"Hello, I’m Macintosh!" – mit diesen Worten begrüßte der erste Apple-Computer im Jahr 1984 die Welt. Der Computerwürfel enthielt ein Modul, das mit schnarrender Roboterstimme Texte vorlesen konnte – aber nur auf Englisch. Deutschsprachige Computernutzer waren von dieser Entwicklung ausgeschlossen.

Zwar gibt es seit Jahren auch gute deutsche Sprachausgabeprogramme, aber die musste man sich bislang immer dazukaufen. Das galt nicht nur für Apple-Fans, sondern auch für die Mehrheit der PC-Besitzer, die das Betriebssystem Windows von Microsoft nutzt. Auch in dessen aktueller Version Windows 7 ist wieder nur eine englische Computerstimme enthalten.

Vergangene Woche stellte Apple nun sein neues Betriebssystem Lion vor, und bei der Präsentation der vielen neuen Gimmicks ging eine Neuerung unter: 27 Jahre nach dem englischen Erstauftritt hat sich Apple der deutschen Nutzer erbarmt. Nun können auch sie sich Texte am Computer vorlesen lassen. Sie haben die Wahl zwischen zwei Frauenstimmen, Anna und Steffi, und einem Mann, Yannick. Zwar sind die Sprachpakete nicht in der Standardinstallation enthalten, man muss sie separat aus dem Netz laden. Aber immerhin ist das kostenlos.

Auch wenn es ganz lustig sein mag, seinen Anrufbeantworter von Anna oder Yannick besprechen zu lassen: Hier geht es nicht um eine reine Spaßanwendung. Die Sprachausgabe ist eine Hilfstechnik für alle Menschen, die mit dem Lesen Probleme haben. Als Erstes denkt man da an Blinde, doch die werden schon jetzt mit Spezialprogrammen recht gut bedient. Sie sind zwar teuer, werden aber meist von den Kassen bezahlt.

Es gibt viel größere Gruppen, die vom sprechenden Computer profitieren können: Sehbehinderte, die noch vieles auf dem Bildschirm erkennen, aber kleine Schriften nicht mehr lesen können. Menschen mit Migrationshintergrund, die mündliches Deutsch im Alltag beherrschen, aber mit der Schriftform ihre Probleme haben. Schließlich die große Gruppe derjenigen, die zwar irgendwie durchs Schulsystem gekommen sind, aber nie richtig lesen und schreiben gelernt haben. Die Zahl dieser funktionalen Analphabeten wird in Deutschland auf 7,5 Millionen geschätzt .

Wenn heute der Zugang zum Internet als ein Menschenrecht proklamiert wird, dann wird oft vergessen, dass es mit dem Anschluss allein nicht getan ist. Einerseits stellt der Computer für viele Menschen eine Schwelle dar. Andererseits ließen sie sich mit ebendiesem Instrument überwinden. Dass die Rechner bisher nur Englisch sprachen, hat weder mit humanistischen Ambitionen eines Computerherstellers zu tun noch mit der Übermacht der Lingua franca . Die englische Sprachausgabe ist vor allem den Vorschriften zur Barrierefreiheit geschuldet, die etwa in den USA für die Computersysteme im öffentlichen Dienst gelten. Auch hierzulande könnten Bund, Länder und Gemeinden dem Markt einen Schubs geben, indem sie eine deutsche Sprachausgabe verbindlich verlangten. Dann könnten bald die Nutzer aller Betriebssysteme den Stimmen von Anna, Steffi, Yannick und ihren Verwandten lauschen.

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