"Das Schlimmste wäre, wenn Piëch und Winterkorn ausfallen würden"

Parallel dazu wildern die Wolfsburger bei der Konkurrenz, besonders intensiv bei Daimler und BMW. "Die VW-Leute baggern mit allen Mitteln bei unseren Leuten", berichtet ein Topmanager aus Süddeutschland, der nicht genannt werden will. Er sagt voraus: "Entscheidend wird sein, ob es VW gelingt, genügend erfahrene Leute aufzutreiben."

Wenn es um Autos gehe, hätten sie stets dieselben Vorstellungen, sagen Winterkorn und Piëch voneinander. "Wir sind bestens eingespielt", betont Winterkorn in Berlin ausdrücklich, schließlich arbeite man schon seit 30 Jahren eng zusammen. Bei großen strategischen Fragen gilt es dann nur noch, einen Mann zu überzeugen: Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Gemeinsam ist die Troika überaus durchsetzungsstark – so ließen sie beispielsweise den Versuch des ehemaligen Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking scheitern, Volkswagen zu übernehmen. "Es kann nur einer an der Spitze stehen", kommentierte Piëch den Ausgang des Machtkampfs im Nachhinein. Die Arbeitnehmervertreter haben zusammen mit den Vertretern des Landes Niedersachsen immer eine Mehrheit im Aufsichtsgremium. Die ist im Volkswagen-Gesetz und sogar in der Unternehmenssatzung garantiert.

Piëch sorgt dann dafür, dass im Aufsichtsrat auch auf der Kapitalseite alles klargeht: Er hält die Clans der Porsches und Piëchs zusammen, die über die Porsche Holding SE derzeit 50,1 Prozent der stimmberechtigten Anteile an der Volkswagen AG kontrollieren. Zusammen mit den beiden anderen Großaktionären Niedersachsen und Qatar bilden sie eine stabile Aktionärsstruktur.

Piëch hat die Aufsichtsräte auch davon überzeugt, dass es zu Winterkorn an der Unternehmensspitze bislang keine Alternative gibt. So wurde dessen Vertrag im Januar einstimmig um weitere fünf Jahre verlängert. Und auch Piëch ist noch nicht amtsmüde.

Die nächste Führungsgeneration ist in den Augen der Altvorderen noch nicht so weit. Audi-Chef Rupert Stadler, der aus Ingolstadt fast die Hälfte zum Konzerngewinn beisteuert, ist eben Betriebswirt und kein Ingenieur. Der Elektroingenieur Karl-Thomas Neumann, der einst den Großzulieferer Continental führte, soll sich erst noch in China bewähren. Und auch die Chefs der anderen Konzernmarken werden noch beobachtet.

So bleibt die Ämterfülle der beiden älteren Herren an der Spitze bestehen. Piëch führt auch noch den Aufsichtsrat von MAN. Winterkorn ist nicht nur Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, sondern füllt auch noch die Funktionen als VW-Markenchef und oberster Konzernentwickler aus. Er ist Vorstandsvorsitzender der Porsche Holding SE und mischt in etlichen Aufsichtsräten der Töchter mit. Heute China, morgen Amerika, übermorgen Berlin oder Bratislava, das ist die typische Reiseroute von Winterkorn. Während mancher Wochen schläft er häufiger im Firmenjet als im heimischen Bett im Wolfsburger Umland.

Die Frage ist, was Piëch und Winterkorn ausrichten können, wenn die Schuldenkrise in den Vereinigten Staaten und in Südeuropa den Höhenflug der PS-Branche stoppen sollte. Oder wenn Chinas politische Führer hart in den Markt eingreifen. Dann kommt der Testfall für den ganz auf Wachstum ausgelegten Konzern. Verteilungskämpfe zwischen den deutschen Stammwerken und neuen Fabriken in Indien, China, Russland oder Amerika könnten ausbrechen. Ein Konzernvorstand in Wolfsburg müsste dafür sorgen, dass 48.000 Menschen – wenn man die Lkw-Marken Scania und MAN hinzurechnet – noch genügend Arbeit haben.

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überdrehen", sagte Winterkorn in Berlin, bevor er in die Limousine nach Wolfsburg stieg. Ein Moment der Nachdenklichkeit. Nachdenklich stimmt auch, was ein Mitglied des Aufsichtsrats gesteht: "Das Schlimmste für Volkswagen wäre es, wenn Piëch oder Winterkorn plötzlich ausfallen würden."