Niemand, dem die RAF den Vater oder den Ehemann genommen hat, ist so weit gegangen wie Buback. Aber er ist längst nicht mehr der einzige Hinterbliebene, der Jahre nach der Tat zu ergründen sucht, was damals, im Deutschen Herbst, wirklich geschah. Der an eine andere als die offizielle Wahrheit glaubt. Am deutlichsten formuliert das mittlerweile Corinna Ponto, die Tochter des 1977 ermordeten Vorstandssprechers der Dresdner Bank Jürgen Ponto. In ihrem Buch Patentöchter schreibt sie von der "inneren Gewissheit" ihrer Familie, dass die bisherige Deutung der unaufgeklärten Morde der dritten RAF-Generation ein "Mythos" sei: "Die spurenlose Perfektion bestärkt uns in unserem Verdacht, dass die Terroristen von östlichen Geheimdiensten gelenkt wurden."

Es ist eine bittere Pointe der RAF-Geschichte: Ausgerechnet die Ehefrauen, Töchter und Söhne der Ermordeten verdächtigen den Staat, er halte die Wahrheit über die Terroristen zurück. Ponto und Buback stehen mittlerweile in regem Kontakt.

"Ich erhoffe mir zufriedenstellende und nachvollziehbare Antworten. Wenn ich sie nicht erhalte, dann könnte es sein, dass eine Welt für mich zusammenbricht", schrieb Michael Buback im Frühjahr 2007 in der Süddeutschen Zeitung . Damals stand er am Anfang seiner Suche. Er hatte Respekt, Mitgefühl und Verständnis auf seiner Seite. Und er hatte Hoffnung.

Buback sitzt fast jeden Tag im Gerichtssaal. Er ist Nebenkläger, er darf die Akten einsehen, Fragen und Anträge stellen. Er ist stets akribisch vorbereitet, protokolliert genau und führt ein eigenes Blog. Seine Frau, auch sie Kind eines Bundesanwalts, sitzt meist neben ihm. Sogar ihren 40. Hochzeitstag hat sie mit ihm dort verbracht. Dass es überhaupt zu diesem neuen Verfahren kam, war wesentlich auf Bubacks Beharrlichkeit zurückzuführen. Für ihn ist der Prozess "vermutlich die letzte Chance, das Verbrechen vor Gericht aufzuklären".

Aber das Verfahren in Stuttgart hat schnell eine erstaunliche Schieflage entwickelt. Die Ankläger agieren als Verteidiger ihrer Anklage und Buback als Ankläger der Ankläger. Die zwei Verteidiger von Verena Becker halten sich da meist im Hintergrund.

Auch nach gut 50 Verhandlungstagen haben die Richter in Stuttgart so gut wie keine neuen Einsichten zutage gefördert. Dabei gibt sich der 6. Senat alle Mühe. Er ist dem Nebenkläger weit entgegengekommen und verhandelte in den ersten Monaten über Fragen, die gar nicht in der Anklage stehen, etwa über das Geschehen zur Tatzeit am Tatort. Mit immensem Aufwand hat das Gericht Dutzende Zeugen vernommen, die Buback benannt hatte. Ihre Aussagen sollten beweisen, dass Verena Becker auf dem Sozius des Motorrads saß. So will eine Zeugin aus etwa 50 Metern Entfernung an den Oberschenkeln der Person auf dem Sozius erkannt haben, dass es sich um eine Frau gehandelt habe. Buback bedankt sich danach bei der Zeugin: "Sie waren großartig!"