Wer nach Halberstadt in Sachsen-Anhalt fährt, zur fast leeren St.-Burchardi-Kirche, und dort einfach nur dem Klang lauscht, der könnte glauben, die Zeit stünde still. Ein stetiger Akkord dringt aus den Orgelpfeifen, pausenlos, rund um die Uhr. Das langsamste Konzert der Welt, ein Standbild.

Der Eindruck täuscht. Auf St. Burchardi steht die Zeit nicht still. Sie rast seit jenem Abend des 5. September 2001, an dem sich eine feierlich gestimmte Menge in der Ruine versammelt hatte, um den Beginn einer musikalischen Aufführung zu erleben, die in der Geschichte ohne Beispiel ist: ein kurzes Orgelstück so zu spielen, dass es länger dauert als ein Menschenleben. Die Interpretation ist angelegt auf 639 Jahre. Manch einer tippte sich damals gegen die Stirn: Selbst wenn kein Organist auf einer Bank sitzt, sondern Sandsäckchen die Tasten fixieren – wie will man das durchhalten? Und wer soll das hören? Was für ein Quatsch!

Und nun, in diesem Sommer, sind zehn Jahre herum. Die Orgel tönt immer noch Tag und Nacht , ohne dass es eine Unterbrechung gegeben hätte. Mehr und mehr Besucher strömen in die täglich außer montags geöffnete Ruine, und jeder der seltenen Tonwechsel wird in öffentlicher Veranstaltung zelebriert. Am Freitag, dem 5. August, um 20 Uhr soll es zum elften Mal so weit sein.

Die Skeptiker sind müde geworden. Aber darf man von einem Erfolg sprechen? Was sind schon zehn Jahre, wenn 629 bleiben?

Gegeben wird Organ²/ASLSP, ein Werk von John Cage, einem Amerikaner, der nie in Halberstadt war . Im Jahre 1985 komponierte er nach dem Zufallsprinzip zunächst eine Klavierfassung des Stückes, der Legende nach für einen Schüler, der vorspielen sollte. Cage, der Anarchist , der als Prüfung allein das Schicksal akzeptierte, soll dem Zögling die Spielanweisung As SLow aS Possible mit auf den Weg gegeben haben, so langsam wie möglich, um ihm die Sache zu erleichtern.

Der weitere Fortgang – wie das Werk 1987 auf die Orgel übersprang, 1998 in Trossingen diskutiert wurde, rechtzeitig zur Jahrtausendwende nach Halberstadt kam – ist so kniffelig wie kurios. An eine ewig währende Darbietung dieses bei der Uraufführung auf der Orgel keine halbe Stunde dauernden Stückes hatte der Komponist gewiss nie gedacht. Cage starb 1992, lächelnd womöglich.

Das Halberstädter Projekt erwuchs aus der Frage: "Was heißt so langsam wie möglich für ein Orgelstück?", und ohne die folgende Diskussion noch einmal erzählen zu wollen: Die Zahl derer, die für sich in Anspruch nehmen, die Frage als Erster gestellt zu haben, ist über die Jahre größer geworden. Ein Kind des Zufalls mit vielen möglichen Vätern – wenn das keine Zukunft hat!

Besucht man St. Burchardi unter der Woche, kann man den Klang zumeist in Ruhe genießen. Man sieht das Mauerwerk der tausend Jahre alten Kirche, die einst zu einem Kloster zählte, unter Napoleon säkularisiert wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg als Schweinestall diente. Die Wände sind fleckig und abgeschilfert; durch die Fenster fällt schwaches Licht, die Bäume davor schwenken ihr Laub, es zieht.

Momentan ertönen as', a', c'' und fis''; schließt man die Augen, setzt sich der ätherische Akkord in Bewegung, scheint zu schwanken, zu flirren, einen Rhythmus zu entfalten. Manche Hörer lassen sich abends einen Schlüssel geben und verbringen Stunden hier. Was hören sie? Das Summen Gottes?

Cage mutet seinen Jüngern einiges zu

Es wäre nicht zu verwechseln mit der lebhaften Stimme von Margot Dannenberg . Die Hausmeisterin auf St. Burchardi weckt in Zögerlichen, die "nur mal so" vorbeikommen, erste Begeisterung, und die schon Neugierigen füttert sie mit immer neuen Cage-Geschichten. Journalisten und Fernsehteams entzückt sie mit Anekdoten aus dem laufenden Betrieb. Kirchenchöre seien schon da gewesen, hätten spontan zum Akkord gesungen. Und dann eine Dame, die sei 103 gewesen. "Und gestern eine Gruppe Motorradfahrer, rustikale Jungs, etwas älter, man sah es am Kaufpreis der Maschinen, aus Frankfurt am Main, die waren extra hergefahren!" Auch Tiere kämen, aber nicht immer hinein: "Man sieht, welche Hunde aus Musikerfamilien stammen, die machen alles mit. Die anderen Hunde hören den Ton, kneifen den Schwanz ein und warten an der Tür, obwohl sie eigentlich doch reinwollen, weil es hier so toll riecht, war ja mal ein Schweinestall."

Frau Dannenberg ist die einzige bezahlte Mitarbeiterin der John-Cage-Orgel-Stiftung; alle anderen Mitstreiter in Vorstand, Kuratorium und wissenschaftlichem Beirat sind ehrenamtlich tätig. Das Projekt lebt allein von Spenden. Es braucht Enthusiasmus dafür; Frau Dannenberg ist er über die Jahre zugewachsen.

An ihren freien Tagen, erzählt sie, lasse sie zu Hause Wasser in die Wanne und nehme ein entspannendes Bad. Dazu höre sie die CD-Kurzfassung des längsten Konzertes der Welt, aufgenommen auf einer Orgel aus dem Jahre 1746. "Leiser!", würde ihr Mann dann schon mal rufen, oder: "Tür zu!" Dabei zeige er sonst viel Verständnis.

Cage mutet seinen Jüngern einiges zu . Im Herrenhaus neben der Kirche, dem Stiftungsbüro, platzte in der Frostnacht auf den 25. Dezember 2010 ein Rohr unterm Dach. Aus den Decken des wohl 180 Jahre alten Gutsgebäudes, das nach dem Zweiten Weltkrieg erst russische Kommandantur war und später verstrahlte Kinder aus Tschernobyl beherbergte, tropfte der Lehm. Dannenbergs verschoben ihre Weihnachtsgans auf Ostern.

Im Nachhinein hatte der Schaden auch ein Gutes: Als man die Bodenbeläge aus Sprelakat, dem DDR-Hartplastik, hochnahm, kamen herrschaftliche Eichendielen zum Vorschein. Sie werden jetzt restauriert und bilden einen dialektischen Gegensatz zu den realsozialistischen Kronleuchtern an der Decke. "Und wir hatten immer gedacht, die Bohlen hätten die Russen damals verheizt."

So ist das Halberstädter Langzeitorgeln eingebettet in widersprüchliche, gelegentlich umzuschreibende Vergangenheiten. Auch das Projekt selbst hat inzwischen Geschichte, die unterschiedlich erzählt und gedeutet wird. Einige Gründerpersonen sind verstorben wie der Stadtpräsident Johann-Peter Hinz, der den Halberstädter Rat für das Projekt gewann, oder der Berliner Musikpublizist Heinz-Klaus Metzger, der Cage persönlich gekannt hatte. Manche sind im Streit ausgeschieden wie der Tunnelbauingenieur Michael Betzle, der zu Beginn immer eine Fuhre Kies hatte, wenn man sie brauchte. Andere haben sich hinzugesellt wie der Geschichtsdidaktiker und Sozialwissenschaftler Rainer Neugebauer, der als Gründungsdekan der Hochschule Harz nach Halberstadt kam.

Neugebauer, der am Domplatz in der früheren Stadtbibliothek zwischen 25.000 eigenen Büchern lebt, ist zurzeit eine treibende Kraft des spirituell-philosophischen Projektes. Mit dröhnender Stimme aus rauschendem Bart zitiert er Walter Benjamin: "Immer radikal, niemals konsequent." Stundenlang kann man sich mit ihm über die Feinheiten der Aufführung unterhalten und über alles andere auch, ganz entspannt, denn "die Welt ist groß genug, dass wir alle darin unrecht haben können!" Der Satz sei übrigens von Arno Schmidt.

Dem Kuratoriumsvorsitzenden Neugebauer schräg gegenüber wohnt und arbeitet der Architekt Christof Halleger, der mit einem Förderverein Geld für das Projekt einwirbt. Die beiden reiferen Herren sind entschlossen, die Aufführung fortzusetzen, solange sie können. Den gelegentlichen Spott aus der Stadt – "das sind die verrückten Millionäre vom Domplatz, die da tuten" – ertragen sie mit Fassung und einem gewissen Stolz.

Halberstadt kann solches Engagement gut brauchen. Die kleine Fachwerkstadt steckt in einer großen Finanzkrise. Unternehmen schließen, Bevölkerung wandert ab, und gerade weiß keiner, wie man all das bezahlen soll, was den Ort über den Durchschnitt hebt. Denn wenn es kein Theater, keine Oper, kein Ballett mehr gibt, wenn die Straßenbahn stillgelegt wird, und wer weiß, was noch alles unter den Sparzwang gerät, dann wird die Stadt schon gar keine neuen Bürger anlocken.

Zu Cage aber kommen sie, aus Amerika, aus Kanada, aus Österreich; vier Filme sind inzwischen entstanden, ein Buch. "Das John-Cage-Projekt ist immer im Fokus von irgendjemandem gerade", sagt Christof Halleger. Und wie alle anderen glaubt auch er, dass es nur durch den besonderen Geist von Halberstadt existiert.