Burkard Dregger war dem Sohn von Helmut Kohl einmal ganz nahe. Als Kohl und Mitterrand sich über den Gräbern von Verdun die Hände reichten, da waren auch Burkard Dregger und Walter Kohl dabei. Beide Väter hatten ihren Sohn mitgenommen, beide Söhne standen in ihrer Uniform als Wehrpflichtige neben dem Spalier von deutschen und französischen Soldaten. "Ein großer, bewegender Moment" sei das gewesen, sagt Dregger, in dem deutlich geworden sei, was symbolische Gesten für die Völkerfreundschaft bewirken könnten.

Burkard Dregger wuchs in Fulda auf, nahe an der Zonengrenze, die Wachtürme der Grenzer in Sichtweite. Der Kalte Krieg, der Gegensatz der Systeme haben sein Weltbild geprägt. Der Vater nahm ihn häufig mit, in die USA, nach Russland, oft fuhren sie zu Städtereisen in die DDR. "Er wollte uns die Realität zeigen, dass das kein toller, sozialer Staat war, sondern ein Unrechtsregime." Er erinnere sich, dass bei den Reisen oft Leute auf den Vater zugekommen seien und ihm die Hand geschüttelt hätten, sagt Dregger. "Er stand für das Richtige."

Sein eigenes Erlebnis in Verdun habe er auch vor Augen gehabt, als kurz danach der amerikanische Präsident Reagan auf Einladung Helmut Kohls plante, einen Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen. Es gab Proteste, weil dort auch Angehörige der SS begraben lagen. Alfred Dregger schrieb einen Brief an die US-Abgeordneten, die gegen den Besuch protestiert hatten, dies sei eine Beleidigung seines an der Ostfront gefallenen Bruders. Als "zutiefst unerträglich", sagt der Sohn, habe auch er es empfunden, wie die Gegner versucht hätten, eine symbolische Geste der Versöhnung zu unterbinden. Er verehre den damaligen amerikanischen Präsidenten dafür, dass er letztlich durchgehalten habe. Dass "der gewünschte Effekt der Völkerverständigung letztlich nicht eingetreten" ist, räumt Dregger mit der ihm eigenen Freundlichkeit aber gerne ein.

Ob er auch ein konservativer Konservativer wie sein Vater sei oder eher ein liberaler, war eine Frage beim ersten Treffen gewesen. "Ich bin genauso ein Liberaler wie mein Vater", hatte Burkard Dregger da ohne Zögern geantwortet.

Der 8. Mai 1945 sei eine Befreiung gewesen, keine Niederlage, hat der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Rede gesagt, die ihn berühmt gemacht hat. Alfred Dregger hat dem widersprochen. Nicht für alle sei das so gewesen, für viele Deutsche sei es der Tag der bitteren Kapitulation gewesen. Stimmt der Junior dem Vater auch in diesem Punkt zu? Man müsse das verstehen, sagt Dregger. Der Vater sei damals selbst noch Kommandant eines Bataillons in Schlesien gewesen und habe an dem Tag den Ort Marklissa von der Roten Armee zurückerobert.

Ein Vormittag im Juni, er sitzt in einem Café in Berlin, jede Jahreszahl weiß er aus dem Kopf, jeden Ortsnamen, als hätte der Vater es gestern erzählt. Alfred Dregger war in der Wehrmacht. War er auch in der NSDAP? Alfred Dregger war eine öffentliche Person, sein Konservativsein, auch die Frage, ob er zu konservativ war, zu rechts, ist öffentlich verhandelt worden. Die Republik weiß inzwischen: Dregger war in der NSDAP, wie viele seiner Generation. Der Sohn weiß es nicht. Er hat dem Vater die Frage nie gestellt. Er hat mit seinem Vater die ganze Welt bereist, aber diese Debatte ist an ihm vorübergegangen.

Einmal, erinnert sich Burkard Dregger, haben die Dreggers die Filbingers getroffen, zufällig war das, beim Skilaufen, irgendwo in der Schweiz. Er hat ein Bild vor Augen, eine sternenklare Nacht, ein verschneiter Himmel, die Väter vorneweg. Matthias Filbinger war nicht dabei, er fuhr da schon nicht mehr mit den Eltern weg, er ist acht Jahre älter als Burkard Dregger. Die Schuld der Väter, das war das Thema seiner Generation. "Wie konntet ihr nur", die Frage, die stets im Ton des Vorwurfs und der moralischen Überlegenheit vorgebracht wurde. Matthias Filbinger hat sie seinem Vater nicht gestellt, er hat es bewusst nicht getan. Er hat den Konflikt mit seinem Vater an einer anderen Stelle gesucht, bei dessen autoritärer Amtsführung. Konservativ sein, das hieß in der Zeit der Filbingers und Dreggers auch standhaft sein, nicht nachgeben, nicht zweifeln, jedenfalls nicht öffentlich. 1967 gingen in Baden-Württemberg die ersten Demos los, zunächst gegen Fahrpreiserhöhungen, später gegen den Bau des Atomkraftwerks Wyhl, 1975 ordnete Hans Filbinger den Einsatz von Wasserwerfern an. Der Sohn hat mit ihm das ganze Leben darüber gestritten. "Erkläre öffentlich, dass das falsch war", habe er immer wieder gesagt, erinnert sich Matthias Filbinger. Erst mit 90 Jahren habe der Vater eingeräumt: Es war falsch.

Deshalb hat Matthias Filbinger der Streit um Stuttgart 21 so aufgeregt. Wie kann eine konservative Regierung nur so gar nichts aus der Geschichte lernen, hat er sich gefragt. Denn für konservativ hält er sich. Immer noch. Auch wenn er schon länger für die Grünen arbeitet und im März formal in die Partei eingetreten ist.

Filbinger und Dregger, für die Republik waren das zwei der umstrittensten Politiker. Für die Söhne waren und bleiben es: Väter. Der Terror der RAF, die sich für eine antifaschistische Truppe hielt, habe dazu geführt, dass er sich mit dem Vater solidarisiert habe, sagt Filbinger. Man wurde angegriffen und rückte zusammen. Bei Partys sei er immer der gewesen, "der schon mit der Polizei ankam", erinnert er sich an die Jahre mit dem Personenschutz, eine zutiefst bedrückende Zeit, seine Jugend. Als Student machte Filbinger junior beim RCDS mit, er klebte Plakate für OB Rommel, später war er für die CDU im Bezirksbeirat in Stuttgart-Vaihingen, ihm als konservativ fühlendem Menschen kam das selbstverständlich vor.