Bevor der Tag die Nacht übernimmt, hat diese Stadt ihren zärtlichsten Moment. Auf der abgeschrägten Betonschalenbrüstung über dem Karaalioğlu-Park sitzend, sieht der Nachtschwärmer, wie alles jenseits des sichelförmigen Saums der langen Bucht den Ausdruck wohliger Erschöpfung angenommen hat. Im Park blüht Oleander, und unterhalb der Brüstung, zwischen zwei Büschen auf dem Rasen, liegen turtelnde Pärchen in Shorts und Sneakers. Über dem einstigen römischen Leuchtturm Hdrlk Kules zittert die türkische Flagge im Morgengrauen.

Fünf Uhr früh bei 32 Grad, für Antalya angenehm kühl. Von fern hallen die letzten Beats aus der Altstadt, vom Hafen und dem Konyaalt-Strand herüber, während die Laternenlichter an Kraft verlieren und die noch unsichtbare Sonne die Zinnen des Bey-Dağlar-Gebirges mit einem sagenhaften Rostrot tönt. Bevor die unbarmherzige Hitze gleich wieder zuschlagen wird, ist diese friedliche Wärme da, orangefarben, ocker, sanft, und die Luft ist so feucht, dass auf allem ein Dunstfilm liegt.

Acht Stunden zuvor, Samstagabend, 21 Uhr.

In Haus Nummer 27 der Imaret Sokak finden gleichzeitig zwei kleine Konzerte statt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Vater und Sohn Sacik, alte und neue Generation der Türkei, sind die Herren im Gebäude. In der rechten Hälfte des mit einem osmanischen Erker verzierten Altbaus führt der Vater das Jungle Meyhane, wo es Meze auf Vorspeisentellern gibt, Raki und Fasl, klassische ottomanische Volksmusik. Der Sohn ist Chef des Jungle Pub in der linken Hälfte des Hauses, wo an diesem Abend zwei Geburtstage und ein Junggesellenabschied gefeiert werden. Die Gäste juchzen und grölen zu Rock ’n’ Roll und kippen ein Efes-Bier nach dem anderen. Hier sind Türken unter sich, Einheimische und heimisch Gewordene, Antalyas Jugend, gebürtige Izmirer oder Istanbuler, die an die Akdeniz-Universität und in den ewig warmen Süden kamen, um allabendlich genau dorthin zu gehen, wo weder deutsche, russische oder französische Touristen noch konservative Landsleute zu finden sind.

Während im Meyhane die voluptuöse Sängerin samt wilder, roter Lockenpracht ihre Trauer über das verblühende Leben besingt, hüpfen nebenan die Twens der gutbürgerlichen Mittelschicht zur ambitioniert verzerrten Elektrogitarre: Hit the Road Jack! Karaoke-Time im Jungle Pub, zweimal die Woche von 21 Uhr an in der Livemusik-Stadt Antalya. Bei Islak-Islak, einem türkischen Rock-Klassiker der siebziger Jahre, flippt die feierlustige Gesellschaft schließlich aus. Der Boden vibriert, die Aircondition schnaubt, ans Rauchverbot hält sich niemand, und ginge es streng nach dem Koran, wären die qualmenden, Bier trinkenden, Miniröcke tragenden Frauen zwischen 20 und 35 ein veritabler Problemfall. Draußen, in den überschaubaren Gassen der Altstadt Kaleiçi, verweben sich Lounge-Sound, Rock, Jazz, Chill, okzidentale Geigenklassik und orientalische Folklore aus den diversen Bars und Restaurants zu einem großen Klangteppich.

Genau genommen gibt es drei Antalyas: die gassenwirre Altstadt Kaleiçi mit dem Jungle Pub; die drum herum wuchernden Viertel der sechziger und siebziger Jahre, betonselig, geschäftig, funktional, mit Starbucks, Marks & Spencer, Sushi und GAP, von fragwürdiger Shoppingmall-Schönheit; schließlich die Zentren des internationalen Massentourismus, die etwa 15 Kilometer östlich der Altstadt beginnen und sich von Kundu, Belek, Side bis nach Alanya ziehen. Insgesamt leben 1,39 Millionen Menschen auf der weiten Fläche der Großstadt Antalya. Wo vor ein paar Jahrzehnten noch Obst und Baumwolle wuchsen, erheben sich jetzt Hochhäuser mit Apartments, gerahmt von zwei mächtigen Gebirgszügen. Und doch wirkt nichts gedrängt in diesem halben Kessel – was an der Weite des angrenzenden Mittelmeers liegen könnte oder an einer gewissen Gelassenheit der Bewohner.