In der Firmenkantine von Taifun ist es selbstverständlich, dass statt der Bratwurst ein Tofu-Wiener auf dem Teller liegt. Für dessen Verzehr gibt es gute Gründe: Seine Herstellung ist sehr viel besser fürs Klima als die von Schweineschnitzel und Rindersteaks. Bei der Fleischproduktion entstehen mehr giftige Klimagase als im Straßenverkehr. Dass die wertvolle Sojaernte bis zu 90 Prozent im Futtertrog von Tieren landet, ist eine unglaubliche Verschwendung. »Aus zehn Kilo Sojabohnen wird nur ein Kilo Fleisch«, rechnet Heck vor. Dagegen könne man aus einem Kilo Sojabohnen 1,8 Kilo Tofu machen.

Hört sich vernünftig an, stieß aber von Anfang an bei Fleischindustrie und »Fleischbeamten« – wie Drosihn sie nennt – auf erbitterten Widerstand. Schon Drosihns 1981 gegründetes Kollektiv Soyastern, eine »Freakwerkstatt wie alle Tofureien damals«, habe es nicht leicht gehabt. »Jede Woche bekamen wir eine neue Verbotsverfügung ins Haus«, erzählt er. Tofu sei ein »Milchimitat« und damit gesetzeswidrig.

Dabei wird Tofu nicht getrunken. Zwar werden Sojabohnen eingeweicht, püriert, gekocht und ausgepresst, aber am Ende ist Tofu ein bleicher, weißer Quader. Auch Nigari, ein Meersalzextrakt,das zur Gerinnung des Bohnensaftes dient, wurde verboten. Die Beamten verbarrikadierten sich hinter Lebensmittelvorschriften und ordneten sogar eine Polizeirazzia an, um ein paar Säcke Nigari zu beschlagnahmen. Erst seit 1989 und nach einer erfolgreichen Klage vor dem Europäischen Gerichtshof darf Tofu verkauft werden, ohne dass Sanktionen drohen.

Seitdem ist die Branche seriös geworden, obwohl Leute wie Drosihn ihr freches Image noch immer pflegen, etwa mit dem hauseigenen Musiklabel Tofumusic. Doch lustige Hippies, die verrückte Sachen machen – damit ist Schluss. Die Branche ist zwar idealistisch, aber durchaus geschäftstüchtig. Sie arbeitet hart.

Taifun betreibt sogar eigene Forschung. Gemeinsam mit der Uni Hohenheim in Stuttgart entwickelt die Firma mit klassischer Züchtung Sojasorten, die Kälte besser aushalten. Das ist schwer, denn es gibt kaum eine wärmebedürftigere Pflanze als Soja. Bislang wächst die deutsche Soja in den südlichen Regionen, wo auch Wein gedeiht. Man versucht, sich durch die Sojabohnen aus Bioanbau in Frankreich, Österreich, Italien und Deutschland unabhängiger von Brasilien zu machen, wo für den Sojaanbau der Regenwald falle. Die Soja, die dort in riesigen Monokulturen wächst, wird allerdings zu Viehfutter und nicht zu Tofu. Wieder geht es um die Konkurrenz zu Fleisch, die die Tofubranche bis heute prägt.

Damit die Firmen weiter wachsen, müssen aber noch mehr Kunden als bisher auf den Tofutrip kommen. »Normale Hausfrauen« etwa, die mittags eine »Tellerbeilage« suchten, wie Heck es ausdrückt. Elektrisiert von der Aussicht, diese Klientel zu erreichen, begibt sich die Tofubranche in eine gefährliche Nähe zum einstigen Lieblingsfeind Fleisch. Und zu dessen Verkaufslogik, nach der möglichst viel möglichst billig verkauft werden soll. So brutzelten die Hersteller auf der Biofach in Nürnberg Anfang des Jahres an ihren Messeständen vor allem Tofuwürstl und Schummel-Schnitzel. Nicht nur formal, auch geschmacklich lehnte man sich ans verpönte Fleisch an. Mancher Bratling war so extrem gewürzt, dass einem der Mund brannte wie nach einer Tüte Chips.

Wird so nicht einem Produkt das Wort geredet, dessen genaues Gegenteil man ist? »Die Form ist nur das Vehikel, um die Kunden zu überzeugen«, sagt Bernd Drosihn. Wichtiger sei der saubere und gesunde Rohstoff, der drinstecke, assistiert Wolfgang Rainer Heck. Doch so richtig überzeugend klingt das nicht. Fraglich, ob das Besser-Fleisch bei echten Tofukennern oder Fleischfans neue Anhänger. findet.

Was bleibt, ist der Verdacht, dass die Tofuwirtschaft nur weiter wächst, wenn sich ihre Produkte jenem Lebensmittel annähern, das sie am meisten bekämpft hat: Fleisch.