Seit Jahrzehnten erforschen ganze Hochschul-Fachbereiche, ob und wie Kinder mit Computern sinnvoll lernen können. Ein Problem dabei: Mit jeder neuen technischen Entwicklung – vom Zentralrechner zu PC, Internet, Whiteboard und iPad – verändert sich der Forschungsgegenstand, und neue Studien müssen her. Bis die fertig sind und die Bildungsbehörden erreichen, ist die Technik schon wieder zwei Schritte weiter.

Wer Zweifel am Einsatz von Computern im Unterricht hat, kann sich so jederzeit auf tonnenweise Fachliteratur berufen. Zumal es bisher noch keine Studien gibt, die zweifelsfrei bewiesen hätten, dass Kinder mit Software-Hilfe mehr lernen. Einige deuten immerhin darauf hin, dass Computer im Unterricht die Motivation und die Konzentration steigern können.

Eines fällt auf: In Deutschland scheinen die Zweifel stärker zu wirken als anderswo. Neben den bekannteren Schocks verabreichte die Pisa-Studie 2003 auch die Erkenntnis, dass der Computer hierzulande in der Schule seltener eingesetzt wird als in allen anderen OECD-Staaten. In Großbritannien, wo die Umstellung aller Schulen auf Computertafeln vor Jahren zum nationalen Anliegen erklärt wurde, stehen sie bereits in mehr als drei Vierteln der Klassenzimmer. In Deutschland sind etwa fünf Prozent damit ausgerüstet.

Die Eigenheiten des deutschen Bildungswesens bringen es mit sich, dass für die Lehrpläne zwar die Bundesländer zuständig sind, für die "technische Ausstattung" der Grundschulen aber die Kommunen. Und so muss sich jede Schule, jeder Gemeinderat dem epochalen Vorgang der Digitalisierung stellen. Im Zweifel bleiben die Dinge, wie sie sind: Dieselbe mpfs-Studie, die die Computerpräsenz im Kinderalltag dokumentiert hat, kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, "dass nur etwa jeder dritte Schüler im Alter von sechs bis 13 Jahren den Einsatz eines Computers im Unterricht erlebt hat". Und sei es auch nur einziges Mal. Von den Mediengewohnheiten der meisten Grundschüler ist das meilenweit entfernt. Sie benutzen Computer, nur lässt die Schule sie damit oft allein.

Für Jörg Michel, einen der Gründer der Erfurter Software-Firma Kids Interactive, sind Grundschüler die Zielgruppe. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen digitales Unterrichtsmaterial, große Verlage wie Klett, Cornelsen, Westermann gehören zu den Auftraggebern. In der Grundschule sei der Unterricht spielerischer, das Lehrmaterial visueller, sagt Michel, "hier geht mehr mit Animationen und Drag-and-drop-Spielen". Und so hat sich seine Firma in den vergangenen Jahren auf Whiteboard-Software für die Klassen 1 bis 6 konzentriert. Für die Schulbuchverlage sei das zwar "noch kein richtiger Markt", aber sie wollten vorbereitet sein, "wenn die Whiteboards überall sind".

Kids Interactive ist eine von mehreren Firmen im Erfurter Kindermedienzentrum, einem großzügigen Büro- und Studiokomplex auf einer Anhöhe über der Stadt, in dem auch der Kindersender Ki.Ka sein Hauptquartier hat. Im Konferenzraum seiner Firma führt Michel die neuesten Unterrichtsprogramme vor: Mal dem Whiteboard, mal seinem Zuhörer zugewandt, schiebt er Wörter, Satzteile, Tierbilder über die dezent leuchtende Tafel. In der Whiteboard-Version der Fibel Kunterbunt erinnern einzelne Elemente noch an klassische Schulbücher – aber hier sind sie in Bewegung, "Kuh" kommt zu "Schuh", "Haus" zu "Maus". Im interaktiven Haack Weltatlas erscheint die Erde überwältigend schön, Gebirge, Klimazonen, Meeresströmungen können ein- und ausgeblendet werden, die letzte Nostalgie für die alte Karte aus dem Erdkundeunterricht wird von einem Zoom auf die Alpen vertrieben.

Und wo bleibt da der Lehrer? "Wichtig ist für uns, seine Rolle zu berücksichtigen", sagt Michel. "Er kann zum Beispiel den Auswertungsknopf drücken, der anzeigt, ob eine Antwort richtig ist." Sonst stehe der Lehrer als Zuschauer daneben, er solle aber "eine aktive Rolle" haben: "Als Moderator kann er fragen: Seid ihr sicher? Er kann die Antwort diskutieren und erst dann auflösen." Klingt nach Günther Jauch, und richtig: Das Quiz Wer wird Millionär? – Für die Schule gibt’s auch schon.

Wie überhaupt die Grenzen zwischen Unterrichtssoftware und Computerspiel gelegentlich verschwimmen. Kids Interactive entwickelt neben animierten Schulbüchern auch Lernspiele für den "Nachmittagsmarkt". Michel hält den Unterschied fest: "Die Verlage wollen in der Regel, dass wir die Schulbücher eins zu eins in die Software übersetzen. Der Schauwert des Ganzen kann die Sache befördern, aber er darf nicht im Vordergrund stehen." Niemand wolle, "dass der Lehrer auf einen Knopf drückt, und dann geht da vorne ein Feuerwerk los".

Das sieht auch Schulleiter Haase so, dem allerdings die gängige Schulbuchsoftware oft "zu starr" ist, er bastelt lieber seine eigenen Tafelbilder. Für Digitales interessiert er sich seit seiner ersten Begegnung mit einem Computer während eines Praktikums bei IBM. Das war 1969. Zum Vorkämpfer der digitalen Grundschule wurde er jedoch per Zufall, vor drei Jahren. "Wir waren beim Computerhändler, um drei Beamer anzuschaffen", erzählt er. Die Verkäuferin führte ihm ein Whiteboard vor, Haase erwog, statt der Beamer eine digitale Tafel zu kaufen. Als kurz darauf ein unverhoffter Geldsegen seine Schule ereilte (jahrelang hatten die Schüler beim Putzen mitgeholfen und so über 17000 Euro eingespart), war plötzlich für jede Klassenstufe je ein Whiteboard drin. Haase fand sechs interessierte Kollegen – und vermied es, vor der Anschaffung den Lehrkörper zurate zu ziehen – "ich wollte das Kollegium nicht in die Situation bringen, über etwas entscheiden zu müssen, wovon es keine Ahnung hat".

Schnell hätten die ersten Boards "Begehrlichkeiten" bei Schülern und Lehrern hervorgerufen, Haase folgerte: "Dann müssen wir zusehen, dass wir die ganze Schule umgebacken kriegen." Sonst hätten ja die Lehrer ihren Unterricht doppelt vorbereiten müssen, digital und analog, je nach Klassenzimmer. Mit seinem Konzept wandte er sich an die Berliner Senatsverwaltung, an Sponsoren, den Förderverein der Schule. Den Lehrern sagte er: "Wer diesen Weg nicht mitgehen will, in allen Ehren. Aber bitte dann auch die Schule wechseln."

Ja, doch, sagt Haase heute, diese Methode sei schon "ein Stück weit fragwürdig" gewesen, "relativ undemokratisch, dirigistisch". Aber sonst hätte sich eben nichts geändert: "In Schulen und Ministerien machen sich Leute Gedanken über das Whiteboard, die noch nie damit gearbeitet haben."