In der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte gilt es als unbestritten, dass die Entwicklung der Erwerbsarbeit in Deutschland von einem kontinuierlich steigenden Ausbildungs- und Qualifikationsniveau geprägt ist. Alle Anstrengungen sollten unternommen werden, um diesen Prozess zu fördern. Nur dadurch könne angesichts der intensiven internationalen Konkurrenz das bestehende Beschäftigungs- und Wohlstandsniveau auf Dauer gesichert werden.

Indes zeigt eine genauere Analyse, dass sich die gegenwärtige industrielle Erwerbstätigkeit diesem Bild kaum fügt. Hier sind nicht nur qualifizierte Facharbeiter und hochkompetente Ingenieure tätig, die komplexe und innovative Hightechprodukte entwickeln und fertigen. Vielmehr führen mehr als ein Fünftel der Beschäftigten im gesamten Verarbeitenden Gewerbe Einfacharbeiten aus, die oft hochgradig repetitiv sind. Laut den Ergebnissen eines laufenden Forschungsprojektes an der TU Dortmund war die Nachfrage nach industrieller Einfacharbeit im vergangenen Jahrzehnt recht stabil. Trotz Krise im Jahr 2009 wies Einfacharbeit im Verarbeitenden Gewerbe einen Anteil von 22 Prozent auf beziehungsweise rund 1,6 Millionen Beschäftigte.

Anzutreffen ist Einfacharbeit in Branchen wie dem Ernährungsgewerbe, der Gummi- und Kunststoffverarbeitung oder der Metallerzeugung. Oftmals sind in den Betrieben mehr als 50 Prozent der Beschäftigten als Un- und Angelernte tätig. Sie bedienen Maschinen, stellen Lebensmittel, Antriebsriemen oder Gussteile her und verpacken und verladen fertige Produkte. Einfacharbeit ist eine Domäne kleinerer bis mittelgroßer Industriebetriebe, die flexibel und günstig oft für stabile regionale Märkte und Nischen produzieren.

Viele Industriebetriebe stoßen bei der Verlagerung solch einfacher Tätigkeiten in Billiglohnländer oder bei ihrer Automatisierung an organisatorische, technische und ökonomische Grenzen. Kleinere Produktserien für Märkte mit schnell wandelbaren Qualitäts- und Flexibilitätsanforderungen machen dies umso schwieriger.

Die politischen Konsequenzen dieser Befunde liegen auf der Hand: Die dominierende Vision, wonach in Deutschland einfache Massenproduktion keine Chance mehr habe, greift zu kurz. Der aus dieser Vision folgende wirtschafts- und innovationspolitische Fokus auf Spitzentechnologien vernachlässigt die nach wie vor große wirtschafts- und beschäftigungsstrukturelle Bedeutung der Einfachproduzenten.

Eine realistische Wirtschafts- und Innovationspolitik müsste auch auf die Stabilisierung jener Bereiche hinwirken. Zwar entspräche dies nicht dem Bedürfnis der Politik, weithin sichtbare "Leuchttürme" von Spitzentechnologien zu etablieren, jedoch wäre dies ein substanzieller Beitrag zur Sicherung von existierenden Arbeitsplätzen. Ansatzpunkte wären etwa Maßnahmen, die sich auf die Verbesserung gerade auch der Strategie- und Innovationsfähigkeit der infrage stehenden kleineren und mittleren Betriebe beziehen.

Auch die Bildungspolitik ist hier gefragt. Die weithin akzeptierte Formel "Hohe Qualifikation gleich mehr Wirtschaftskraft" greift zu kurz, denn auch künftig sind offensichtlich Arbeitskräfte mit Schulabschluss, aber ohne qualifizierte Ausbildung unverzichtbar. Notwendig sind für diese Beschäftigten vielmehr gezielte und spezifische Anlern- und Weiterbildungsprozesse – die auch die oftmals nur begrenzte Bildungsfähigkeit in Rechnung stellen.