Anders als im normalen Opernbetrieb hat der Applaus bei den Bayreuther Festspielen eine mehr als nur dekorative Bedeutung: Hier wird noch mit Inbrunst gebuht und mit den Füßen getrampelt, als handle es sich um ein Plebiszit über Minarette in einem Schweizer Kanton. Bei aller Bühnenweihfestspielhaftigkeit wird zum Beispiel durchaus mal in die laufende Musik ein scharfes Buh hineingerufen – woraufhin das Publikum grübelt, an wen die Missfallensäußerung wohl adressiert war: Galt sie dem Regisseur oder dem Sänger, dem Bühnenbildner oder dem Dirigenten?

Den Dirigenten kann man ausschließen. Er wird nie, nie, nie ausgebuht. Der Dirigent ist sakrosankt. Er mag über seinem Pult einschlafen, ihm mag der Taktstock aus der Hand fallen – das Äußerste an Kritik, mit dem er rechnen muss, ist ein lauer Schlussapplaus.

Auch die Sänger werden in Bayreuth in der Regel wohlwollend behandelt. Man würdigt gewissermaßen unter Sportsfreunden ihre schiere Durchhaltekraft, so wie man ja auch bei einem Marathon den letzten, der ins Ziel einläuft, nicht verspottet, sondern seine Moral würdigt.

Die Buhs gelten meistens dem Regisseur. Nach Katharina Wagners Meistersinger -Inszenierung herrschte Empörung. Die Meistersinger enden mit einer Schlussansprache von Hans Sachs, deren Charakter einer nationalen Einpeitschung selbst für unerschütterliche Historisten eine Herausforderung ist: Sachs beschwört die deutsche Kunst und warnt vor welschem Tand: "Was deutsch und echt, wüsst keiner mehr, lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr." Katharina Wagner ließ zu dieser Sportpalast-Rede zwei überdimensionale Goethe- und Schiller-Skulpturen im Arno-Breker-Stil aus dem Bühnenboden wachsen.

Das war zu viel für das Publikum. Die Buhs waren von erbittertem Zorn. Was sind das für Menschen? Ästhetische Traditionalisten? Oder ist das der Wutbürger als Konzertgänger? "Die will mir meinen Wagner nehmen!" Eine solche Haltung gibt es nur noch hier. Bayreuth ist eine herrliche Zeitreise raus aus unserer abgeklärt-relativistischen Zivilisation. Hier gibt es noch die Andacht, das Schwelgen, den heiligen Zorn und die Ergriffenheit als sozial zugelassene Affekte. Was unsere ironische Urbanitätsgesellschaft an Pathos entsorgt hat, darf in Bayreuth noch einmal empfunden werden. Am besten in fränkischer Tracht – als Ausdruck stolzen Anachronismus.

Es gibt auch Ausnahmen. In Neuenfels’ Lohengrin -Inszenierung saß ein Herr neben mir, der nicht ein einziges Mal klatschte. Er schaute weder wütend noch genervt, weder lächelte er, noch zog er eine Grimasse. Er saß da wie eine Sphinx. Wie ein Android, dessen Affekt-Programm abgestürzt ist. Das ist die wahre Pest. Wie kann man sich sechs Stunden Wagner-Oper geben, um am Ende jede Ausdrucksartikulation zu verweigern? Da würde ich doch lieber gleich in der Zeit meine Steuererklärung 2010 erledigen.