Manchmal beteiligen sich die Menschen auch aus vermeintlichem Selbstinteresse, wenn sie sich zum Beispiel von Fluglärm gestört oder von der Politik übergangen fühlen. Stuttgart21 hat gezeigt, welche Dimension das Engagement der Bürger annehmen kann. Diese Entwicklung ist aber nicht zwangsläufig negativ. Der Soziologe Joachim Winkler sieht keinen Widerspruch zum traditionellen Ehrenamt. "Von der Vorstellung, dass Ehrenamt reiner Altruismus ist, hat man sich schon lange gelöst. Solche Gruppen sind außerdem nicht wirklich egoistisch. Es geht darum, Gleichgesinnte zu finden. So wird aus dem Selbstzweck wieder Gemeinwohl", sagt Winkler.

Problematischer ist da die zunehmende Annäherung von Ehrenamt und prekärem Arbeitsmarkt. Ein bedenklicher Trend: So arbeiten an den Tafeln neben Freiwilligen auch 1-Euro-Jobber. Jeder vierte Ehrenamtliche, der am Freiwilligensurvey 2009 teilnahm, berichtete von einer Parallelität von bezahlter und freiwilliger Tätigkeit. 27 Prozent der Befragten würden es deshalb sogar vorziehen, ebenfalls Geld für ihre Tätigkeiten zu bekommen. Diese Entwicklungen provozieren viele Fragen: Wo beginnen freiwillige Arbeit und Ehrenamt und wo enden sie? Was sind ihre Aufgaben?

Die Professionalisierung ehemaliger Ehrenämter zeigt, dass durch sie der Staat erst darauf aufmerksam wurde, wo genau Menschen Hilfe brauchen. Dies ist der Kerngedanke des Ehrenamts – es soll keine Versorgungslücken schließen, schon gar nicht langfristig. Es gilt vielmehr, sie ausfindig zu machen. Das Ehrenamt kann dem Staat zeigen, wo die Missstände der Gesellschaft liegen, ihm beharrlich auf die Schulter tippen und ihm immer wieder vorführen, wo er versagt.

Noch ist ungewiss, wo Freiwillige als Nächstes Pionierarbeit leisten werden – das liegt einerseits im Willen der Ehrenamtlichen, andererseits an den Bedingungen, die der Staat schafft. Potenzial gibt es laut Experten in der Förderung von Migranten und in der Entwicklung von Ganztagsschulen. Vielleicht stehen diese Bereiche vor der nächsten Professionalisierung. Allein die Spekulationen machen klar: Das Ehrenamt ist weder Zeitvertreib noch Nische für Prestigesüchtige. Es ist die Stütze einer freien Gesellschaft, weil es den Bürgern die Möglichkeit gibt, ihre Umwelt mitzugestalten und zu verbessern.

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