Vor drei Jahren hat er auf seinem Haus eine Solar-Warmwasseraufbereitungsanlage anbringen lassen. Das Grüne habe in seinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Umwelt und Natur hätten für seinen Vater genauso zum Konservativen gehört wie Religiosität, sagt Filbinger. Das Haus in Freiburg, in dem er aufgewachsen ist, lag gleich am Wald, kein Zaun trennte den Garten von den Bäumen. Nie flog die Familie in den Süden, stattdessen ging es zum Wandern, Richtung Feldberg, oder im Winter zum Skilaufen in die Schweiz.

2007 kollidierten das Grüne und das Konservative zum ersten Mal: Die CDU war für den Bau eines Fernbusbahnhofs in Vaihingen, eine Folge des Bahnprojekts Stuttgart 21 . Filbinger war gegen beides, vor allem aber dagegen, dass mehr als 100 Busse am Tag durch Vaihingen rollen sollten. Erst wurde er gemaßregelt, später bestellte man ihn zu einem Termin und ließ ihn dann sitzen. Filbinger, den an der CDU schon länger das Hermetische gestört hatte, die mangelnde Bereitschaft, querzudenken und Querdenker zuzulassen, erklärte den Austritt aus der Partei, in der sein Vater 56 Jahre gewesen war.

Zum zweiten Meilenstein der Entfremdung zwischen Filbinger und der CDU wurde der Tod des Vaters 2008. Der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger nannte Hans Filbinger in seiner Trauerrede einen "Gegner des NS-Regimes". Die Wogen der Empörung schlugen hoch. Er selbst habe den Satz gar nicht so wahrgenommen, sagt Filbinger. Enttäuscht hat ihn, dass weder Oettinger noch sonst jemand aus der CDU danach auf die Familie zugekommen seien. Der Name Filbinger, so war sein Gefühl, auch später, wurde in der CDU nicht mehr gewollt, man schämte sich seiner.

Ob Oettingers Satz selbst richtig oder falsch sei, spiele für ihn keine Rolle, sagt Filbinger. "Das ist sein Thema, nur er wusste, was wirklich geschehen war", sagt er über seinen Vater. Es stehe ihm nicht zu, das infrage zu stellen, sagt der Sohn. Ist es nicht erstaunlich, dass er den Konflikt mit dem Vater beim Zweitheikelsten sucht, dem Autoritären, aber nicht am eigentlichen Punkt, wo doch Nationalsozialismus und das Autoritäre so eng zusammenhängen? "Ja", sagt Filbinger, da sei etwas dran. Als Berater sagt er oft den Satz: "Man kann einen Menschen nicht verändern, nur sein Verhalten." Filbinger junior hat sich dagegen entschieden, der Frage wirklich vollständig auf den Grund zu gehen, wer sein Vater war und wie er sich verhalten hat, weil das aus seiner Sicht hieße, das Thema seines Vaters zu seinem Thema zu machen, anstatt das eigene Leben zu leben. Es hieße, den Fehler des Vaters zu wiederholen und in der Vergangenheit zu leben. "Wo so viel Vergangenheit ist, da ist kein Raum für die Zukunft", sagt Filbinger.

Filbinger ist katholisch, wie Dregger, als er ein Kind war, ging die Familie jeden Sonntag zur Kirche, heute besucht er ungefähr viermal im Jahr die Messe. In St. Blasien ist er zur Schule gegangen. Als im vergangenen Jahr die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik wurden, fiel ihm wieder ein, dass schon zu seiner Zeit bis zu zehn Jesuiten "entsorgt" worden seien. Große Zweifel hat er da mal wieder bekommen und ernsthafte Probleme mit dem, was auch zu seinem konservativen Fundament gehört. Wo Dregger junior mit einem trotzigen "erst recht" reagiert, herrscht bei Filbinger junior der Zweifel.

Eine "durchweg positive Erscheinung" sei Hans Filbinger nach seiner Erinnerung, sagt Burkard Dregger. So genau erinnere er sich nicht an den Vorgang, aber nach seiner Kenntnis sei ein Militärgericht kein Spezifikum der Wehrmacht, so etwas habe es in allen Armeen gegeben. An den Fall Filbinger erinnert er sich insofern, als "ich sofort den Reflex hatte, dass es sich hier um eine Kampagne der Linken handelt, die einen Leuchtturm des Konservativen zu Fall bringen will". So redet Dregger, und man weiß nicht: Soll man den Mut bewundern, sich mit ausgebreiteten Armen in die Untiefen der politischen Korrektheit zu werfen, oder muss man diesen Mann vor sich selbst beschützen?

Eine Ikone des Konservativen, das war auch sein Vater. "Solange ich politisch denken kann", sagt Burkard Dregger, "war mein Vater Spitzenkandidat der CDU in Hessen." Als er sechs Jahre alt war, 1970, trat der Vater das erste Mal an, damals lag die CDU bei 26 Prozent. Alfred Dregger brachte sie im ersten Anlauf auf 39 Prozent. Bei der Landtagswahl 1982 sah es so aus, als könnte er endlich die Regierung stellen, doch dann verließ in Bonn die FDP die Koalition. Helmut Schmidt ließ in Hessen plakatieren: "Verrat in Bonn". Am Ende hatte Dregger fast die absolute Mehrheit, aber keinen Koalitionspartner. Zehn Minuten nach 18 Uhr trat er zurück. Für Burkard Dregger war es die erste Wahl gewesen, bei der er abstimmen durfte. Obgleich schon 18 Jahre alt, habe er sich an dem Abend von seinem Vater trösten lassen müssen, erzählt er.

Die Unwilligkeit, sich dem Vater wieder zu nähern, nachdem er sich von dessen Welt emanzipiert hat: Filbinger. Die Unfähigkeit, sich vom Vater zu distanzieren: Dregger.

Beide haben in den ersten Jahren ihres Erwachsenenlebens einen Bogen um die Politik gemacht, um sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, beide hat es dann doch in die Politik gezogen. Dregger beschäftigt sich nun mit den Folgen einer verfehlten konservativen Einwanderungspolitik, Filbinger freut sich auf den Wechsel nach 58 Jahren CDU in Baden-Württemberg und bearbeitet als Manager auch die Auswirkungen einer konservativ-liberalen Wirtschaftspolitik, die auf Flexibilisierung setzte und verwundert feststellte, dass sich ihr traditionelles Familienbild dabei aufgelöst hat.

Der eine will auf keinen Fall so werden wie sein Vater. "Ich will nicht groß rauskommen", sagt Matthias Filbinger. Der andere startet da, wo sein Vater begann. In Berlin steht die CDU bei etwa 21 Prozent, es sind ähnlich desolate Verhältnisse wie diejenigen, die sein Vater in Hessen übernahm. Beim letzten Mal hatte der SPD-Kandidat in Burkard Dreggers Bezirk 38 Prozent, der CDU-Mann 34. "Ich muss es irgendwie drehen", sagt Dregger. Als Anwalt berät auch Dregger oft Firmen, Sanierungsfälle. Sein Traum, sagt er, sei das Sanierungsmandat Berlin. Dass eine Stadt wie Berlin überall Schlusslicht sei, das sei nicht gottgegeben. Wie seinem Vater mangelt es auch der CDU an Koalitionsoptionen. Die Grünen, sagt Dregger, mit denen könnte man etwas machen. Und wenn es nicht klappt? Dann wird er mit seiner Frau eine Flasche Rotwein aufmachen und erst mal beraten. "Ich glaube nicht, dass ich mich aus der Politik verabschiede", sagt Dregger. "Es ist ein Abenteuer, aber ich tue das nicht nur zum Spaß."