ZEIT: Da sind Sie ganz Amerikaner.

Kreisler: Bis zu einem gewissen Grad – ja.

ZEIT: Sie sind politischen Verbrechern schon als ganz junger Mann begegnet – Sie haben als amerikanischer Soldat den Nationalsozialisten Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts Stürmer, verhört. Später haben Sie die Begegnung als einen Moment der Ernüchterung beschrieben: Streicher, eine fahle Gestalt, die nichts Dämonisches an sich hatte.

Kreisler: Nein, er war nicht mehr ganz bei Sinnen. Aber er wusste noch, was er gemacht hatte.

ZEIT: Was haben Sie da empfunden?

Kreisler: Ekel. Göring – schlank geworden – war auch da und noch andere.

ZEIT: Wie sah Streicher aus?

Kreisler: Ein kleiner, alter, hässlicher Mann. Ich seh ihn noch schemenhaft vor mir. Er hat sich die Hosen gehalten, denn man hatte ihm Gürtel und Hosenträger weggenommen.

ZEIT: Er wurde später hingerichtet.

Kreisler: Ja. Er hat, als er da stand, noch "Heil Hitler" gerufen. Ich war damals 22 Jahre. Ich frage ihn: "Wie heißen Sie?"

Kreisler macht eine lange Pause, um Streichers geistige Abwesenheit zu demonstrieren, und fährt dann mit dünner Stimme fort.

"Julius Streicher." Er musste richtig nachdenken. "Beruf?", frage ich.

Wieder macht Kreisler eine lange Pause und antwortet sich dann mit einfältigem Gesichtsausdruck.

"Volksschullehrer." Das war er wirklich – vorher.

ZEIT: Hasst man so jemanden?

Kreisler: Nein, aber man ist damit einverstanden, dass er hingerichtet wird. Ich war damit einverstanden. Er war ein Massenmörder und Schwerverbrecher.

ZEIT: Als Sie 1955 aus den USA nach Wien zurückkehrten, haben Sie da eine verwandelte Stadt vorgefunden?

Kreisler: Nicht so sehr. Alles war noch da. Wien hat kaum Schaden gelitten durch den Krieg, die Geschäfte aus meiner Kindheit waren zum Großteil noch da.

ZEIT: Und die Menschen?

Kreisler: Auch – die hatten sich allerdings verwandelt. Alle Täter waren plötzlich Opfer. Alle fanden den Nationalsozialismus plötzlich furchtbar. Natürlich, der Krieg war furchtbar, aber vorher war es nicht furchtbar, außer für uns Juden.

ZEIT: Billy Wilder soll gesagt haben: "Die Optimisten kamen nach Auschwitz, die Pessimisten nach Beverly Hills." Was meinte er damit?

Kreisler: Die Optimisten haben geglaubt, es würde schon nicht so schlimm, bis man sie abgeholt hat. Die Pessimisten waren da längst in Kalifornien. In Wien hat man als Jude seine Hoffnung allerdings nicht lange pflegen können, da ist es sehr schnell sehr schlimm geworden. Auch mein Vater, ein Rechtsanwalt, stand auf einer Todesliste.

ZEIT: Sind Sie praktizierender Jude?

Kreisler: Nein.

ZEIT: Was an Ihnen ist typisch jüdisch?

Kreisler: Man geht durchs Leben und fühlt sich in gewisser Weise verfolgt. Ich war mir immer darüber im Klaren, dass es überall Antisemitismus gibt. Und ich stoße bis heute immer wieder darauf. Als ich nach Amerika kam, war es noch ganz legal, Tafeln vor Restaurants aufzustellen: "Nur für Arier". Das ist erst in den fünfziger Jahren abgeschafft worden. Auch in amerikanischen Nachtlokalen wurde ich als Pianist nicht genommen, denn sie wollten keine Juden. Das prägt die Mentalität eines jungen Mannes.

ZEIT: Aber Sie machen sich in Ihren Liedern auch lustig über die Juden.

Kreisler: Natürlich. Das machen alle Juden. Das ist der jüdische Witz. Eine Art Galgenhumor.

ZEIT: Haben Sie sich je überlegt, in Israel zu leben?

Kreisler: Ja, ich hab es mir überlegt und dann verworfen. Es ist doch ein sehr anderes Land. Sehr orientalisch. Und warum dort gekämpft wird, ist mir nicht bekannt.

ZEIT: Ist das ein Scherz?

Kreisler: Ich finde den ganzen Staat Israel keine sehr gute Idee. Aber jetzt ist er nun mal da, jetzt muss man ihn auch verteidigen.

ZEIT: Was hätten Sie nach dem Krieg denn vorgeschlagen? Hätten Sie den Juden Bayern zugewiesen?

Kreisler: Die Juden haben jahrtausendelang inmitten anderer Völker gelebt. Was brauchen sie jetzt unbedingt ein eigenes Land? Man muss den Antisemitismus bekämpfen, einen Staat zu gründen hilft den Juden wenig.

ZEIT: Also ist Heimatlosigkeit in Ihren Augen typisch jüdisch.

Kreisler: Juden sind nicht heimatlos. Meine Eltern haben sich nie heimatlos gefühlt. Sie waren patriotische Österreicher. Mein Vater hat es im Ersten Weltkrieg bis zum Oberleutnant gebracht. Auch Heinrich Heine war überzeugter Deutscher.

ZEIT: Und was sind Sie?

Kreisler: Ich bin tatsächlich heimatlos. Aber durch die Umstände geworden.

ZEIT: Werden Ihre Nichtarischen Arien , also jene Liedersammlung, in der es um das Leben und das Innenleben der Juden geht, auch in Israel gehört?

Kreisler: Sie wurden dort verkauft und im Radio gespielt, ob das heute noch so ist, weiß ich nicht. Es gab tatsächlich Juden, die haben mein Lied Ich fühl mich nicht zu Hause verfälscht und umgetextet. Das habe ich ihnen verboten.