So schwer sieht das ja erst mal nicht aus, die paar Tatzenschläge quer durch die Oktaven, dann eine drängend kreiselnde Melodie über Sechsachtelwogen. Aber in Takt 54 rauscht in der rechten Hand eine Sechzehntelkette vom Himmel, und nach vier solcher Ketten hören die superschnellen Töne gar nicht mehr auf. Der Jüngling am Klavier scheint sich zu freuen. Die Hände sind zwei Tänzer, die Finger rechts fliegen so funkelnd durchs Finale von Chopins letzter Klaviersonate, als ginge es bei Bedarf gern auch noch schneller. Kein Rekordversuch, das ist Ausdruck. Da jagt ein Drama vorbei, in dem alles scharf gezeichnet ist, in dem Akzente aufhorchen lassen und das Leben sprudelt. So spielte, zu erleben auf YouTube, Ingolf Wunder, als er 20 Jahre alt war. 

Die Jury mochte das nicht, der junge Österreicher kam 2005 nicht mal ins Finale des Warschauer Chopin-Wettbewerbs, des härtesten und ältesten Klavierturniers der Welt. Fünf Jahre später, im vorigen Herbst, kam er wieder und überholte alle, auch die Siegerin. Dass der Publikumsliebling hinter der gleichaltrigen Russin Julianna Awdejewa auf dem zweiten Platz landete , löste fast so heftige Debatten aus wie einst der Rücktritt von Jurorin Martha Argerich , die damit aus dem Misserfolg ihres Favoriten Ivo Pogorelich eine Weltkarriere werden ließ.

Diesmal zog der Konflikt sogar weitere Kreise, denn die Wettbewerbskonzerte sind im Internet zu hören, zu sehen – und zu kommentieren. Und schließlich zeigte ein nächtliches Duell, zu dem sich die Moskauerin und der Klagenfurter in Ludwigshafen trafen, wie viel er ihr an Intelligenz und Poesie voraus hat.

Anschließend nahm die Deutsche Grammophon den Pianisten unter Vertrag. Ein Steilstart für einen, der erst mit vierzehn Jahren anfing. Zu steil vielleicht? Wer sich die Chopin-CD anhört, mit der Ingolf Wunder beim Edellabel debütiert, der stutzt beim ersten Stück, Chopins letzter Sonate, opus 58, h-Moll. Das ist ja alles sehr gediegen, ausgewogen, da sitzt jeder Ton, aber muss ein Ton sitzen? Wo ist Wunder, der getriebene, treibende, hypersensible, sich in die Noten stürzende, mitreißende Klaviertänzer, der mozartische Überflieger, der romantische Dramatiker? Warum, zum Beispiel, nimmt er das Scherzo, molto vivace , fast gemütlich? "Weil ich das immer viel zu schnell gespielt habe", sagt Wunder. "Es war mir wichtig, eine klassische Interpretation zu liefern. Ich wollte den Mix finden, dass man die Freiheit drinhat, es aber nicht extrem wird."

Er war ein Spätzünder und kam erst mit 14 Jahren zum Klavier

Warum will ein 25-jähriger Pianist, der alles realisieren kann, was ihm vorschwebt, nicht "extrem" sein, schleift der h-Moll-Sonate alle Kanten ab und nimmt dem Finale die Dramatik, die er ihm schon einmal gab? Um das zu verstehen, muss man die Spätzündung einer singulären Begabung verfolgen. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr war Ingolf Wunder der passabel, aber nicht leidenschaftlich Geige spielende Sohn eines Kärntner Lehrerehepaars. "Es war eine normale Kindheit, ohne Druck." Irgendwann lauschte er mit Interesse dem Klavierspiel seines großen Bruders und begann sich selbst ein paar Stücke zurechtzufingern. "In Klagenfurt im Konservatorium war ein kleiner Saal im vierten Stock, da hab ich mal vor meinem Geigenunterricht am Klavier gespielt, nur für mich, und zufällig hat mich Horst Matthaeus gehört."

Der österreichische Meistermacher fand den Knaben auffällig, nahm mit ihm und den Eltern Kontakt auf, "wir haben gleich am Klavier zu arbeiten begonnen, drei Stunden, ich war Feuer und Flamme". Es stellte sich heraus, dass Wunder alles spielen konnte. "Technisch hatte ich nie Probleme, das war lustig." Er begann gleich mit Liszt, "meine erste Liebe". Sein Lehrer ließ ihn Aufnahmen hören, "die hab ich imitiert und hatte Riesenspaß dabei: So würde es Horowitz spielen, so Richter, so Rubinstein." Als man ihn mal fragte, warum er eine Etüde so schnell spiele, sagte er: "Ja, weil ich’s kann."

Neun Monate nach Beginn des Unterrichts gewann Wunder den ersten kleinen Wettbewerb und beschloss, Konzertpianist zu werden. "Crazy, dass meine Eltern das unterstützt haben. Sie haben es sogar irgendwie geschafft, mir einen Steinway zu kaufen." Rausch der Verwandlung: Das Coming out als Pianist, die Entdeckung eines Universums und der eigenen Kraft, die Suche nach künstlerischer Identität – die bildet sich auch bei Höchstbegabten nicht so schnell heraus wie Virtuosität und der Sinn für die Strukturen einer Musik. Wunder fand Halt in der großen polnischen Klaviertradition, bei Adam Harasiewicz. Der Pole, Jahrgang 1932, empathisch auf Chopin eingeschworen und eher ein Geheimtipp, ist ein Ururenkelschüler des Komponisten, hatte aber selbst keine Schüler.

Bis Wunder kam. Unterricht im üblichen Sinne gab er ihm nicht. "Wir haben eigentlich nur füreinander Klavier gespielt." Sie kommentierten und imitierten. Harasiewicz versuchte, das Scherzo der h-Moll-Sonate so schnell zu spielen wie Wunder, der wiederum "kam zur Auffassung, dass ich’s langsamer haben wollte. Singend, melodisch." Auf der CD kann man das nachhören. Es stimmt schon, die raschen Achtel formen schöne Bögen. Aber könnte, egal in welchem Tempo, nicht auch heitere Dämonie darin sein, Unberechenbarkeit? So etwas hörte man, als Wunder in Ludwigshafen spielte. Er bekennt, dass er im Konzert "in einer freieren Stimmung" sei als im Studio. Seine Aufnahme klingt teilweise, als imitiere er jetzt mal seniorales Sentiment. 

"Ich bin gespalten in Chopin und Liszt", sagt Ingolf Wunder

Er will seinen Chopin "singend, weich, nobel, immer in Balance", Arthur Rubinstein ist seine "Nummer eins". Bei Rubinstein hört man indessen auch eine Intensität der Reife, die Wunder gar nicht bieten kann und muss, er hätte anderes zu sagen. Bei Chopin interessiert ihn besonders die Frage der Identität. "Durch und durch Pole" sei der. "Er konnte nicht nach Polen zurück, obwohl er wollte. Darum ist seine Musik so leidend schön, aus Sehnsucht nach etwas, das er nicht haben konnte." Sie hat aber auch Pariser Esprit und Doppelbödigkeit, und das alles steht Wunder zu Gebote. Man hört das auf der CD in Opus 22. Im Mittelteil des Andante spianato gelingt ihm eine Innigkeit, die die Zeit stillstehen lässt, in der Polonaise werden Sextenkaskaden in feinem Übermut die Treppe hinabgeschubst, die Ornamentbögen schwingen ins Grenzenlose aus und wirken zugleich wie Gesten, in denen beiläufig das Wesentliche umrissen wird.

Es fasziniert Wunder, dass Chopin Auftritte scheute, im Gegensatz zur Rampensau Liszt. Liszt sei so: "Ich mach’ das, weil’s cool ist, ja? Weil ich’s kann, ja?" Er lacht. "Ich bin ein bisschen gespalten in Chopin und Liszt." Wenn er auf dem Podium sitzt, völlig in die Musik versunken, Töne mitsprechend und ihnen nachblickend, und gleichzeitig dem Publikum ganz nah, sind sie beide da. Dann ist eigentlich alles da, man fragt gar nicht nach Identität. Im Studio scheint er mitunter auf den Professor aus Wien zu hören, der ihm mal sagte: "Du spielst zu laut, zu leise, zu langsam und zu schnell." Da sei er halt noch jung gewesen, meint Wunder, er habe in allem übertrieben. Manchmal gibt es ihn ja auch, den goldenen Mittelweg. Nur nicht für einen poetischen Exzentriker, der eines Tages aufwachte und feststellte, dass er Klavier spielen kann.