Zwei deutsche Söhne – Seite 1

Die hellen Augen, die unerschütterliche Höflichkeit, die gleichzeitige Freude an kantigen Wörtern wie "Überfremdungsängste", "treue deutsche Staatsbürger": Burkard Dregger.

Der schwäbische Tonfall, das fast schüchtern wirkende Lächeln, die Wangen, oder sind es doch die Augen? Matthias Filbinger.

Eine diffuse Ähnlichkeit und der erste Eindruck: irre. Ein Anblick, der einem so bekannt vorkommt und doch auch wieder ganz anders. Zwei Söhne berühmter deutscher Väter, zwei Konservative, der eine in der CDU, der andere bei den Grünen. Zwei Farben Schwarz. Zwei deutsche Söhne.

Ihre Väter waren Ikonen des Konservativen zu einer Zeit, als das Konservative noch ganz selbstgewiss war, unangekränkelt vom Hang zu öffentlichem Grübeln und Selbstzweifeln, sich selbst und anderen keine Rechenschaft ablegend. Hans Filbinger war Ministerpräsident in Baden-Württemberg, weil er als Marinerichter in der Zeit des Nationalsozialismus Todesurteile gefällt hatte, musste er 1978 zurücktreten. Alfred Dregger brachte die CDU in Hessen von 26 Prozent fast bis zur absoluten Mehrheit und war langjähriger Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Mit Franz Josef Strauß bildeten sie die berühmt-berüchtigte "Südschiene" der Union. Der Slogan "Freiheit statt Sozialismus", der meist Strauß zugeschrieben wurde, kam in Wirklichkeit von Filbinger, Dregger brachte ihn unters Volk.

Die Väter haben die Republik geprägt. Die Söhne sind der Politik mit Bedacht lange ferngeblieben. Nun haben auch sie sich aufgemacht, das Land zu verändern. Matthias Filbinger engagiert sich als Kommunalpolitiker in Stuttgart-Vaihingen für städtebauliche Projekte und gegen Stuttgart 21, Burkard Dregger bewirbt sich im September um ein Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus. Wie interpretieren sie das Konservative, wie gehen sie um mit dem Erbe der Väter?

"Liebe für alle, Hass für keinen" prangt auf einem Banner an der Stirnwand eines schlichten Raums in der Pankower Tiniusstraße, davor steht an einem grünen Pult sehr gerade und aufrecht Burkard Dregger, blaues Hemd, blaue Krawatte, blaue Augen, in Socken. Dregger ist an diesem Frühlingsabend in die Khadija-Moschee gekommen, um einen Vortrag zu halten zum Thema "Deutsche Muslime – ihr Weg zu allgemein anerkannten Staatsbürgern". Der 47-Jährige ist der Meinung, dass dieser Weg allen Muslimen offenstehen sollte, wirklich offen, aber er ist durchaus auch der Meinung, dass es derzeit noch einige Probleme gibt.

Burkard Dregger hat in Genf, London und den USA studiert. Seit einigen Jahren hat er eine Anwaltskanzlei in Berlin. Er ist kein Politiker, noch nicht, er ist ein Kandidat, seitdem ihn die Berliner CDU gefragt hat, ob er sich vorstellen könne mitzumachen. Das Vorsichtige, Abgezirkelte, das man von Politikern kennt, ist Dregger fremd, er spricht mit großer Unbefangenheit Wörter wie "Überfremdungsängste", "Anpassung" und "Gesinnung" aus. Es ist ein Sound, den man selbst in der CDU kaum noch hört. Er erinnert, nun ja, an den alten Dregger.

Das Ziel von Integrationspolitik, sagt der junge Dregger, sei es, Menschen mit Migrationshintergrund zu "treuen deutschen Staatsbürgern" zu machen, ihnen die "Großartigkeit unserer Werteordnung" vor Augen zu halten, die keine kalte Paragrafenordnung sei, sondern Kulturgeschichte! Ihnen unsere Werte zu erklären, die "so einfach zu erklären und zu leben sind". Falsch findet Dregger es, so zu tun, als erwarte man "keine Anpassung" oder als gebe es keine Probleme. Die Bemühungen der Linken auf dem Sektor hält er für "gut gemeint, aber unwirksam".

Dregger ist gläubiger, man kann sagen glühender Katholik. Dass in Berlin Menschen wegen der vielfachen Missbrauchsfälle unter dem Dach der katholischen Kirche gegen den Besuch des Papstes im Herbst protestieren, empfindet er als Kränkung. "Das System katholische Kirche ist darauf angelegt, das Gute zu vollbringen, nicht Fehler zu begehen", sagt er. Ratzinger sei "ein deutscher Papst, auf den man stolz sein muss". Als gläubiger Mann begegnet Dregger dem Islam mit größtem Respekt – wo er als Religion verstanden werde.

Der politische Islam aber sei "ein Herrschaftssystem". Und: "Deshalb liegen die Menschen richtig, wenn sie Überfremdungsängste haben." Die Debatte, die Thilo Sarrazin losgetreten hat, fand Dregger alles in allem gut, "weil Probleme benannt wurden". Wenn man nun aber glaubt, er fände auch Thilo Sarrazin gut, liegt man daneben. Sarrazin, sagt Dregger stirnrunzelnd, betreibe Desintegration, "er hat daran mitgewirkt, Deutschland abzuschaffen. Denn er hat die vielen guten muslimischen Deutschen durch seine undifferenzierte Pauschalkritik unserem Land entfremdet." Nein, solch unpatriotische Umtriebe kann Dregger nicht gutheißen.

 Mit dem Rücktritt des Vaters brach für Filbinger ein Gebilde ein

Burkard Dregger hat ein Integrationspapier mit dem Titel Gemeinsinn und Leistung geschrieben, er hat einen VW-Bus mit seinem Bild beklebt und fährt damit in die Problemviertel zu den Menschen mit Migrationshintergrund und sagt ihnen, dass sie Deutsch lernen und Deutschland lieben sollen. Manchmal hat seine Art, durch die Welt zu gehen, etwas Naives, etwa wenn er sich darüber freut, dass bei einem Auftritt im Ostbezirk Lichtenberg ein alter NVA-General auf ihn zugekommen sei und gesagt habe, ihm gefalle, dass sich endlich mal einer an deutschen Interessen ausrichte. Aber nie hat es etwas Verkapptes. Dregger ist keiner von denen, bei denen man Sorgen haben muss, dass sie nach einem Bier zu viel die falsche Strophe der Nationalhymne singen.

Man ist nun also gespannt an diesem Abend in der Moschee, ob Dregger sich trauen wird, all das, was er so denkt, auch offen zu sagen. Dregger strahlt. Er begrüße den Satz des Bundespräsidenten , dass der Islam zu Deutschland gehöre, sagt er, weil er eine große Diskussion ausgelöst habe. Der Satz sei aber mehr ein Programm als eine Zustandsbeschreibung. Zwar sei der Islam zu einer Auslegung in der Lage, "wie wir sie schätzen", man wisse aber auch, dass es andere Auslegungen gebe. Aussagen wie die des Bundespräsidenten seien dazu angetan, das zu verwischen. Insofern seien sie "ergänzungsfähig".

Weil er für Klarheit statt Verwischung ist, hat Dregger zwei offene Briefe an die Berliner Imame geschrieben, den letzten, nachdem die Christenverfolgung in Kairo im März eskalierte und es bei einer Demonstration zehn Tote gab. Die Muslime sollten "in der Stunde der Gefahr" deutlich machen, wo sie stünden. Relativ wenig Reaktionen habe es darauf gegeben, berichtet Dregger freimütig, dafür eine Menge Gegrummel, man stelle Muslime unter Generalverdacht. Er verstehe das auch, aber er bleibe dabei. "Akzeptanz werden Muslime erst finden, wenn Zweifel an ihrer Gesinnung ausgeräumt sind." Vielleicht sei das ungerecht, aber es sei nun mal unsinnig, bestehende Ängste zu ignorieren. Ihn erinnere das an die DDR, wirft hinterher ein Mann aus dem Publikum Dregger vor und merkt an, da habe das Einfordern von Bekenntnissen auch nichts bewirkt. "Der Unterschied zwischen der DDR-Führung und mir", entgegnet Dregger freundlich, "ist, dass ich keinen Zwang ausüben will. Ich will anregen." Ihn selbst hat der Abend auch zu einer Idee angeregt: Vielleicht will er demnächst einen Brief an die Deutschen schreiben, denen es zu seinem Kummer auch oft an Gemeinsinn mangele.

600 Kilometer entfernt beschäftigt sich Matthias Filbinger derweil mit einer Kulturrevolution der anderen Art. "Das ist im Moment etwas Besonderes", sagt Filbinger, "dass etwas berechenbar wird in der Zukunft." Das Automobil zum Beispiel werde nach wie vor eine Karosserie und Räder haben. Ansonsten aber werde sich vieles verändern, das könne man ganz sicher sagen. Berechenbarkeit, das ist in der Welt des Matthias Filbinger eine sehr relative Größe. Der grün-rote Wahlsieg in Stuttgart ist erst wenige Wochen her, aber schon jetzt merkt Filbinger, wie sich die Unternehmen darauf einstellen. "Diese politische Veränderung wird den Markt verändern", sagt Filbinger.

Der 54-Jährige trägt eine hellblau getönte Brille, eine hellgraue Hose und ein kurzärmliges helles Hemd. Es waren Leute wie er, die kürzlich die 58-jährige CDU-Herrschaft in Baden-Württemberg zum Einsturz gebracht haben: bürgerliche Menschen, die man eher im Reihenhaus als am Demozaun vermutet. Filbinger sitzt in einem kleinen Raum im Industriegebiet von Stuttgart-Vaihingen zusammen mit zwei Aufsichtsratsvorsitzenden einer Firma, die er berät. Die Firma seiner Kunden hat 15 Mitarbeiter, die ständig im Einsatz sind und kein eigenes Büro haben, keinen Heimathafen. Einmal im Jahr treffen sich alle in einem Hotel, zu einem Wochenende, damit so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufkommt. Familie, Heimat, Patriotismus, Dreggers Koordinaten, sind Werte, die in dieser Welt selten vorkommen.

Das Wort, das an diesem sehr typischen Nachmittag am häufigsten fällt, ist Produktlebenszyklus-Management. Im Kern geht es dabei darum, effizienter zu werden. Filbinger hat weiße und grüne Karteikarten auf den Tisch gestapelt und dicke Edding-Stifte in Orange, Blau, Schwarz und Gelb. "Das Allerwichtigste für einen Manager", sagt Filbinger, "ist es, zielorientiert zu arbeiten. Keine Schleifen zu fliegen." Die beiden Manager, die er berät, notieren auf die Karteikarten Antworten auf die Fragen und Aufgaben, die Filbinger ihnen gestellt hat: Wo steht die Firma 2010, wo 2020, wie viele Mitarbeiter soll sie haben, wie viel Umsatz machen, was ist dazu nötig?

Filbinger steht auf und zeichnet ein auf der Spitze stehendes Dreieck auf die Flipchart-Tafel in der Ecke, eine vereinfachte Variante der Maslowschen Bedürfnispyramide, eines Systems, das dazu entwickelt wurde, die Motivation von Menschen zu verstehen. Vereinfacht besagt es: Erst wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind, wendet der Mensch sich übergeordneten Zielen zu. Es bedeutet auch: Der Mensch ist nicht frei in seinem Streben, er ist von seiner Bedürfnisstruktur abhängig. Die Maslowsche Bedürfnispyramide, sagt Filbinger, gelte für jeden. Filbinger glaubt an Planbarkeit. In zehn Jahren will er mehr oder weniger das Gleiche tun wie jetzt. Nur vielleicht etwas weniger von allem. Dafür ein bisschen mehr reisen und Sport treiben. Politik kommt in seinen Plänen auch vor, aber sehr zielorientiert, begrenzt. Politik als Mittel zum Zweck, nicht als Selbstzweck. Autor des eigenen Lebens bleiben, das hat er sich vorgenommen.

Von dem Ereignis, das sein Leben auf den Kopf stellen sollte, hat Matthias Filbinger aus der Zeitung erfahren. Es war im Sommer 1978, er war mit seiner Freundin auf Elba, es gab keine Handys, kein Fax. Morgens schlug der damals 21-Jährige die Zeitung auf: Filbinger zurückgetreten stand da in großen Lettern. Der baden-württembergische Ministerpräsident musste sein Amt aufgeben, nachdem bekannt geworden war, dass er als Marinerichter an Todesurteilen der nationalsozialistischen Militärjustiz beteiligt gewesen war. "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein", sagte Hans Filbinger, der Dramatiker Hochhuth nannte ihn in der ZEIT einen "furchtbaren Juristen".

"Von heute auf morgen brach das ganze Gebilde zusammen", erinnert sich sein Sohn, "ich möchte sagen: die Politshow." Eben noch Gast auf allen Partys der Gesellschaft wurde der Politikersohn zum Gemiedenen. Nicht ihm, so die bittere Erkenntnis, hatte die Aufmerksamkeit gegolten, sondern dem Amt des Vaters. "Ich musste mir einen völlig neuen Freundeskreis aufbauen", sagt Matthias Filbinger. Den Rest seines Lebens, erinnert sich der Sohn, habe der Vater damit verbracht, an seiner Rehabilitierung zu arbeiten, vergeblich. Für Matthias Filbinger wurde der Rücktritt des Vaters zu einem "Meilenstein der Entfremdung" von der Politik. "Mir wurde klar, wie ein Politiker enden kann."

Leben oder gelebt werden,das Buch von Walter Kohl , dem Sohn Helmut Kohls, hat Filbinger aufgesogen. Vieles sei ihm da erst richtig bewusst geworden. Kohl junior beschreibt darin, wie das Amt des Vaters alles dominierte, wie alle Personen zu Statisten wurden und alles zu einer Ableitung der Rolle geriet: Sohn von Kohl. "Nehmen Sie die ersten 60 Seiten des Buchs, streichen Sie den Namen Kohl, ersetzen Sie ihn durch Filbinger, und Sie haben einen Teil meiner Jugend", sagt Matthias Filbinger. Macht, Macht, Macht, immer ging es darum.

 Die Schuld der Väter - ein wiederkehrendes Thema der Nachkriegs-Generation

Burkard Dregger war dem Sohn von Helmut Kohl einmal ganz nahe. Als Kohl und Mitterrand sich über den Gräbern von Verdun die Hände reichten, da waren auch Burkard Dregger und Walter Kohl dabei. Beide Väter hatten ihren Sohn mitgenommen, beide Söhne standen in ihrer Uniform als Wehrpflichtige neben dem Spalier von deutschen und französischen Soldaten. "Ein großer, bewegender Moment" sei das gewesen, sagt Dregger, in dem deutlich geworden sei, was symbolische Gesten für die Völkerfreundschaft bewirken könnten.

Burkard Dregger wuchs in Fulda auf, nahe an der Zonengrenze, die Wachtürme der Grenzer in Sichtweite. Der Kalte Krieg, der Gegensatz der Systeme haben sein Weltbild geprägt. Der Vater nahm ihn häufig mit, in die USA, nach Russland, oft fuhren sie zu Städtereisen in die DDR. "Er wollte uns die Realität zeigen, dass das kein toller, sozialer Staat war, sondern ein Unrechtsregime." Er erinnere sich, dass bei den Reisen oft Leute auf den Vater zugekommen seien und ihm die Hand geschüttelt hätten, sagt Dregger. "Er stand für das Richtige."

Sein eigenes Erlebnis in Verdun habe er auch vor Augen gehabt, als kurz danach der amerikanische Präsident Reagan auf Einladung Helmut Kohls plante, einen Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen. Es gab Proteste, weil dort auch Angehörige der SS begraben lagen. Alfred Dregger schrieb einen Brief an die US-Abgeordneten, die gegen den Besuch protestiert hatten, dies sei eine Beleidigung seines an der Ostfront gefallenen Bruders. Als "zutiefst unerträglich", sagt der Sohn, habe auch er es empfunden, wie die Gegner versucht hätten, eine symbolische Geste der Versöhnung zu unterbinden. Er verehre den damaligen amerikanischen Präsidenten dafür, dass er letztlich durchgehalten habe. Dass "der gewünschte Effekt der Völkerverständigung letztlich nicht eingetreten" ist, räumt Dregger mit der ihm eigenen Freundlichkeit aber gerne ein.

Ob er auch ein konservativer Konservativer wie sein Vater sei oder eher ein liberaler, war eine Frage beim ersten Treffen gewesen. "Ich bin genauso ein Liberaler wie mein Vater", hatte Burkard Dregger da ohne Zögern geantwortet.

Der 8. Mai 1945 sei eine Befreiung gewesen, keine Niederlage, hat der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Rede gesagt, die ihn berühmt gemacht hat. Alfred Dregger hat dem widersprochen. Nicht für alle sei das so gewesen, für viele Deutsche sei es der Tag der bitteren Kapitulation gewesen. Stimmt der Junior dem Vater auch in diesem Punkt zu? Man müsse das verstehen, sagt Dregger. Der Vater sei damals selbst noch Kommandant eines Bataillons in Schlesien gewesen und habe an dem Tag den Ort Marklissa von der Roten Armee zurückerobert.

Ein Vormittag im Juni, er sitzt in einem Café in Berlin, jede Jahreszahl weiß er aus dem Kopf, jeden Ortsnamen, als hätte der Vater es gestern erzählt. Alfred Dregger war in der Wehrmacht. War er auch in der NSDAP? Alfred Dregger war eine öffentliche Person, sein Konservativsein, auch die Frage, ob er zu konservativ war, zu rechts, ist öffentlich verhandelt worden. Die Republik weiß inzwischen: Dregger war in der NSDAP, wie viele seiner Generation. Der Sohn weiß es nicht. Er hat dem Vater die Frage nie gestellt. Er hat mit seinem Vater die ganze Welt bereist, aber diese Debatte ist an ihm vorübergegangen.

Einmal, erinnert sich Burkard Dregger, haben die Dreggers die Filbingers getroffen, zufällig war das, beim Skilaufen, irgendwo in der Schweiz. Er hat ein Bild vor Augen, eine sternenklare Nacht, ein verschneiter Himmel, die Väter vorneweg. Matthias Filbinger war nicht dabei, er fuhr da schon nicht mehr mit den Eltern weg, er ist acht Jahre älter als Burkard Dregger. Die Schuld der Väter, das war das Thema seiner Generation. "Wie konntet ihr nur", die Frage, die stets im Ton des Vorwurfs und der moralischen Überlegenheit vorgebracht wurde. Matthias Filbinger hat sie seinem Vater nicht gestellt, er hat es bewusst nicht getan. Er hat den Konflikt mit seinem Vater an einer anderen Stelle gesucht, bei dessen autoritärer Amtsführung. Konservativ sein, das hieß in der Zeit der Filbingers und Dreggers auch standhaft sein, nicht nachgeben, nicht zweifeln, jedenfalls nicht öffentlich. 1967 gingen in Baden-Württemberg die ersten Demos los, zunächst gegen Fahrpreiserhöhungen, später gegen den Bau des Atomkraftwerks Wyhl, 1975 ordnete Hans Filbinger den Einsatz von Wasserwerfern an. Der Sohn hat mit ihm das ganze Leben darüber gestritten. "Erkläre öffentlich, dass das falsch war", habe er immer wieder gesagt, erinnert sich Matthias Filbinger. Erst mit 90 Jahren habe der Vater eingeräumt: Es war falsch.

Deshalb hat Matthias Filbinger der Streit um Stuttgart 21 so aufgeregt. Wie kann eine konservative Regierung nur so gar nichts aus der Geschichte lernen, hat er sich gefragt. Denn für konservativ hält er sich. Immer noch. Auch wenn er schon länger für die Grünen arbeitet und im März formal in die Partei eingetreten ist.

Filbinger und Dregger, für die Republik waren das zwei der umstrittensten Politiker. Für die Söhne waren und bleiben es: Väter. Der Terror der RAF, die sich für eine antifaschistische Truppe hielt, habe dazu geführt, dass er sich mit dem Vater solidarisiert habe, sagt Filbinger. Man wurde angegriffen und rückte zusammen. Bei Partys sei er immer der gewesen, "der schon mit der Polizei ankam", erinnert er sich an die Jahre mit dem Personenschutz, eine zutiefst bedrückende Zeit, seine Jugend. Als Student machte Filbinger junior beim RCDS mit, er klebte Plakate für OB Rommel, später war er für die CDU im Bezirksbeirat in Stuttgart-Vaihingen, ihm als konservativ fühlendem Menschen kam das selbstverständlich vor.

 Bei Stuttgart 21 kollidierten das Grüne und das Konservative

Vor drei Jahren hat er auf seinem Haus eine Solar-Warmwasseraufbereitungsanlage anbringen lassen. Das Grüne habe in seinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Umwelt und Natur hätten für seinen Vater genauso zum Konservativen gehört wie Religiosität, sagt Filbinger. Das Haus in Freiburg, in dem er aufgewachsen ist, lag gleich am Wald, kein Zaun trennte den Garten von den Bäumen. Nie flog die Familie in den Süden, stattdessen ging es zum Wandern, Richtung Feldberg, oder im Winter zum Skilaufen in die Schweiz.

2007 kollidierten das Grüne und das Konservative zum ersten Mal: Die CDU war für den Bau eines Fernbusbahnhofs in Vaihingen, eine Folge des Bahnprojekts Stuttgart 21 . Filbinger war gegen beides, vor allem aber dagegen, dass mehr als 100 Busse am Tag durch Vaihingen rollen sollten. Erst wurde er gemaßregelt, später bestellte man ihn zu einem Termin und ließ ihn dann sitzen. Filbinger, den an der CDU schon länger das Hermetische gestört hatte, die mangelnde Bereitschaft, querzudenken und Querdenker zuzulassen, erklärte den Austritt aus der Partei, in der sein Vater 56 Jahre gewesen war.

Zum zweiten Meilenstein der Entfremdung zwischen Filbinger und der CDU wurde der Tod des Vaters 2008. Der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger nannte Hans Filbinger in seiner Trauerrede einen "Gegner des NS-Regimes". Die Wogen der Empörung schlugen hoch. Er selbst habe den Satz gar nicht so wahrgenommen, sagt Filbinger. Enttäuscht hat ihn, dass weder Oettinger noch sonst jemand aus der CDU danach auf die Familie zugekommen seien. Der Name Filbinger, so war sein Gefühl, auch später, wurde in der CDU nicht mehr gewollt, man schämte sich seiner.

Ob Oettingers Satz selbst richtig oder falsch sei, spiele für ihn keine Rolle, sagt Filbinger. "Das ist sein Thema, nur er wusste, was wirklich geschehen war", sagt er über seinen Vater. Es stehe ihm nicht zu, das infrage zu stellen, sagt der Sohn. Ist es nicht erstaunlich, dass er den Konflikt mit dem Vater beim Zweitheikelsten sucht, dem Autoritären, aber nicht am eigentlichen Punkt, wo doch Nationalsozialismus und das Autoritäre so eng zusammenhängen? "Ja", sagt Filbinger, da sei etwas dran. Als Berater sagt er oft den Satz: "Man kann einen Menschen nicht verändern, nur sein Verhalten." Filbinger junior hat sich dagegen entschieden, der Frage wirklich vollständig auf den Grund zu gehen, wer sein Vater war und wie er sich verhalten hat, weil das aus seiner Sicht hieße, das Thema seines Vaters zu seinem Thema zu machen, anstatt das eigene Leben zu leben. Es hieße, den Fehler des Vaters zu wiederholen und in der Vergangenheit zu leben. "Wo so viel Vergangenheit ist, da ist kein Raum für die Zukunft", sagt Filbinger.

Filbinger ist katholisch, wie Dregger, als er ein Kind war, ging die Familie jeden Sonntag zur Kirche, heute besucht er ungefähr viermal im Jahr die Messe. In St. Blasien ist er zur Schule gegangen. Als im vergangenen Jahr die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik wurden, fiel ihm wieder ein, dass schon zu seiner Zeit bis zu zehn Jesuiten "entsorgt" worden seien. Große Zweifel hat er da mal wieder bekommen und ernsthafte Probleme mit dem, was auch zu seinem konservativen Fundament gehört. Wo Dregger junior mit einem trotzigen "erst recht" reagiert, herrscht bei Filbinger junior der Zweifel.

Eine "durchweg positive Erscheinung" sei Hans Filbinger nach seiner Erinnerung, sagt Burkard Dregger. So genau erinnere er sich nicht an den Vorgang, aber nach seiner Kenntnis sei ein Militärgericht kein Spezifikum der Wehrmacht, so etwas habe es in allen Armeen gegeben. An den Fall Filbinger erinnert er sich insofern, als "ich sofort den Reflex hatte, dass es sich hier um eine Kampagne der Linken handelt, die einen Leuchtturm des Konservativen zu Fall bringen will". So redet Dregger, und man weiß nicht: Soll man den Mut bewundern, sich mit ausgebreiteten Armen in die Untiefen der politischen Korrektheit zu werfen, oder muss man diesen Mann vor sich selbst beschützen?

Eine Ikone des Konservativen, das war auch sein Vater. "Solange ich politisch denken kann", sagt Burkard Dregger, "war mein Vater Spitzenkandidat der CDU in Hessen." Als er sechs Jahre alt war, 1970, trat der Vater das erste Mal an, damals lag die CDU bei 26 Prozent. Alfred Dregger brachte sie im ersten Anlauf auf 39 Prozent. Bei der Landtagswahl 1982 sah es so aus, als könnte er endlich die Regierung stellen, doch dann verließ in Bonn die FDP die Koalition. Helmut Schmidt ließ in Hessen plakatieren: "Verrat in Bonn". Am Ende hatte Dregger fast die absolute Mehrheit, aber keinen Koalitionspartner. Zehn Minuten nach 18 Uhr trat er zurück. Für Burkard Dregger war es die erste Wahl gewesen, bei der er abstimmen durfte. Obgleich schon 18 Jahre alt, habe er sich an dem Abend von seinem Vater trösten lassen müssen, erzählt er.

Die Unwilligkeit, sich dem Vater wieder zu nähern, nachdem er sich von dessen Welt emanzipiert hat: Filbinger. Die Unfähigkeit, sich vom Vater zu distanzieren: Dregger.

Beide haben in den ersten Jahren ihres Erwachsenenlebens einen Bogen um die Politik gemacht, um sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, beide hat es dann doch in die Politik gezogen. Dregger beschäftigt sich nun mit den Folgen einer verfehlten konservativen Einwanderungspolitik, Filbinger freut sich auf den Wechsel nach 58 Jahren CDU in Baden-Württemberg und bearbeitet als Manager auch die Auswirkungen einer konservativ-liberalen Wirtschaftspolitik, die auf Flexibilisierung setzte und verwundert feststellte, dass sich ihr traditionelles Familienbild dabei aufgelöst hat.

Der eine will auf keinen Fall so werden wie sein Vater. "Ich will nicht groß rauskommen", sagt Matthias Filbinger. Der andere startet da, wo sein Vater begann. In Berlin steht die CDU bei etwa 21 Prozent, es sind ähnlich desolate Verhältnisse wie diejenigen, die sein Vater in Hessen übernahm. Beim letzten Mal hatte der SPD-Kandidat in Burkard Dreggers Bezirk 38 Prozent, der CDU-Mann 34. "Ich muss es irgendwie drehen", sagt Dregger. Als Anwalt berät auch Dregger oft Firmen, Sanierungsfälle. Sein Traum, sagt er, sei das Sanierungsmandat Berlin. Dass eine Stadt wie Berlin überall Schlusslicht sei, das sei nicht gottgegeben. Wie seinem Vater mangelt es auch der CDU an Koalitionsoptionen. Die Grünen, sagt Dregger, mit denen könnte man etwas machen. Und wenn es nicht klappt? Dann wird er mit seiner Frau eine Flasche Rotwein aufmachen und erst mal beraten. "Ich glaube nicht, dass ich mich aus der Politik verabschiede", sagt Dregger. "Es ist ein Abenteuer, aber ich tue das nicht nur zum Spaß."