Der beste Leser

James Wood ist der berühmteste Literaturkritiker der Welt. Als berühmtester Literaturkritiker der Welt ist man kein Star (es ist also nicht schlimm, wenn Sie, lieber Leser, von seinem Namen noch nie gehört haben), aber doch eine Autorität, deren Wort in vielen Ländern Gewicht hat. Wood schreibt für den New Yorker , und sein Ansehen ist deshalb grenzüberschreitend, weil man eben nur als anglofoner Literaturkritiker über die Sprachgrenzen hinweg sich einen solchen Ruf erwerben kann. Vielleicht sitzt der geistreichste Literaturkritiker der Welt in São Paulo – wir werden es vermutlich nie erfahren.

Es ist ausgesprochen reizvoll zu beobachten, wie in anderen Ländern und Sprachen über Literatur geredet wird. Sind unsere eigenen Maßstäbe möglicherweise provinziell? Gibt es tatsächlich auch im Werturteil so etwas wie Weltliteratur oder sind unsere Geschmacksurteile kulturrelativ? Hat das Ausland einen anderen Blick auf die deutsche Literatur? Was heißt es für unser eigenes kritisches Selbstverständnis, dass der Rest der Welt die deutsche Literatur vor allem durch die drei Namen Thomas Bernhard , W. G. Sebald und Peter Handke verkörpert sieht? Aber auch: Gibt es woanders eine andere Art der Lektüre und Sprachbeobachtung?

James Wood, Jahrgang 1965, hat ein Buch geschrieben, das jetzt auch auf Deutsch vorliegt: Die Kunst des Erzählens. (Die deutsche Ausgabe ist mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann versehen.) Das Buch hat es in sich, weil es wirklich am Text arbeitet und die großen Fragen der Literatur an der einzelnen konkreten Textstelle überprüfbar macht. Man könnte auch sagen: Nachdem man James Wood gelesen hat, beschleicht einen als Literaturkritiker das ungute Gefühl, bisher aus Düsenjet-Perspektive über die Textlandschaften hinweggeflogen zu sein, weshalb die Reiseeindrücke vor allem aus Achttausendern bestehen, die einem auch aus der Ferne und bei hoher Geschwindigkeit ins Auge springen. James Wood hingegen ist mit einem kleinen, wendigen Helikopter unterwegs. Er kann nah heranfliegen und uns genau berichten, über welchen Felsvorsprung der Wasserfall der Worte in die Tiefe stürzt. Die Kunst des Erzählens ist eine Schule des close reading . Es gemahnt uns daran, mehr über die Form als über den Inhalt nachzudenken.

Eine normale Literaturrezension liest sich ungefähr so: "Der Autor XY greift in seinem neuen Roman das Thema des internationalen Terrorismus auf, und indem er eine Geschichte über eine Einwandererfamilie erzählt, ist sein Buch auch ein bewegendes Plädoyer für eine Welt, in der die Kulturen miteinander ins Gespräch kommen." Das ist literaturkritisch natürlich völlig irrelevant. Groß ist die Literatur nämlich nicht, weil sie dieses oder jenes Thema aufgreift, sondern weil ihr in ihrem sprachlichen Ausdruck ein Moment der Intensität, der Überraschung, der Verfremdung oder der Schönheit gelingt.

Intuitiv sind wir uns alle einig, dass James Joyce’ Erzählung Die Toten mit einem tollen ersten Satz loslegt: "Lily, die Tochter des Verwalters, musste sich buchstäblich die Beine ablaufen." Aber was macht diesen Satz so körnig, so lebendig? James Wood zeigt an ihm den raffinierten Einsatz der Figurenrede. Wirklich "buchstäblich" kann sich ja niemand die Beine ablaufen, weshalb das Adverb eben keines der Erzählerstimme ist, sondern direkt von Lily souffliert wurde, von der man sich vorstellen kann, wie sie ihren Freundinnen berichtet: "Ich musste mir buch-stäb-lich die Beine ablaufen." Hier findet also ein höchst beiläufiger, äußerlich nicht markierter Wortaustausch zwischen dem Autor und seiner Figur statt. Während der Satz sonst dem Erzähler gehört, meldet sich mit diesem Adverb Lily selbst zu Wort.

Es ist zu einer immer radikaleren Verschmelzung von Autor und Figur gekommen

Vielleicht werden Sie, lieber Leser, jetzt sagen: "Schön und gut, aber bei aller Freundschaft: Wegen solcher Bagatellen lese ich doch keine Literatur!" Wenn Sie sich da mal nicht täuschen! James Wood vertritt die These, dass sich die moderne realistische Erzählkunst gerade entlang der geschickten Herausbildung der Figurenrede entwickelt habe. Einst gab es den Monolog auf der Bühne, bei dem sich die Figur ans Publikum wendet, um ihre Gedanken mitzuteilen. Ein nächster Schritt war der innere Monolog (wie ihn Tolstoj so hingebungsvoll betreibt), bei dem eine Figur ihre Gedanken in wörtlicher Rede zum Besten gibt. Der innere Monolog wurde durch die Figurenrede abgelöst, die sich auf subtilere Art in das Bewusstsein der Protagonisten einschmuggelt, bis es zu einer immer radikaleren Verschmelzung von Autor und Figur gekommen ist – Wood sieht den für ihn bedenklichen Gipfel dieser Entwicklung in David Foster Wallace’ Erzählung TV der Leiden , wo der Medienjargon komplett die Macht über die Romansprache übernommen hat.

Flaubert schrieb einmal: "Ein Autor muss in seinem Werk wie Gott im Universum sein, überall anwesend, aber nirgendwo sichtbar." Das ist ein knackiger Satz, aber er ist zu eindimensional. Wood vertritt keine teleologische Position. Für ihn ist Figurenrede nicht per se avanciert, auktoriales Erzählen hingegen reaktionär. Deshalb weist er auch das mechanische Argument zurück, dass in Literaturrezensionen so häufig zu lesen ist, dass die Sprache einer Figur über deren intellektuellem Niveau sei. Ja, sagt Wood, das kann ein Problem sein, aber wenn der Autor ganz in seiner Figur aufgeht, ginge uns auch vieles verloren: "Bei Shakespeare klingen die Charaktere nach sich selbst, aber immer auch nach Shakespeare. Es ist nicht wirklich Cornwall, der im König Lear Gloucesters Auge ein ›schnödes Gallert‹ nennt, bevor er es ihm aussticht, sondern Shakespeare, der ihm diese Wendung geliefert hat."

Aber was hat diese philologische Beschreibung von Erzählhaltungen mit Literaturkritik zu tun? Sehr viel. Für Wood steht am Anfang des modernen realistischen Erzählens Flaubert. Alles, was heute state of the art ist, findet sich bei Flaubert bereits ausgebildet. Die kalte Beobachtung. Der kamerahafte Blick. Die Fetischisierung des Details. Der Verzicht auf Kommentierung. Je genauer man sich von diesen Mitteln Rechenschaft ablegt, desto klarer sieht man, dass es auch eine ästhetische Ideologie des Realismus gibt. Zum Beispiel die überragende Bedeutung des Details für den Realismus. Dabei ist das erzählerische Detail ja keineswegs sui generis ein Garant für Wirklichkeitsbezug. Es suggeriert viel mehr Authentizität – und wird deshalb in der Trivialliteratur längst hypertroph eingesetzt, um das zu erzeugen, was Roland Barthes die "referenzielle Illusion" nannte. In jeder Reportage lesen wir heute: "Der Schauspieler gab kräftig Zucker in seinen Cappuccino, bevor er antwortete."...

Vom Phänotyp her hat James Wood nichts mit dem deutschen Literaturkritikerbild zu tun, wie es vor allem durch Alfred Kerr und Marcel Reich-Ranicki geprägt wurde: Er ist, obgleich urteilsstark, deutlich mehr Philologe als Polemiker. Der berühmteste Literaturkritiker der Welt ist also ziemlich genau das exakte Gegenbild zum berühmtesten Literaturkritiker Deutschlands.