Die moderne Zivilisation, das war die zentrale Einsicht des britischen Ökonomen und Krisentheoretikers John Maynard Keynes, ruht auf einem brüchigen Fundament, das schnell nachgeben kann, wenn die Wirtschaft nicht mehr läuft. Die Große Depression der dreißiger Jahre ebnete in Europa den Nationalsozialisten den Weg und ließ weite Teile der amerikanischen Bevölkerung verelenden.

Kein Regierungschef will deshalb das Risiko eingehen, durch eine Pleite ein finanzielles Armageddon zu verursachen. Lieber noch ein paar Milliarden lockermachen, lieber die Regeln noch ein Stück weiter dehnen – auch wenn es gegen die eigene Überzeugung geht und die demokratische Willensbildung zur Nebensache verkommt. Am Ende wird auch die FDP dem Rettungspaket für den Euro im Bundestag zustimmen, und wenn den USA tatsächlich das Geld ausgeht , dann werden sie bei Rentnern und Beamten kürzen, bevor sie die Coupons der Investoren antasten.

Der Preis des Rettungszwangs ist, dass die Staatsgewalt immer weniger von den Bürgern und immer mehr von den Börsen ausgeht. Wenn die Zinsprämien am Kapitalmarkt für eine demokratisch gewählte Regierung wichtiger sind als Meinungsumfragen, wenn im Monatsrhythmus Rettungspakete durch die Parlamente gejagt werden, wenn selbst die letzte verbliebene Supermacht vor dem Urteil privater Rating-Agenturen zittert , dann ist etwas außer Kontrolle geraten.

Entmachtet die Märkte! Dieser Schlachtruf eint in einer seltenen historischen Konstellation das konservative und das linke Lager. Und es stimmt ja auch: Das Treiben der Investoren erscheint im Augenblick nicht nützlich, sondern schädlich. Die Griechen etwa wurden billig mit Geld versorgt, als sie es zum Fenster hinauswarfen. Und ausgerechnet jetzt, wo die Regierung in Athen Reformen in Angriff nimmt, versiegen die privaten Kapitalquellen.

Es stimmt aber auch, dass die Staaten sich selber den Finanzmärkten ausgeliefert haben. Die Macht der Märkte über die Politik ist die Macht des Gläubigers über den Schuldner – und die hat eine lange Geschichte.

Der Kampf gegen die Finanzkrise hat die Staatsverschuldung kräftig nach oben getrieben, aber schon vorher, das wird häufig vergessen, war sie nicht mehr unter Kontrolle. Zwischen 1987 und 2007 – dem letzten Jahr vor der Krise – stieg die Verschuldung des öffentlichen Sektors in den Nationen, die sich zur Industrieländerorganisation OECD zusammengeschlossen haben, von 60 auf 75 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute liegt sie bei mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Gefährlich ist nicht die absolute Höhe der Verbindlichkeiten, gefährlich sind auch nicht krisenbedingte Konjunkturprogramme. Gefährlich ist der Trend – und der weist nach oben. Die Möglichkeit, beinahe unbegrenzt Schulden aufzunehmen, hat in den Staaten der westlichen Welt die Zahlungsbereitschaft und die Leistungserwartung auseinanderklaffen lassen. Hier eine neue Straße, dort eine Vergünstigung – aber warum dafür bezahlen, wenn man sich das Geld auch einfach leihen kann? Warum die Bürger mühsam von der Notwendigkeit höherer Steuern überzeugen, wenn das Geld über die Ausgabe von Staatsanleihen auf den Finanzmärkten besorgt werden kann?

Die Schuldenmacherei ermöglicht eine Demokratie für Maulfaule. Sie erlaubt politisches Handeln ohne den politischen Streit, der die Voraussetzung der demokratischen Entscheidungsfindung ist. Und sie gaukelt eine Welt vor, in der das eherne Grundgesetz der Ökonomie – nichts ist umsonst! – nicht mehr gilt. Wir alle haben uns in dieser Traumwelt eingerichtet.

Wir wollen Sozialleistungen wie in Skandinavien, aber Steuern wie in Sambia. Wir wollen gute Universitäten, aber keine Studiengebühren. Wir wollen eine funktionierende Verwaltung, aber keine neuen Beamten. Wir wollen eine gemeinsame Währung, aber keine Verantwortung für die Griechen übernehmen.

Die internationalen Finanzmärkte signalisieren, dass es so nicht weitergeht. Wie der Torso des Musengottes Apollo in Rainer Maria Rilkes berühmtem Gedicht rufen sie den Staaten des Westens zu: "Du musst dein Leben ändern."