassen. Oder im durch Stahlseile mit einer Weltkugel verspannten "Turm des Weltwissens" des Architekten Ivan Leonidov als Plan für ein "kollektives Wissenschaftszentrum" der UdSSR. Auf faszinierende Weise spiegelt sich das utopische Potenzial unserer heutigen Medienrevolution in diesen größenwahnsinnigen Phantasmen, die ja selbst Auswüchse der Revolution des Buchdrucks sind: Von seiner Erfindung bis 1990, heißt es in der Ausstellung, seien weltweit 10 Millionen Bücher gedruckt worden, seitdem kämen jährlich etwa eine Million dazu. Dazu gibt es nun noch den digitalen Speicher des World Wide Web, dessen Verhältnis zur analogen Welt tatsächlich jener Landkarte im Maßstab eins zu eins zu gleichen beginnt, von der Lewis Carroll erzählt, sie sei sehr unpraktisch, man könne sie nicht zusammenfalten, ohne dass die Bauern protestierten. Eines der letzten Exponate der Ausstellung ist ein E-Reader, der den mobilen Zugang zu dieser informationellen Zweit-Welt symbolisiert.

Allerdings dürfte gerade dem haltlos die unendlichen Verästelungen des Hypertexts entlangsurfenden Benutzer des E-Readers die Notwendigkeit einer "Kunst der Systeme" völlig einsichtig sein. Denn erst seine materielle Organisation macht Wissen unabhängig von der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Einzelnen und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Indem es sich an begehbaren Orten manifestiert, kann es gar von mehreren Menschen geteilt werden, und die einsame Tätigkeit des Lesens wird zur sozialen Beschäftigung. Selbst wenn die Digitalisierung die Monumentalbauten der Bibliotheken und ihre trägen Büchermengen von der Erdoberfläche tilgen sollte, bleibt der Mensch selbst ein Körper im Raum. Weshalb die Frage nach der Zukunft der Bibliothek die Frage nach den Räumen sein muss, die das Zusammenleben mit virtuellen Informationen und vielfältigen Datenformaten strukturieren werden.

Eine Vorstellung des Kommenden ergibt sich in der Ausstellung, wo sie neueste Bibliotheksbauten zeigt, etwa Norman Fosters Philologische Bibliothek der FU Berlin oder das Rolex Learning Center des Architekturbüros SANAA in Lausanne. Von flexiblen Strukturen, multifunktionalen Schnittstellen der Information und "Entertainment Centern" ist die Rede. Baulichen Ausdruck findet das in amorphen, quasiorganischen Strukturen. Die etwas schwindelerregende futuristische Verve solcher Versuche lässt zugleich erkennen, dass die kulturelle Semantik der Bibliothek ziemlich ins Schlingern geraten ist. "Die architektonische Form von Bibliotheken trägt noch wenig zu dem Prozeß dieser Umwandlung bei, aus dem erst Wissensgemeinschaften und kulturelles Gedächtnis entstehen", schreibt der Direktor des Architekturmuseums, Winfried Nerdinger, im Ausstellungskatalog.

Die entscheidende Frage wird am Ende also wieder sein, wie man diese Bibliotheken benutzt. Und da macht am Ende der Ausstellung eine Zusammenstellung von Filmausschnitten, die in Bibliotheken spielen, charmante Vorschläge: Man kann ja dort auch schießen, tanzen oder küssen. Und eine verliebte Bibliothekarin wispert: "Ich finde, eine Bibliothek ist der erotischste Ort auf Erden."

Ausstellung im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne noch bis 23.10. 2011. Katalog "Die Weisheit baut sich ein Haus", hrsg. v. Winfried Nerdinger, Prestel Verlag, 432 S., 49,95 €