Die Justiz ist weiblich

Klischees sind häufig sehr zählebig, die Realität kann ihnen nur wenig anhaben. Hartnäckig hält sich etwa die Vorstellung, in den Gerichtssälen des Landes seien es hauptsächlich Männerstimmen, die im Namen der Republik den Buchstaben des Gesetzes zu Anwendung bringen. Die Richterschaft, ob nun gnadenlose Paragrafenfuchser oder verständnisvolle Rechtspfleger, auf alle Fälle handle es sich um lauter Herren im schwarzen Talar. Doch das war einmal.

In der österreichischen Justiz geben Männer aber seit geraumer Zeit nicht mehr den Ton an, die Mehrheit im Richterstand ist weiblich. Eine Claudia Bandion-Ortner, die das Verfahren gegen die Bawag-Pleitiers leitete, oder eine Sonja Arleth, die Wiener Neustädter Einzelrichterin in dem grotesken Verfahren gegen 13 Tierschützer, sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Die Richterin – nach Friseuse, Kindergärtnerin und Lehrerin der neue Frauenberuf einer Gesellschaft im Umbruch? "Ja, wir erleben eine Verweiblichung dieses Berufs", sagt Irmgard Griss, Präsidentin des Obersten Gerichtshofs.

Im Justizministerium wird das bestritten. Dass über die Hälfte der Richter weiblich sind, entspreche "einfach dem Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung", behauptet Dagmar Albegger, Ministeriumssprecherin und selbst Richterin. Derzeit stimmt das noch, doch hält der Trend weiter an, wird es nicht lange bei der Geschlechterparität bleiben. In den letzten Jahrzehnten nahm der Frauenanteil stetig zu. Zu Beginn der achtziger Jahre war noch nicht einmal jede zehnte Richterstelle mit einer Frau besetzt (in Tirol nur jede zwanzigste). Vor zehn Jahren lag der Frauenanteil bereits bei 35 Prozent. Heute sind es 51 Prozent, beim Richternachwuchs gar 68 Prozent.

Barbara Helige erinnert sich noch an jenen Tag im Jahr 1981, als ein angesehener Hofrat des Obersten Gerichtshofs ihr geflissentlich mitteilte: "Wenn es nach mir ginge, dann würden Sie jetzt nicht hier sitzen." Hier, das war das Oberlandesgericht Wien, jener Ort, wo angehende Richter ausgesiebt werden. Helige, damals 25 Jahre alt und auf dem besten Wege, Richterin zu werden, verstand nicht ganz und fragte nach. "Wissen Sie", erklärte der Hofrat, "mehr als fünf Prozent Frauen, das verträgt die Justiz nicht."

Heute leitet Barbara Helige das Bezirksgericht Döbling. Zehn Jahre lang war sie auch Präsidentin der Richtervereinigung. Über den Ausspruch des Hofrats lächelt sie heute, damals wog er schwer. "Ich war baff, mir hat es die Red’ verschlagen." Schließlich konnte ebendieser Hofrat noch wenige Jahre zuvor darüber entscheiden, wer sich als Richterkandidat eigne und wer nicht – es war nicht schwer zu erraten, wer in seinen Augen als ungeeignet galt. "Erst unter seinem Nachfolger hatten Frauen eine realistische Chance, Richterin zu werden", erinnert sich Helige. Nicht nur die Amtsträger pflegten ihre misogyne Attitüde, auch das System war frauenfeindlich – oder zumindest elternfeindlich. Wer in Karenz ging, konnte sich nicht vertreten lassen, die Kollegen mussten die zusätzliche Arbeit nebenher erledigen. "Das hat eine extrem schlechte Stimmung erzeugt", sagt Helige. Mit anderen Worten: Junge Frauen waren am Gericht unerwünscht.

Das Richteramt hat den Ruf, sehr familienfreundlich zu sein

Anfang der neunziger Jahre wurden Karenzvertretungen zugelassen, und von 1997 an war es möglich, in Teilzeit zu arbeiten. Leonore Theuer weiß das zu schätzen. Die vierfache Mutter aus Wien urteilt seit sechs Jahren am Bezirksgericht Meidling über Mietstreitigkeiten und Exekutionen. Ihre Zukunftsvorstellungen beim Studienabschluss sahen anders aus. Umweltrecht war ihr Spezialgebiet, und sie sah sich als Juristin "in der Privatwirtschaft, im Ministerium oder im Umweltbundesamt" Karriere machen. Dann begann sie "aus Neugier" das Gerichtsjahr und unterzog sich "versuchsweise" dem mehrstufigen Aufnahmeverfahren. "Ich bin weiter und weiter gekommen und irgendwie hängen geblieben", sagt sie heute. Dass sie schwanger wurde und Zeit fürs Baby brauchte, spielte wohl mit. Richter sind unabhängig – nicht nur in ihren Urteilen, sondern auch in ihrer Zeiteinteilung. "Mir fällt kein Job ein, wo man sich alles so frei einteilen kann", schwärmt Theuer. Ihre Verhandlungen pflegt die 40-Jährige um neun Uhr anzusetzen – davor schmiert sie Jausenbrote für die zwei Schulkinder und bringt die beiden Jüngeren in den Kindergarten.

"Wo Frauen hindrängen, ziehen sich Männer zurück"

Dem Richteramt eilt unter jungen Juristinnen der Ruf voraus, besonders familienfreundlich zu sein. Aber stimmt das? Charlotte Schillhammer, Vizepräsidentin der Richtervereinigung und selbst Mutter, schüttelt heftig den Kopf. "Das ist ein Trugschluss." Schillhammer ist Richterin am Handelsgericht I in Wien, derzeit bearbeitet sie siebzig Fälle parallel. Nicht nur abends, auch an Feiertagen muss sie Akten durchackern. Eine Woche mit 38 Arbeitsstunden ist im Leben der 47-Jährigen ein exotisches Vergnügen. Meist sind es mehr als 45 Stunden. Jene Richter und Richterinnen, die nur in Teilzeit arbeiten, müssen später dafür bezahlen – mit einer reduzierten Pension und verschenkten Karrierechancen. 

Die Ursachenforschung für den Geschlechterwandel in ihrem Berufsstand, meint Schillhammer, erfolge aus der falschen Perspektive: "Ich frage nicht, warum es so viele Frauen sind. Sondern: Warum sind es so wenige Männer?"

"Die Männer werden Anwalt oder gehen in die Privatwirtschaft, um Geld zu verdienen", glaubt Helige. "Verglichen mit einem guten Anwaltshonorar, ist ja selbst das, was ein Richter am Obersten Gerichtshof verdient, ein Klacks." Zwar kommen viele Anwälte ihr Leben lang nie in den Genuss solcher Spitzenhonorare. "Aber als junger Jurist geht man ja nicht unbedingt davon aus, dass man es nicht schaffen werde", meint die Richterin.

"Manche Anwälte verdienen an einem Tag so viel wie ich im ganzen Monat", erzählt auch Theuer. Das Salär der Richter dünnt hingegen in Relation aus. Überstunden bleiben unbezahlt, auf dem Konto landet monatlich eine Pauschale, die nicht unterscheidet, ob man gerade über einem Verkehrsunfall oder einem aufwendigen Verfahren brütet. Da Planstellen nicht nachbesetzt wurden, steigt die Arbeitslast beständig – und der Stundenlohn sinkt somit immer weiter.

"Wo Frauen hindrängen, ziehen sich Männer zurück", sagt die Richterin

Der magere Verdienst mag Männer davon abhalten, Richter zu werden. Warum aber schreckt er Frauen nicht ab? Die Politikwissenschafterin Birgitt Haller fand heraus, dass Frauen den Job am Richtertisch häufig als sozialen Steigbügel betrachten. War es früher der Oberschicht-Sohn, der, dem Beispiel des Vaters folgend, in den Talar schlüpfte, so ist es heute die Tochter aus der Mittelschicht, die aus dem Milieu ihrer Eltern aufsteigen möchte.

In einem Punkt scheinen sich liberale und konservative Frauen in der Justiz einig zu sein: Der hohe Frauenanteil sei kein Anlass, über einen weiteren Erfolg der Emanzipation zu jubeln. Birgitt Haller ist deklarierte Feministin, doch die weibliche Dominanz im Richterberuf lässt auch sie nicht frohlocken. "Jeder Beruf, in dem viele Frauen tätig sind, wird in unserer Gesellschaft abgewertet", sagt sie. "Die Justiz ist eine wichtige Säule des Staates, als Friedensstifterin, als Strafen-Aussprecherin." Verliere die Rechtspflege an Ansehen, habe das fatale Folgen. "Mir wird schlecht, wenn ich mir vorstelle, ein Gerichtsurteil könnte eines Tages grundsätzlich nicht mehr anerkannt werden."

Charlotte Schillhammer meint, eine "traurige Entwicklung" beobachten zu können: "Wo viele Frauen hindrängen, ziehen sich die Männer zurück." Auch Barbara Helige hält den geringeren Männeranteil für "bedenklich": "Es ist ein Grund zur Sorge, wenn ein Teil der Bevölkerung sich in der Justiz immer weniger vertreten fühlt."

Doch auch die Justiz kennt jene gläserne Decke, die Frauen den Aufstieg in die Topetage verwehrt. Die höheren Ebenen der Rechtsprechung sind noch am ehesten eine männliche Domäne. Vor allem die obersten Gerichte. Im Verfassungsgerichtshof ist nicht einmal jedes dritte Vollmitglied weiblich, im Verwaltungsgerichtshof liegt der Frauenanteil überhaupt bei dürftigen 19 Prozent. Manche Juristen meinen gar, die diffuse Angst vor der Verweiblichung des Richteramts habe bereits Früchte getragen, und es werde nun wieder verstärkt versucht, den Männeranteil zu heben. Tatsächlich blieb der Frauenanteil beim Nachwuchs in den letzten Jahren konstant – was nichts daran ändern wird, dass schon bald Frauen zwei Drittel der Urteile in den Gerichten sprechen werden.

Auf die Rechtsprechung wirke sich die Geschlechtsumwandlung des Berufes allerdings nicht aus, meinen die Praktikerinnen. Frauen wie Männer folgten in ihrer Urteilsfindung gleichermaßen ihrer ideologischen Grundausrichtung.

Dennoch halte sich beharrlich das Vorurteil, eine Frau Rat sei eben doch mehr Frau als Richterin, erzählt Helige, die oft mit Scheidungspaaren zu tun hat. "Sie stehen sowieso auf der Seite meiner Frau", höre sie manchmal von Männern. Vielleicht beschleiche Frauen, die vor einem männlichen Richter sitzen, ein ähnliches Bauchgefühl. "Aber die würden so etwas nie sagen."